Basketball

"Dirk ist einer von uns"

Steffen Hamann ist Kapitän der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, die am Sonntag in der ausverkauften O2 World in Berlin (Beginn 15 Uhr/RBB live) im letzten Testspiel vor der EM in Litauen (31. August bis 18. September) auf Mazedonien trifft. Mit dem 30-jährigen Hamann, der bisher 122 Länderspiele bestritt, sprach Morgenpost-Redakteur Sebastian Arlt.

Berliner Morgenpost: Herr Hamann, laut einer Umfrage glauben 43 Prozent der Deutschen an den EM-Titel. Ganz schön viel Vertrauen, das der Basketball-Nationalmannschaft entgegengebracht wird. Haben die Leute recht?

Steffen Hamann: Das ist doch sehr weit hergeholt. Danke für das Vertrauen, aber umso mehr steigt auch der Druck. Erst mal muss das Ziel sein, die Vorrunde zu überstehen, dann ist alles möglich. Man darf nicht vergessen, allein in unserer Gruppe sind zwei, drei Mannschaften, die um den Titel mitspielen werden.

Berliner Morgenpost: Die hohen Erwartungen hängen natürlich direkt mit dem Mitwirken der beiden NBA-Stars Dirk Nowitzki und Chris Kaman zusammen. Um wie viel stärker ist das Team mit ihnen geworden im Vergleich zu vorher?

Steffen Hamann: Was die beiden uns bringen, kann man schlecht in Prozentzahlen ausdrücken. Wichtig ist, dass wir im Prozess des Zusammenwachsens ständig einen Schritt weitermachen. Das ist uns bisher sehr gut gelungen. Unser Ziel ist es, am nächsten Mittwoch im ersten EM-Spiel gegen Israel alles aus der ganzen Mannschaft herauskitzeln zu können, was wir haben.

Berliner Morgenpost: Eigentlich ist das Integrieren neuer Spieler ein Prozess, der wochen-, ja sogar monatelang dauert. Jetzt hat man nur insgesamt zwei Wochen und sechs Trainingsspiele lang Zeit. Warum funktioniert es trotzdem?

Steffen Hamann: Ein Vorteil ist, dass wir ohne die beiden Jungs aus der NBA als Mannschaft in den vergangenen beiden Jahren schon zwei große Turniere (Anm. d. Red.: EM 2009 in Polen und WM 2010 in der Türkei) zusammen gespielt haben, zumindest wir uns also alle schon mal gut kennen.

Berliner Morgenpost: Dann kamen die beiden dazu.

Steffen Hamann: Ja, aber es war total einfach, die beiden zu integrieren. Sie sind sehr offen und umgänglich und hören auch zu, wenn einer von uns etwas sagt. Und sie sind natürlich clever und erfahren genug, um Anweisungen des Trainers sofort umsetzen zu können. Andererseits haben auch wir es ihnen einfach gemacht, weil wir uns eben schon kennen und auch wir ihnen gegenüber offen gewesen sind.

Berliner Morgenpost: Als ein Erfahrener, der in früheren Jahren mit Nowitzki und 2008 bei Olympia in Peking sogar mit beiden zusammengespielt hat, haben Sie den Jungen einiges voraus. Sind Sie von denen um Rat gefragt worden, wie mit den Stars am besten umzugehen ist?

Steffen Hamann: Wir haben uns im Trainingslager schon darüber unterhalten, natürlich kam das Thema auf. Viele waren gespannt, was da auf sie zukommt. Ich habe den Jungs zwar auch von meinen sehr positiven Erfahrungen erzählt, die ich mit Dirk und Chris gemacht habe. Ich denke, sie sind aber trotzdem noch positiv überrascht gewesen, wie sich die Zwei geben. Dirk macht das ja auch immer super, er ordnet sich unter, so dass erst gar keine Kluft entsteht. Er ist eben einer von uns.

Berliner Morgenpost: Hemmt nicht doch der Respekt vor den Stars den einen oder anderen im Team?

Steffen Hamann: Ich denke, genau das war auch ein bisschen die Angst von unserem Trainer Dirk Bauermann, dass sich nämlich die Jungen verstecken und nicht das abrufen können, was sie wirklich drauf haben. Aber diese Befürchtungen waren unbegründet: Da kommt eine freche Generation nach, die das gut hinkriegt. Da versteckt sich keiner!

Berliner Morgenpost: Der Hype um Dirk Nowitzki ist schier unglaublich. Nervt das die anderen nicht auf Dauer?

Steffen Hamann: Beim ersten Medientermin in Bamberg mussten wir uns aufstellen für die Fotos, aber alle Fotografen waren bei Dirk. Da haben wir halt unsere Späße gemacht, nach dem Motto: Haaaallo, wir sind auch noch da! Oder: Sollen wir wieder gehen? Aber das zeigt nur die Lockerheit der Mannschaft und dass jeder verstanden hat, um was es geht. Natürlich steht Dirk als einer der besten Basketballspieler auf der Welt im Fokus. Es ist ein Privileg mit ihm auf einem Spielfeld zu stehen.

Berliner Morgenpost: Sie selbst haben ja eine turbulente Zeit hinter sich. Im Sommer 2010 wurden Sie bei Alba Berlin trotz bestehenden Vertrages aussortiert, doch gleich kam das Angebot vom damaligen Zweitligisten Bayern München, mit dem sie den Bundesligaaufstieg geschafft haben. Heute gilt Bayern als das interessanteste Projekt im europäischen Basketball. Ein Tiefschlag als Glücksfall?

Steffen Hamann: Kann man so sehen. Erstmal hat mir das, was in Berlin passiert ist, sehr weh getan. Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass sich ein Trainer gegen mich entschieden hat. Damit musste ich erst einmal zurechtkommen. Dann hat sich Bayern ergeben. Für mich war es optimal, da von Beginn an dabei zu sein, als alles aufgebaut wurde. Das Jahr in der zweiten Liga hat Spaß gemacht, hat aber auch gereicht.

Berliner Morgenpost: Nun gehört München in der Bundesliga gleich zu den großen Favoriten. Sie und Ihr Team werden die Gejagten sein. Bayern polarisiert sowieso...

Steffen Hamann: Klar, da kommt einiges auf uns zu, das weiß aber auch jeder, der bei Bayern unterschrieben hat. Ein Beispiel: Als wir mit der Nationalmannschaft vor einigen Tagen in Bremen waren, habe ich schon Plakate für das Spiel der Eisbären Bremerhaven gegen Bayern gesehen, das extra in eine größere Halle nach Bremen verlegt wurde. Da ist ein Bremerhavener Spieler abgebildet, der in eine Lederhose beißt. Es ist halt so: So viele wie Bayern München mögen, hassen den Klub auch. Egal, um welche Sportart es sich handelt.

Berliner Morgenpost: Gehen sich denn auch mal zu den Fußballern des FC Bayern?

Steffen Hamann: Auf jeden Fall. In der vergangenen Saison hat das vom Spielplan her gut geklappt, da habe ich einige Bundesligaspiele und auch Champions League gesehen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie auch Kontakt zu den Bayern-Stars?

Steffen Hamann: Ja, Bastian Schweinsteiger ist zu einem guten Freund von mir geworden. Der wohnt auch gleich bei mir um die Ecke.

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