Fußball

Aufstehen, Hertha

Die Marschroute bei Hertha BSC hieß: Kleinreden. Oder hatte im Ernst jemand erwartet, dass der Bundesliga-Aufsteiger beim FC Bayern etwas zu bestellen hatte? Im Übrigen hätte es doch viel schlimmer als 0:4 (0:3) enden können, oder? Mittelfeldspieler Patrick Ebert sagte: "Wir haben verloren gegen die beste Mannschaft Deutschlands, eine der drei besten in Europa."

Überhaupt stehe Hertha als Neuling besser da als erwartet: drei Siege, drei Unentschieden, drei Niederlagen. Platz zehn. Unterton: Eigentlich ist gar nichts passiert.

Doch Hertha BSC sollte sich nicht selbst einlullen. Noch nie in seiner Bundesliga-Historie sind die Berliner auswärts dermaßen hergespielt worden wie in der ersten Viertelstunde in München. 0:3 lagen die Gäste nach Toren von Gomez (5.), Ribery (7.) und Schweinsteiger (13.) zurück. Locker hätten die Bayern sechs, sieben Tore erzielen können. Keine Frage, in München werden in dieser Saison noch andere verlieren. Aber der Tabellenführer hat "eine kostenlose Lektion erteilt, auf die ich gern verzichtet hätte" (Mittelfeldspieler Peter Niemeyer). Die Berliner sollten Lehren ziehen aus dem Desaster in der mit 69 000 Fans ausverkauften WM-Arena.

Hertha und das Tempo

Die kommenden Partien haben es in sich. Am Sonnabend geht es gegen den FSV Mainz, dann zum VfL Wolfsburg (29. Oktober), am 5. November kommt Mönchengladbach. Und die Konkurrenz wird genau auf die Schwachstellen schauen, die der FC Bayern offengelegt hat. Mit Christian Lell, Andre Mijatovic und Levan Kobiashvili boten gleich drei Verteidiger beim Tabellenführer ihr schlechtestes Saisonspiel. Alle drei hatten unübersehbare Schnelligkeitsprobleme. Lell bekam Franck Ribery überhaupt nicht in den Griff, der Franzose war an allen Toren beteiligt (siehe Grafik unten). Kobiashvili musste sich gar öffentlich rügen lassen, das geschieht selten bei Hertha. Zu jener Szene, als Bayerns Jerome Boateng um Peter Niemeyer und Kobiashvili im Stile eines Slalomläufers kurvt und das 2:0 vorbereitete, sagte Hertha-Manager Michael Preetz in der TV-Sendung "Doppelpass": "Da wurde der Gegner nur durch Anwesenheit gedoppelt, aber nicht gestört. Levan, der gerade in Georgien für sein 100. Länderspiel geehrt worden ist, weiß, dass er sich da anders verhalten muss." Noch bitterer wurde Mijatovic hergespielt. Der Kapitän verlor mehrfach Laufduelle gegen Mario Gomez. Der Nationalstürmer löste sich sogar mit Ball am Fuß wieder und wieder mühelos von Mijatovic. Nach bisher zumeist starken Saison-Leistungen bestätigte der Kroate zum ersten Mal die Kritiker, die Mijatovic fehlenden Speed für die erste Liga attestiert haben. Gespannt darf man sein, wie Trainer Markus Babbel mit der Personalie umgeht. Auf der Bank in München saß Maik Franz (30). Der Innenverteidiger mit der Erfahrung von 189 Bundesliga-Einsätzen brennt seit Wochen auf seine Chance. Andererseits ist es ungeschriebenes Profi-Gesetz: Ein schlechtes Spiel kann jedem mal passieren. Dass dieser Konkurrenzkampf zudem als Kapitäns-Frage diskutiert werden wird, hat Babbel mit seiner Entscheidung für Mijatovic zum Saisonbeginn in Kauf genommen.

Nicht nur die Abwehrreihe, auch Andreas Ottl und Peter Niemeyer im defensiven Mittelfeld hatten dem Bayern-Tempo nichts entgegenzusetzen.

Hertha wird in dieser Saison gegen andere Gegner darauf achten müssen, dass das Spieltempo nicht zu schnell wird. Es beruhigt etwas, dass wohl kein Team in der Liga in der Lage ist, den Hochgeschwindigkeitsfußball der Bayern zu spielen. Perspektivisch aber muss sich da etwas ändern.

Hertha sucht Führung

Das Credo von Trainer Markus Babbel und Manager Michael Preetz heißt: Kompakt stehen, jeder muss sich einbringen. So wurde auch der Kader zusammengestellt. Das hat in diversen Partien gut funktioniert (gegen den Hamburger SV, in Hannover, in Dortmund und gegen Köln). Die Kehrseite der Medaille war in München zu betrachten. So ausgeglichen die Mannschaft zuletzt aufgetreten war, so einheitlich ergab sie sich bei den Bayern ihrem Schicksal. Es gab bei Hertha keinen Führungsspieler, an dem sich jemand hätte orientieren können. Kapitän Mijatovic und sein Vize Lell standen neben sich. Von Ottl war nichts zu sehen, von Patrick Ebert ebenso. Die Folgen beschrieb Herthas Bester, Torwart Thomas Kraft: "Wir hatten zu viel Respekt, zu viel Angst."

Nach neun Runden in der Bundesliga sucht die Mannschaft noch nach einen Leitwolf, der von seiner Leistung her unumstritten ist. Und in schwierigen Phasen voran geht.

Lasogga hilft daheim mehr

0 Tore, 0 Vorlagen, 0 Torschüsse, 0 Flanken - das ist der deprimierende Arbeitsnachweis von Pierre-Michel Lasogga (19) in München. Nach seinem Topspiel mit zwei Treffern gegen Köln (Endstand 3:0) fand der Youngster in München praktisch nicht statt. Er rannte, versuchte die Bayern im Aufbau zu attackieren. Allein, Lasogga kam nicht zum Zuge: "Die Bayern haben den Ball gut laufen lassen. Wir kamen immer einen Schritt zu spät." In München zeigte sich, dass die Wege für Lasogga in den gegnerischen Strafraum zu weit sind, wenn die Berliner sich zurückziehen. Das ist zumeist auswärts der Fall. Seine Stärken vor dem Tor kommen nur dann zum Tragen, wenn Hertha offensiver ausgerichtet ist. Bleibt zu hoffen, dass Adrian Ramos, der laufstarke Torjäger aus Kolumbien, nach seiner Verletzungspause rasch wieder in Topform kommt.

Wo ist der Teamgeist?

Der Zusammenhalt war eine Stärke im Aufstiegsjahr und auch zu Beginn dieser Saison. Nun ist der Teamgeist aber eine instabile, fließende Größe, die vorsichtig behandelt sein will. Die wird nun ausgerechnet durch den Trainer auf den Prüfstand gestellt, und das zum wiederholten Mal. So waren gestern beim Auslaufen auf dem Schenkendorff-Platz alle Spieler da - außer den Münchenern. Das heißt, die Profis Lell, Kraft und Ottl liefen in der Heimat aus. Während die anderen in Berlin unter Leitung von Cotrainer Rainer Widmayer die auf dem Arbeitsplan vorgesehene Einheit am Sonntag um 9.30 Uhr absolvierten. Einzig der Trainer hatte sich selbst einen freien Tag bei der Familie in München spendiert - so etwas gibt es in Fußball-Deutschland nirgendwo anders.

Zum zweiten Mal in Kürze gibt Babbel ein unglückliches Signal. Vor zehn Tagen hatte er sich beim Testspiel beim Oranienburger FC (5:0) - noch während die zweite Halbzeit lief - zum Flughafen Tegel fahren lassen. Nur so konnte er den letzten Flieger am Freitagabend heim zur Familie noch bekommen. Kapitän Mijatovic sagt gestern zu dem Thema: "Kein Kommentar. Das ist eine Entscheidung des Trainers."

Nun wird Babbel seit seinem Amtsantritt im Sommer 2010 nicht müde, von seinen Spielern zu fordern: Egoismen zurückstellen, alle bringen sich ein für die Gruppe und den gemeinsamen Erfolg. Realisieren der Trainer, und die, die ihn beraten, dass hier ein unnötiges Spannungsfeld aufgebaut wird?