Leichtathletik

Sorgen vor dem großen Wurf

Die Sache mit dem Apfelsaft zum Beispiel. Silke Spiegelburg liebt Apfelsaft, im Hotel der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft auf der Insel Jeju gab es aber keinen. Wo manch ein Spitzensportler muffelig lamentiert hätte, agierte die Stabhochspringerin pragmatisch: Sie fuhr einfach in die Stadt und kaufte sich auf eigene Kosten welchen.

Natürlich ist diese Anekdote aus dem Vorbereitungscamp für die Weltmeisterschaften im Grunde banal. Andererseits illustriert sie doch recht hübsch, dass es eben nicht nur, wie man meinen könnte, Grantler gibt im Lager der Werfer, Springer und Läufer. So wie den Stabhochspringer Malte Mohr, der nach mehreren Tagen in der Abgeschiedenheit des südkoreanischen Eilands jammerte: "Im Prinzip langweile ich mich den ganzen Tag zu Tode. Da geh ich dran kaputt."

Spiegelburg kann darüber nur schmunzeln. "Malte Mohr muss immer irgendwelche Spielsachen haben. Wenn er sich nicht selber beschäftigen kann - tut mir leid!" Die Leverkusenerin, 2009 WM-Vierte und mithin in Daegu durchaus für eine Medaille gut, sagt: "Ich fand das Trainingslanger auf Jeju ganz gut, habe dort sechs Tage verbracht. Es waren Wohlfühlbedingungen. Klar war nicht alles ideal, über den Kraftraum zum Beispiel haben sich unsere Werfer beklagt. Aber ich habe schon Schlimmeres gesehen. Und ich meine, man muss die Dinge nehmen, wie sie sind und das Beste daraus machen."

Es hat einige Diskussionen gegeben über die Vorbereitung der - nach Abzug dreier Verletzter - 72 deutschen Leichtathleten auf diese WM. Vor allem die Schwerathleten moserten über miserable Bedingungen auf der eine Flugstunde von Daegu entfernten Basis: ein ramponierter Wurfkäfig, ein unebener Ring, Regenwetter - da packte die größte deutsche Gold-Hoffnung Betty Heidler entnervt vorzeitig den Koffer und zog schon gestern ins Athletendorf, vier Tage früher als geplant. "Das erste Viertel des Rings war abschüssig. Man stand auf Zehenspitzen, drehte bergauf, bevor man dann auf einer Ebene drehte", erklärt Hammerwurfkollege Markus Esser, der heute Mittag (MESZ) in der Qualifikation antritt. "Das ist nicht optimal. Andererseits reden wir hier von einer Woche Vorbereitung - nicht von einem Jahr."

Die Verantwortlichen gaben sich unterdessen gelassen. DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen versprach, fürderhin im Vorfeld von Großereignissen genauer die Gegebenheiten zu prüfen. Und der Vizepräsident des Verbandes, Günther Lohre, befand: "In so einer großen Mannschaft kann man es nicht jedem recht machen. Wir können nicht die Trainingsbedingungen aus Deutschland auf eine koreanische Insel verpflanzen." Wobei durchaus Ähnlichkeiten bestehen zwischen den mangelnden Freizeitangeboten, wie der Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch feixte: "Rundherum auf Jeju konnte man wenig machen. Deswegen fahren wir ja auch immer nach Kienbaum trainieren - da kann man auch nichts machen."

Ob die Kontroverse um die Frage "Fördert Abgeschiedenheit die Leistung?" geschadet oder geholfen hat, werde sich "erst hinterher beurteilen lassen", sagt Lohre, und: "Ich habe das Gefühl, wir sind sehr gut vorbereitet. 2009 war die Ausbeute insgesamt, über alle Leistungen der Mannschaft gesehen, nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben", mahnt er, "prozentual gesehen haben relativ wenige Athleten ihr Leistungsvermögen ausgeschöpft. Ich hoffe, dass uns das in diesem Jahr besser gelingt." Dabei hatten die DLV-Athleten vor zwei Jahren bei der WM in Berlin neun Medaillen eingeheimst und Platz sechs im Medaillenspiegel sowie Rang fünf in der Nationenwertung belegt, die die Platzierungen 1 bis 8 berücksichtigt.

"Wir haben eine junge, schlagkräftige Mannschaft, und hoffen, dass sie so abschneidet wie 2009", sagt deshalb DLV-Präsident Clemens Prokop. Für die beiden Goldmedaillen sorgten seinerzeit die inzwischen zurückgetretene Speerwerferin Steffi Nerius und der Diskuswerfer Robert Harting. Auch in Daegu gehört der Berliner zu den Sieganwärtern, wiewohl ihn sein Knie piesackt und niemand wirklich sagen kann, was der Koloss zu leisten imstande ist. Er selbst eingeschlossen.

In so einer großen Mannschaft kann man es nicht jedem recht machen.

Günther Lohre, DLV-Vizepräsident