Leichtathletik

Die tollkühnen Kerle fliegen am Brandenburger Tor

Touristen am Brandenburger Tor sind einiges gewohnt: Leierkastenmänner, die den ganzen Tag lang "Berliner Luft" dudeln lassen, und auch Menschen in den unglaublichsten Posen und Verkleidungen.

Zuletzt nervten besonders Einfallsreiche in Hühner- oder Mäusekostümen als potenzielle Fotoobjekte die Passanten. Heute gibt es wieder Erstaunliches vor historischer Kulisse: "Berlin fliegt" nennt sich das Ganze, wenn von 16.00 Uhr an jeweils drei Athleten aus Deutschland, den USA, Frankreich und Russland im Stabhochsprung (Männer) und Weitsprung (Männer und Frauen) um Punkte in einem Länderkampf gegeneinander antreten.

Die deutsche Leichtathletik geht neue Wege. "Es ist unsere Aufgabe, die Faszination der Sportart zum Publikum zu bringen", sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Er könnte auch sagen: Wenn die Leute schon nicht zur Leichtathletik kommen, muss die Sportart eben zu den Leuten gehen. Das Brandenburger Tor sei dafür laut Prokop ein idealer Austragungsort: "50 Jahre nachdem sich dort amerikanische und russische Panzer gegenüberstanden, kann sich wohl kein Athlet dieser besonderen Atmosphäre am Platz der Weltgeschichte entziehen. Das war schon bei der WM 2009 so, als der Marathon durchs Brandenburger Tor führte."

Die Leichtathletik hat es schwer. Es gibt immer weniger Stadien, in denen sich noch eine Laufbahn befindet. Gerade bei jüngerem Publikum hat das Springen, Laufen und Werfen an Attraktivität verloren. Eine Veranstaltung wie "Berlin fliegt" soll Aufmerksamkeit erregen, Lust auf mehr machen. Der Eintritt ist frei, Eurosport berichtet europaweit von 16.30 Uhr an 90 Minuten lang live. Die Kulisse rund um das Brandenburger Tor soll entsprechend schöne Bilder liefern. Nicht nur deshalb sagt Michael Mronz: "Berlin ist der Standort für Leichtathletik in Deutschland." In der Hauptstadt findet jährlich das größte deutsche Meeting, das Internationale Stadionfest Istaf, statt. 2009 war das Olympiastadion Schauplatz der Weltmeisterschaften - und Berlin bewirbt sich für die Europameisterschaften 2018.

Mronz' Agentur MMP hat gemeinsam mit der DLV-Vermarktungstochter Deutsche Leichtathletik Promotion und Projekt GmbH (DLP) Vermarktung und Organisation übernommen. Sport soll mit Unterhaltung kombiniert werden. Doch verkommt die Leichtathletik so nicht zu einer Zirkusveranstaltung? Prokop entgegnet entschieden: "Das ist doch kein Kirmes-Springen, das ist eine hochkarätige sportliche Veranstaltung." Ein Europameister wie der deutsche Weitspringer Sebastian Bayer ist ebenso am Start wie der Stabhochsprung-Weltmeister Brad Walker oder Weitsprung-Weltmeisterin Brittney Reese (beide USA). Neben Bayer starten Malte Mohr (Stabhochsprung) und Bianca Kappler (Weitsprung) für das deutsche Team.

Es gibt viele andere Sportarten, die sich aus PR-Gründen in anderem Umfeld präsentieren. Biathlon auf Schalke zum Beispiel oder Skilanglauf am Rhein in Düsseldorf, vor etwa einem Monat rasten sogar Rennautos der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft durch das Münchner Olympiastadion. In der Leichtathletik wird bei Einzelveranstaltungen schon seit langem auf Markplätzen oder sogar in Einkaufszentren mit dem Stab gesprungen oder die Kugel in besonderem Ambiente gestoßen, wie am Samstag im Schlossgarten in Gotha. Doch dass der Verband selbst als Veranstalter eines solchen Events auftritt, ist neu. Und nicht unumstritten. Gerhard Janetzky, Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes und Istaf-Meetingdirektor, findet es erst einmal eine "super neue Idee", die Leichtathletik in die Stadt zu holen, "doch ich bin dagegen, wenn das Vollmeetings ersetzen sollte". Also Veranstaltungen im Stadion, die die ganze Bandbreite der Sportart präsentieren, bei denen die Sportler Wettkampferfahrung und -härte bekommen und nicht zuletzt die Möglichkeit haben, die Qualifikationsnormen für Großereignisse wie WM, EM oder Olympische Spiele zu erreichen.

"Wir bemühen uns im Verband nicht genug um Vollmeetings", sagt Janetzky, zu dessen Istaf - als leuchtende Ausnahme hierzulande - jedes Mal über 50 000 Zuschauer kommen. Der DLV selbst hat seine traditionelle, für den 13. August geplante "DLV-Gala" in Wattenscheid abgesagt - wieder ein Meeting weniger. Prokop sagt aber auch: "Die Meetingveranstalter in Deutschland haben doch oft Kritik daran geübt, dass wir mit der Gala in Konkurrenz zu ihnen standen. Die sagten: 'Konzentriert ihr euch doch auf die Deutschen Meisterschaften.'" Er verspricht sich vielmehr jetzt "mittelfristig eine Stärkung der Meetings".

Für den Juristen aus Kelheim steht fest: "Der Verband muss die Leichtathletik fördern, da gehören auch PR-Veranstaltungen dazu, ohne dass sie Stadionveranstaltungen ersetzen sollen." PR-Aktionen machen in den Augen von Janetzky allerdings nur Sinn, "wenn sie in Verbindung mit einem Vollmeeting stehen". Beispielsweise als Werbeaktion. Wie ein Stabhochspringen am Brandenburger Tor im September 2008 als PR-Aktion für die WM 2009. Janetzky fordert eine vom DLV organisierte Serie von drei bis vier starken Meetings.

Der Sportart wollen sicherlich alle dienen. Mehr Attraktivität, weniger Langatmigkeit ist dringend notwendig bei den meisten Meisterschaften, aber auch bei Meetings. Helmut Digel, DLV-Ehrenpräsident und Council-Mitglied im Weltverband IAAF, bringt es auf den Punkt: "Das Dilemma ist offensichtlich: auf der einen Seite die Tradition, auf der anderen das Event." Er warnt vor einer "gefährlichen Entwicklung": Stadienbetreiber könnten die Leichathleten zunehmend aussperren nach dem Motto: "Ihr braucht doch keine Stadien, ihr könnt doch auf den Marktplatz gehen!"

"Das ist doch keine Kirmes, das ist eine hochkarätige sportliche Veranstaltung"

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik- Verbandes (DLV)