Fußball

Angst müssen nur die anderen haben

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Angeblich ist die Angst ein typisch deutsches Merkmal. Im englischsprachigen Raum ist "the German Angst" ein geflügeltes Wort. Es steht für die teutonische Zögerlichkeit und den Hang, sich übertrieben viele Sorgen zu machen.

Stichwörter wie Vogelgrippe, Klimawandel und die Furcht vor Atomunfällen tauchen in der Diskussion auf - so ganz von der Hand zu weisen ist es wohl nicht, dass hierzulande die Dinge eher schwarz als weiß gesehen werden.

Doch Deutschland ist im Wandel, und der Fußball hat Anteil daran. Wer hätte sich vor dem Jahr 2006 vorstellen können, dass die Zuschauer vor einem Länderspiel die Nationalhymne schmettern, ohne dabei vor Scham zu erröten? Dann kam die Weltmeisterschaft, und plötzlich wurden aus den angeblich verbiesterten Deutschen weltoffene Gastgeber, die sich schwarz-rot-goldene Fähnchen an ihre Autos steckten und auf Fanmeilen mit den internationalen Gästen jubelten.

Es gibt keine zu Großen mehr

Weitere Klischees bröckelten: Der deutsche Dampfwalzen-Fußball wurde von technisch anspruchsvollem Kombinationsspiel abgelöst. In der Bundesliga eroberten junge deutsche Spieler die Plätze von den Ausländern zurück, die noch in den 90er Jahren fast in jedem Verein die Schlüsselpositionen besetzten. Und nun schlägt die Nationalmannschaft auch noch einen Großen nach dem anderen.

In den vergangenen 17 Monaten machten England (4:1), Argentinien (4:0), Brasilien (3:2) und nun auch die Niederlande Bekanntschaft mit der neuen deutschen Wucht. Das 3:0 (2:0) gegen das Oranjeteam war derart souverän herausgespielt, dass sich selbst der sonst so zurückhaltende Spielmacher Mesut Özil zu euphorischen Aussagen hinreißen ließ: "Holland hatte heute gar keine Chance. Wir müssen um den EM-Titel spielen. Ich bin überzeugt davon, dass wir das schaffen können." Drastischer drückte es die niederländische Zeitung "Volkskrant" aus: "Deutschland war ein harmonisches Orchester. Die Niederlande eine angetrunkene Blaskapelle ohne Dirigenten."

Nun geht es sogar der "deutschen Angst" an den Kragen. Bundestrainer Joachim Löw persönlich schwingt sich zum Botschafter gegen die Klischees auf. Während die "Deutsche Presse-Agentur" mit Blick auf die Europameisterschaft vor "Hammerlosen" warnte und die Kollegen von "dapd" eine "Hammergruppe" in Aussicht stellten, war Löw die Ruhe in Person. "Angst? Ich habe keine Angst. Hatte ich vor dem Niederlande-Spiel nicht. Und jetzt auch nicht", sagte er.

Natürlich kennt auch Löw die Modalitäten für die EM-Auslosung am 2. Dezember. Deutschland wird aus Topf zwei gezogen werden und dementsprechend aus Topf eins wahlweise Polen, die Ukraine, Spanien oder die Niederlande zugelost bekommen. Schuld daran ist der Uefa-Koeffizient, der die vergangenen Qualifikationswettbewerbe und Turniere berücksichtigt. In dieser Liste liegen Spanien und die Niederlande vor uns, die Gastgeberländer sind zudem als Gruppenköpfe gesetzt.

Aus den weiteren Töpfen könnten Portugal und Frankreich hinzukommen. Eine Gruppe mit Deutschland, Spanien, Portugal und Frankreich wäre in der Tat ein "Hammer", ist allerdings auch ziemlich unwahrscheinlich. 1,56 Prozent beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass genau diese Viererkombination in Kiew gezogen wird.

Spanien ist derzeit außer Form

Und selbst wenn: Niemand in dieser Gruppe müsste derzeit weniger zittern als die Deutschen. Welt- und Europameister Spanien schlampte zuletzt und kam nach dem 0:1 gegen England auch gegen Costa Rica nicht über ein 2:2 hinaus. Die Portugiesen schafften es nur über die Relegation zur EM. Und Frankreich ist ohnehin nur noch ein Schatten seiner selbst. "Eine Kerze und zwei Aspirin, das ist es, was Laurent Blanc braucht, wenn er sich die DVD von Deutschland anschaut. Die Kerze, um das Schicksal anzuflehen, dass Frankreich nicht in dieselbe Gruppe wie Deutschland kommt. Die Aspirin, um das Kopfzerbrechen zu minimieren", schrieb "L'Equipe".

"Deutschland fordert Spanien heraus. (...) Bisher hatte man gedacht, die Niederländer seien der wichtigste Titelrivale. Das 0:3 gegen Deutschland zeigt jedoch, dass der Vizeweltmeister einige Stufen unterhalb der Weltspitze rangiert", schrieb "El Mundo" aus Spanien, während "Gazzetta dello Sport" (Italien) titelt: "Holland verwüstet. Das junge deutsche Team ist mächtig gewachsen."

Gewachsen in alle Richtungen. Neben dem qualitativen Zuwachs ist der Andrang von jungen, hochbegabten Spielern enorm. Wir erinnern uns: Vor zehn Jahren wurde das Ausnahmetalent Sebastian Deisler angeschaut wie ein Außerirdischer. Heute brilliert Toni Kroos, wenn Bastian Schweinsteiger ausfällt. Hinter Mesut Özil lauert Mario Götze, hinter Thomas Müller kommt Marco Reus. Und der bemitleidenswerte Mario Gomez kann in der Bundesliga treffen, wie er will. Kommt er zur Nationalmannschaft, ist es wie mit dem Hasen und dem Igel. Für die Vorstellung des Stürmerkollegen Miro Klose gegen die Niederlande gab es nur ein Prädikat - "Weltklasse".

Nun ist die Begeisterung für die deutsche Mannschaft eine schöne Sache, andererseits verleitet zu viel Euphorie auch zu Fehlern. War nicht Franz Beckenbauers Spruch nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 der Anfang einer langen Talfahrt? "Durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR wird Deutschland auf Jahre unschlagbar sein", hatte der deutsche Teamchef prognostiziert. Zehn Jahre später bemerkte der Deutsche Fußball-Bund, dass vergessen wurde, den Nachwuchs ausreichend zu fördern. Diesen Fehler will Löw nicht begehen: "Diesmal waren wir besser, das muss aber in einem halben Jahr nicht genauso sein", sagte der Bundestrainer: "Wenn die EM morgen losgehen würde, wäre ich natürlich froh, dann wären wir in einer klasse Verfassung. Bei einem Turnier braucht man aber drei, vier Wochen diese Form." Es gibt also doch noch etwas zu tun am deutschen Wunderteam. Und sei es nur, es so gut zu erhalten, wie es derzeit ist.