Boxen

Herr Wegner und sein täglicher Sechser im Lotto

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Matthias Brzezinski

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" kostete am 6. September 1971 erstmals 1,80 D-Mark, auf der Autobahn A7 war eine British Aerospace wegen brennender Triebwerke notgelandet und die Rockband Led Zeppelin gab ein Konzert in Boston.

Alles keine Themen für die Buchhaltung des Bergbaubetriebs Wismut Gera. Denn der Sportsfreund Hans-Ullrich Wegner beschäftige die Zahlenakrobaten - und das schon seit dem Monatsersten. Angestellt als Trainer der gleichnamigen Boxstaffel musste der damals 29-Jährige irgendwie als Gehaltsempfänger integriert werden, denn der Sportetat war ausgeschöpft. "Und plötzlich war ich offiziell Bergarbeiter", lacht Sportsfreund Wegner 40 Jahre später, "die wollten mich haben, also mussten sie sich was einfallen lassen. Und so habe ich eben erst sechs Tage später meinen ersten Arbeitstag gehabt."

Ein belegtes Brötchen in der Hand, braun gebrannt vom Trainingslager mit Schwergewichtler Robert Helenius in Zinnowitz an der Ostsee, die Jeans von Hosenträgern gehalten ("John Wayne trug auch welche") - steht Deutschland populärster Faustkampfcoach genau da, wo er seinen Lebensmittelpunkt sieht. Da wo nicht zuletzt auch über seinen eigenen Erfolg oder Misserfolg entschieden wird - in der Trainingshalle. Derzeit auf dem Gelände des Olympiastadions. Nun also das 40-jährige Berufsjubiläum. "Hör auf, sonst fragt noch einer nach der Rente. Ich bin fit und die Jungs sind es auch." Wegner, der in seinem Haus in Berlin eine imposante Sammlung von Western-Utensilien, speziell im Zusammenhang mit John Wayne, hat, beißt ins Brötchen - das Wort Ruhestand gibt es in seinem Wortschatz nicht. Unterschiede zwischen den Boxern gibt es auch nicht. "Herr Wegner" behandelt alle gleich. Keiner muckt auf wenn "Herr Wegner" ohne Rücksicht auf Titel und Börsenhöhen Manöverkritik übt. Denn jedes noch so schonungslose Levitenlesen endet mit einer Aufmunterung, die dem Boxer das Gefühl gibt "Du schaffst, was ich von dir will". Immer wieder das symptomatische "Herr Wegner". Kein aktiver Boxer ist mit dem Cheftrainer vom Team Sauerland per Du. "Trainer und Boxer brauchen einen kleinen Zwischenraum, weil sie ganz unmittelbar aufeinandertreffen. Und mit einem 'Sie' liegen die Jungs nie falsch. Ich setze mich gern mit ihnen auseinander, aber die endgültige Entscheidung treffe ich", sagt Wegner. Das hat für ihn schon an seinem ersten Arbeitstag gegolten, als ihn sein Lehrmeister Hans Spazierer ("Der hat mir das Leben beigebracht") zum Nachfolger formte. "Ich bin ein Glücks-Ossi", sagt Wegner, "ich konnte nach der Wende als Trainer weiterarbeiten. Das ist wie dauernd sechs Richtige im Lotto."

Mit dem Cottbuser Marco Rudolph holte er 1991 in Sydney den WM-Titel bei den Amateuren. Nach den Olympiamedaillen durch die Berliner Oktay Urkal (Silber) und Thomas Ulrich (Bronze) in Atlanta folgte 1996 der Wechsel von den Amateuren ins Profilager. Hier führte er Sven Ottke (im 13. Profikampf), Markus Beyer, Arthur Abraham, Cecilia Braekhus und Marco Huck zu WM-Titeln. Zu Ottke, der ihm bei seinem Karriereende zum Dank ein BMW-Cabriolet geschenkt hatte, baute er ein inniges Verhältnis auf. "Er war mein und ich war sein Glücksfall."

Was bleibt ist ein Ziel. "Ich möchte einen Schwergewichts-Weltmeister formen", sagt Wegner und hofft auf den 27 Jahre alten Wahl-Berliner Helenius. Was noch bleibt ist ein unerfüllbarer Wunsch. "Ich hätte gern mit Graciano Rocchigiani gearbeitet. Der war im Ring unfassbar intelligent. So was habe ich nie wieder gesehen", schwärmt Wegner und vergisst dabei sogar das leckere Brötchen.