Olympische Spiele in London

Spektakel auf Probe

Für den bislang umfangreichsten Probelauf der Olympiaorganisatoren in London war die Prachtstraße der Metropole als Start- und Zielort gerade recht. Schon im 19. Jahrhundert diente "The Mall" schließlich als Route für zeremonielle Anlässe, und das Straßenradrennen der Männer soll ja so etwas Ähnliches werden.

Dort fällt am 28. Juli die zweite Entscheidung der Sommerspiele 2012, nur die Schützen werden vorher schon eine Goldmedaille vergeben haben.

Am Sonntag flitzten mehr als 150 Weltklassefahrer 140 Kilometer durch die Stadt über einen Teil des später 250 Kilometer langen Originalkurses. Sowohl ihnen als vor allem auch Londons Organisationskomitee Locog brachte das mit immensem Aufwand realisierte Testrennen wichtige Erkenntnisse.

"Es war unglaublich, so eine Menge Menschen", staunte der britische Sieger im Massensprint, Mark Cavendish: "Das Rennen hat ein spezielles Finish auf 'The Mall' und war wirklich gut organisiert. Das ist gut für die Stadt und gut für den Radsport." Kaum ein Wettkampf wird 2012 - schon allein wegen der Sperrungen und Zäune von allein rund 140 Kilometern Länge - logistisch aufwendiger sein als die Straßenrennen der Radfahrer mitten durch eine Stadt, deren Straße ohnehin tagtäglich verstopft sind.

Basketball-Turnier im Olympic Parc

Der Testwettbewerb ist nur einer von allein zwölf im Juli und August an den olympischen Wettkampfstätten. Dem Locog bringen sie wichtige Erkenntnisse darüber, was bis zur Eröffnung der Spiele am 27. Juli noch zu tun, zu korrigieren, zu verbessern ist. Neben den Radlern hatten bereits Reiter, Fünfkämpfer, Mountainbiker, Segler, Ruderer, Triathleten, Badminton- und Beachvolleyballspieler sowie Langstreckenschwimmer die Gelegenheit für 2012 zu testen; gestern begann ein internationales Basketballturnier mit sechs eingeladenen Mannschaften im Olympic Parc, Freitag und Samstag gastieren die besten BMX-Fahrer für Weltcuprennen in der Hauptstadt Großbritanniens. Vielen Athleten geht es jedoch weniger um Siege und Platzierungen. Wichtiger ist es für sie, unter Wettkampfbedingungen Eindrücke von ihren Arenen und Anlagen zu sammeln. Sabine Spitz (39), die deutsche Mountainbikerin, etwa bereitet ihre Mission Titelverteidigung schon jetzt generalstabsmäßig vor. Das Testrennen auf dem eigens für die Olympischen Spiele neu erschaffenen Kurs vor 16 Tagen sei für sie "sozusagen Kick-off in die Vorbereitung auf London 2012" gewesen, sagt Spitz. "Sportlich ist das Rennen eher unbedeutend. Aber wir haben viele Informationen gesammelt und werden jetzt unsere Schlüsse daraus ziehen" - etwa im Hinblick auf Reifendruck, Materialwahl und Renntaktik. Wertvolle Daten sammelte Deutschlands erfolgreichste Mountainbikerin zudem mithilfe eines GPS-Messgeräts, das u.a. das Höhenprofil aufzeichnete. So kann Spitz ihr Training von nun an genau auf den Saisonhöhepunkt 2012 abstimmen. Am Kurs selber hat sie nur wenig zu mäkeln, auch wenn "die Startphase noch verändert werden sollte. Da wurde schon mit Ellbogen gefahren. Und wenn du am Anfang nicht vorn dabei ist, dann ist es sehr schwer, weil es zu wenig Überholmöglichkeiten gibt".

Professor äußert Bedenken

Fast einhellig unterdessen bescheinigen Sportler wie Funktionäre Londons Organisationskomitee exzellente Arbeit. Der erfahrene Brite Roger Hammond sagte nach dem von Zuschauermassen begleiteten Radrennen: "Ich war erstaunt, wie viel Arbeit schon getan ist. Es war bestimmt logistisch nicht einfach zu lösen. Ich habe mich sicher gefühlt, und wenn das bei 65 km/h durch die Straßen Londons der Fall ist, kann ich sagen: Gut gemacht!"

Nach einem Vorbereitungs- und Informationstreffen von Delegierten aus rund 200 nationalen olympischen Komitees vorige Woche sagte Bernard Rajzman, Brasiliens Chef de Mission, stellvertretend: "Die Erfahrung hier war absolut wunderbar, und die Wettkampfstätten in London sind fantastisch. Es besteht kein Zweifel, dass diese Spiele spektakulär werden. Ich habe keinerlei Bedenken."

Nicht einmal die massiven Ausschreitungen in London und Großbritannien vermochten die Testwettkämpfe nachhaltig zu stören - lediglich die Beachvolleyball-Wettkämpfe wurden einen Tag früher beendet als geplant -, wiewohl Sicherheitsbedenken durchaus laut geworden sind. Tony Travers etwa, Professor an der London School of Economics and Political Science, gab gegenüber CBS zu bedenken: "Sie können sich vorstellen wie sich die Polizei strecken müsste, würde dies während der Spiele passieren. Demnach dürfte es in der City Hall (Sitz des Bürgermeisters - d.R.) und dem Home Office (britisches Innenministerium - d.R.) für Beunruhigung sorgen. Es ist weniger, dass all das noch einmal passieren könnte - als vielmehr, dass es die leitenden Leute daran erinnert, dass während der laufenden Spiele jedes andere Großereignis zu Komplikationen führen wird." Locog-Chef Lord Sebastian Coe sieht ein knappes Jahr vor Beginn der Spiele dennoch das Positive in dem Besuch der internationalen Sportelite in der von schweren Unruhen erschütterten Stadt : "Sie haben gesehen, dass die vorolympischen Wettkämpfe trotz der Ausschreitungen ohne Probleme durchgeführt worden sind", sagte Coe der BBC. Und Andy Hunt, Chef von Großbritanniens olympischem Komitee, behauptet, keine Nation habe auch nur geringste Zweifel daran geäußert, dass London nicht sichere Spiele durchführen werde.

Sportminister ist zufrieden

Zudem argwöhnt kaum jemand, dass sämtliche Sportstätten 2012 nicht auch in voller Pracht fertig gestellt sein werden - womit sich London sehr zum Beispiel von der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi unterscheidet, die 2014 die Winterspiele ausrichten wird, oder von Rio de Janeiro, das mit seinen Planungen für Olympia 2016 hinterherhinkt. 88 Prozent aller Wettkampfstätten seien ein Jahr vor Beginn der Spiele bereits gebaut, jubelte jüngst Sportminister Robinson, "dem Zeitplan voraus und unter dem Budget". Wie hatte Großbritanniens Premierminister David Cameron vor drei Wochen bei den Feierlichkeiten zum Ein-Jahr-vor-London-Countdown ganz unbescheiden getönt? "Ich bin sicher, dies wird großartige Werbung für unser Land. Wir müssen die großartigsten Spiele aller Zeiten im großartigsten Land der Welt anbieten." Das allerdings war vor den Krawallen.

Dass es hier und da Nachbesserungsbedarf gibt, und dass ein Jahr vor den Spielen nicht alle Erwartungen erfüllt werden, gehört dazu. Thomas Lurz, der deutsche Langstreckenschwimmer, etwa hätte sich im Serpentine Lake des Hyde Park über etwas mehr als 18 Grad Wassertemperatur ebenso gefreut wie über saubereres Wasser. Mit trockenem Humor durfte der Schwimmer aber feststellen: "Die Enten auf dem See haben uns nicht gestört."

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