Interview

"Ich gebe Arthur Abraham noch eine Chance"

Seit 1971 arbeitet Ulli Wegner (69) als Boxtrainer. Bei den Amateuren erkämpften seine Schützlinge über 100 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. 1996 wechselte er zu den Profis des Berliner Sauerland-Boxstalls. Morgenpost-Redakteur Gunnar Meinhardt sprach mit Wegner.

Die Welt: Herr Wegner, Yoan Pablo Hernandez ist nach Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham, Marco Huck und Cecilia Braekhus Ihr sechster Profiweltmeister. Wo ordnet er sich in Ihrer Galerie ein?

Ulli Wegner: Für mich ist jeder Gewinn eines Weltmeistertitels ein innerer Vorbeimarsch. Sven allerdings steht über allen, und das nicht nur, weil er mein erster Weltmeister war. Pablos Triumph ist aber auch ein ganz besonderer. Der Junge hat eine solch spannende, interessante Lebensgeschichte, die ist filmreif. Geärgert hat mich nur das Kampfende.

Die Welt: Das Duell um den Titel der IBF im Cruisergewicht wurde nach der 6. Runde abgebrochen, weil sich Hernandez durch unabsichtliche Kopfstöße von Titelverteidiger Steve Cunningham tiefe Risswunden im Gesicht zugezogen hatte. Laut Reglement ergab sich das Urteil aus der Punktevergabe bis dahin - 2:1 für Hernandez.

Ulli Wegner: Ich bin sicher, Pablo hätte Cunningham in Runde sieben oder acht ausgeknockt. Das wäre die Krönung gewesen. Bis zum Abbruch hat Pablo alles richtig gemacht. Die Cuts waren jedoch brutal tief, bis auf die Knochen, dass mir schlecht wurde. Sie waren schlimmer als Arthurs Kieferbruch im Kampf gegen Miranda.

Die Welt: Sie betonen, Hernandez sei ein besonderer Weltmeister, warum?

Ulli Wegner: Ich kenne die Kubaner sehr gut. Pablo aber ist kein typischer Kubaner. Sein Auftreten, seine Trainingseinstellung, seine Zuverlässigkeit und Disziplin, wie er sich in die deutsche Ordnung eingepasst hat, das alles ist beispielhaft. Und das unter mir, was eine Tortur ist. Pablo ist ein ganzer Kerl, er ist ein Vorbild.

Die Welt: Im Frühjahr 2005 hatte er sich von Kubas Amateurstaffel abgesetzt. Warum brauchte er bei dem Talent so lange bis zum Titel?

Ulli Wegner: Als ich noch Trainer in der DDR war, gab es die Faustregel, dass ein Sportler acht Jahre bis zur Weltspitze braucht. Sechs Jahre sind also nicht lange. Nach der K.o.-Niederlage vor drei Jahren gegen Wayne Braithwaite hatte kaum noch einer an ihn geglaubt. Doch diese Zeit hat er offenbar gebraucht. Er verbesserte seine Verteidigung, reifte enorm als Persönlichkeit. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Ihm würde es nie in den Sinn kommen, mit Tempo 230 durch Berlin zu rasen.

Die Welt: So wie Arthur Abraham vergangene Woche. Er behauptet aber, er sei gar nicht der Fahrer gewesen.

Ulli Wegner: Nein, es ist sein Zwillingsbruder gewesen (lacht laut). Er wollte doch nur zeigen, dass er einen Ferrari besitzt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Die Welt: Können Sie als Disziplinfanatiker solch ein Verhalten überhaupt dulden?

Ulli Wegner: Mir hat er nichts getan. Arthur ist alt genug. Er muss wissen, was er macht.

Die Welt: Haben Sie nach letzten Enttäuschungen noch Lust, ihn zu trainieren.

Ulli Wegner: Ich hatte tolle Zeiten mit ihm, er war immer sehr spendabel mir gegenüber, also gebe ich ihm noch eine Chance.

Die Welt: In Hernandez und Huck, dem Weltmeister der World Boxing Organization, gehören die weltbesten Cruisergewichtler zu Ihrer Trainingsgruppe. Kann das zum Problem werden?

Ulli Wegner: Wenn ich damit nicht fertig werden würde, müsste ich aufhören

Die Welt: Wer ist der Bessere von den beiden? Immerhin hat Hernandez in Cunningham jenen Champion besiegt, gegen den Huck vor vier Jahren seine bislang einzige Niederlage kassiert hat.

Ulli Wegner: Dazu sage ich nichts. Sie müssen mich auch nicht fragen, wem ich sekundieren würde, wenn sie gegeneinander kämpfen sollten!

Die Welt: Wird es dazu kommen?

Ulli Wegner: Solange ich Trainer bin nie. Das ist wie bei den Klitschko-Brüdern, die auch nicht gegeneinander antreten. Beide Jungs sind mir so ans Herz gewachsen, wie eigene Söhne. Ich hätte meinen Beruf verfehlt, wenn ich das zulassen würde. Schließlich ist auch jeder Titelgewinn für uns ein Segen.

Die Welt: Sie meinen für den Sauerland Boxstall, der vorige Woche die Zustimmung für den neuen Fernsehvertrag bei der ARD bis zum Jahr 2014 bekommen hat.

Ulli Wegner: Pablo ist eine Perle, mit 26 Jahren steht er erst am Karriereanfang. Er boxt absolut fernsehtauglich. Er sieht auch noch richtig gut aus. Er wird die Zuschauer rasch hinter sich scharen. Er wird ein Magnet für Deutschland.

Die Welt: Kann er zum Hauptkämpfer in der ARD werden?

Ulli Wegner: Ganz sicher. Glauben Sie mir, er wird ein echter Quotenbringer!

Die Welt: Ein größerer als Arthur Abraham?

Ulli Wegner: Pablo wird ein Star, ihn wird jeder lieben. Wissen Sie, wer beim Film von Max Schmeling mit Henry Maske als Schmeling den meisten Beifall bekam?

Die Welt: Na?

Ulli Wegner: Pablo Hernandez.

Die Welt: Er spielt Joe Louis.

Ulli Wegner: Richtig. Alle bewundern ihn. Auch als unlängst in Usedom eine neue Sporthalle mit meinem Namen eingeweiht wurde, bekam er den meisten Beifall. Pablo ist eine Erscheinung, er hat eine Ausstrahlung, die fasziniert.

Die Welt: Hernandez' Triumph kommt dann gerade rechtzeitig, nachdem Mittelgewichtler Sebastian Sylvester durch seine Niederlage im Kampf um die Europameisterschaft gegen den Polen Proksa künftig als Hauptkämpfer ausfällt. Was würden Sie dem Ex-Weltmeister raten?

Ulli Wegner: Es wird für Sebastian ein schwerer Gang. Ihm etwas zu empfehlen, widerstrebt mir. Der Pole ist aber auch ein Ausnahmeboxer. Gegen den würde selbst Felix Sturm (Mittelgewichts-Weltmeister der World Boxing Association - d.R.) kein Bein auf den Boden bekommen.

Die Welt: Und Arthur Abraham?

Ulli Wegner: Nächste Frage!

Die Welt: Abraham und Sylvester stehen am Scheidepunkt Ihrer Karriere. Wäre ein Duell der beiden nicht reizvoll?

Ulli Wegner: Ich muss mich jetzt auf die Titelverteidigung von Marco Huck am 22. Oktober in Ludwigsburg konzentrieren. Damit habe ich genug zu tun.