Interview

"Ich sagte Hitler, dass niemand die USA schlagen kann"

Bei den vor 75 Jahren am 1. August eröffneten XI. Olympischen Spielen wurden in 19 Sportarten 129 Olympiasieger gekürt. Der letzte noch lebende Goldmedaillengewinner ist Gustav Adolph Kiefer.

Der damals 17-jährige Amerikaner, von seinen Schwimmkollegen "Sonny Boy" genannt, triumphierte als Weltrekordhalter über 100 Meter Rücken in der olympischen Rekordzeit von 1:05,9 Minuten. Der heute 93-Jährige lebt mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau Joyce in einem idyllisch gelegenen Haus in Wadsworth unweit von Chicago. Morgenpost-Redakteur Gunnar Meinhardt erreichte Kiefer am Telefon.

Berliner Morgenpost: Mr. Kiefer, wie geht's?

Gustav Adolph Kiefer: Wunderbar, ich komme gerade aus meiner Firma.

Berliner Morgenpost: Wie bitte? Es ist doch Wochenende und: Arbeiten Sie tatsächlich noch?

Gustav Adolph Kiefer: Warum nicht? Ich brauche das. Meine Firma Kiefer Sports gründete ich 1946. Seitdem verkaufe ich weltweit alle möglichen Schwimmartikel. Ich habe Verantwortung für über 120 Angestellte. Wir haben Geschäfte in Dallas, Milwaukee und in Chicago. Gerade bin ich dabei, weiter zu expandieren. Ich verhandle mit einer Fabrik, die mir Kickboards herstellen soll. Deshalb war ich auch am Samstag noch einmal im Geschäft.

Berliner Morgenpost: Am Montag werden Sie sich aber eine Auszeit gönnen, oder?

Gustav Adolph Kiefer: Sie meinen wegen des 75-jährigen Jubiläums der Spiele in Berlin?

Berliner Morgenpost: Ja, schließlich sind die Spiele mit Ihrem größten Erfolg verbunden. Ist das kein Grund zum Feiern?

Gustav Adolph Kiefer: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es ist eine gute Idee, ich werde eine Runde ausgeben, warum nicht.

Berliner Morgenpost: Welche Erinnerungen haben Sie an die Eröffnungszeremonie der Spiele?

Gustav Adolph Kiefer: Es war ein gigantisches Erlebnis, das unter die Haut ging. Ich war so überwältigt und glücklich, dabei zu sein, dass ich weinen musste. Mit 17 Jahren war ich der Jüngste in der Mannschaft. Wir sind als vorletzte Nation vor Deutschland einmarschiert. Ich weiß noch, dass wir schnellstmöglich an der Ehrentribüne, auf der Hitler und seine Gefolgsleute saßen, vorbeimarschiert sind. Wir haben vor ihm auch nicht die Hand zum olympischen Gruß erhoben, der dem Hitler-Gruß zum Verwechseln ähnlich war, und haben auch vor ihm - so es wie üblich war - nicht unsere Fahne gesenkt.

Berliner Morgenpost: Begegneten Sie ihm noch persönlich?

Gustav Adolph Kiefer: Ich traf Hitler am Swimmingpool im olympischen Dorf, wo wir im Haus Zittau wohnten. Angeblich wollte er mich treffen. Im Jahr zuvor hatte ich bei diversen Schwimm-Meetings in Deutschland mehrfach den Weltrekord verbessert und war oft auf den Titelseiten deutscher Zeitungen. Er gab mir die Hand. Wir unterhielten uns kurz. Ein Dolmetscher übersetze, weil er kein Englisch, und ich kein Deutsch sprach. Gefilmt wurde das von Leni Riefenstahl.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie zu ihm gesagt?

Gustav Adolph Kiefer: Dass niemand die USA schlagen kann. Daraufhin fing er an zu lachen.

Berliner Morgenpost: Spürten Sie während Ihres Berlin-Aufenthalts etwas von der sich anbahnenden Gräueltaten durch die Nazis?

Gustav Adolph Kiefer: Nein. Etwas verstört war ich nur, als mir bei der Wettkampftournee im Jahr zuvor ein deutscher Cousin, der an einer Schule unterrichtete - sie müssen wissen, meine Mutter kommt aus Stuttgart, mein Vater aus dem Elsass - mir beim Bier in einer Kneipe ins Ohr flüsterte, dass Hitler Bücher von ihm verbrennen ließ. Gewundert habe ich mich dann auch über die Davidsterne, die ich an vielen Geschäften sah. Doch ich war zu jung, um damit etwas anfangen zu können. Für mich gab es nur Schwimmen. Schon als ich mit acht Jahren damit anfing, träumte ich davon, ein großer Champion zu werden. Dafür habe ich fast jede Woche täglich trainiert.

Berliner Morgenpost: Ihre große Stunde schlug am 14. August. Um 16.30 Uhr wurde der Endlauf über 100 Meter Rücken gestartet.

Gustav Adolph Kiefer: Ich erinnere mich noch genau, wie mich ein Uniformierter aus dem olympischen Dorf abholte und ins 15 Kilometer entfernte Schwimmstadion fuhr. Es regnete. Das Stadion war proppenvoll mit 20 000 Menschen. Als ich ankam, war ich mächtig aufgeregt und spürte auch Angst vor dieser gewaltigen Kulisse. Die Nervosität legte sich beim Einschwimmen, bei dem ich im Rhythmus meiner Beinbewegungen immer irgendwelche Lieder sang.

Berliner Morgenpost: Nachdem Sie im Januar 1936 Ihren Weltrekord auf 1:04,8 Minuten verbessert hatten, galten Sie als Favorit.

Gustav Adolph Kiefer: Auf Bahn eins schwamm der Japaner Masaji Kiyokawa. Er war Olympiasieger 1932. Auch mein Teamkollege Vande Weghe zählte zu den Goldkandidaten. Meine Taktik war, nicht zu schnell anzugehen, perfekt zu wenden und dann zu schwimmen, bis mir die Lunge aus dem Hals kommt. Das passierte Gott sei Dank nicht, doch ich gewann mit fast zwei Sekunden Vorsprung.

Berliner Morgenpost: Wo haben Sie Ihre Goldmedaille?

Gustav Adolph Kiefer: Leider besitze ich das Original nicht mehr. Nach meiner Rückkehr hatte ich sie meinem Schwimmklub, dem Lake Shore Athletic Club, gegeben. Dort legte man sie in einen Safe, der gestohlen wurde. Das passierte nur wenige Wochen nach den Spielen. Aber wissen Sie, eine Goldmedaille zu gewinnen, ist nicht so bedeutsam, wie bei Olympischen Spielen dabei sein zu dürfen und sich mit Gleichgesinnten aus aller Welt treffen zu können. Olympische Spiele stehen für Freiheit und Menschlichkeit, sie sind ein Symbol für Frieden und Liebe. So jedenfalls sehe ich das.

Berliner Morgenpost: Bekamen Sie eine neue Medaille?

Gustav Adolph Kiefer: Ein Herr Mayer aus Pforzheim, der die Originale hergestellt hatte, fertigte mir eine Nachbildung. Ich war so froh darüber, dass ich ihm 500 Dollar gab.

Berliner Morgenpost: Und was wurde aus der Stieleiche, die alle Olympiasieger neben Medaille und Urkunde erhielten?

Gustav Adolph Kiefer: Das Bäumchen ist eingegangen. Ich hatte es vor unseren Schwimmklub gepflanzt. Was ich noch besitze, ist die Identitätskarte fürs olympische Dorf.

Berliner Morgenpost: Wie hat es sich dort gelebt?

Gustav Adolph Kiefer: Es war sehr schön gestaltet und komfortabel. Das Essen war super, der Service perfekt, fast so wie im Paradies.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie dort Kontakt zu Sportlern anderer Nationen?

Gustav Adolph Kiefer: Im Dorf kaum. Hier waren wir fast nur unter uns. Als Nesthäkchen des Teams kümmerte sich unser Kapitän Jesse Owens besonders um mich. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Wir spielten später Golf und organisierten Sammelaktionen zur Finanzierung unserer Olympiamannschaften. Leider erfüllte sich unser Schwur nicht, 1940 noch einmal zusammen weitere Olympische Spiele zu erleben.

Berliner Morgenpost: Weil diese wie die Spiele 1944 dem zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen. Für Sie muss das bitter gewesen sein.

Gustav Adolph Kiefer: Absolut. Zehn Jahre lang hatte ich kein Rennen verloren, stellte 17 Weltrekorde auf. Ich hätte bestimmt noch mehr Goldmedaillen gewonnen.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie nicht die Sommerspiele 1948 in Angriff genommen?

Gustav Adolph Kiefer: Während des Zweiten Weltkriegs war ich bei der Marine verantwortlich für die Schwimmausbildung von über 1200 Instrukteuren. Als der Krieg vorbei war, wollte ich nur noch nach Hause, nach Chicago zu meiner Familie.

Berliner Morgenpost: Hollywood wollte Sie für die Hauptrolle im Tarzan-Film.

Gustav Adolph Kiefer: Das war nichts für mich. Ich wollte eine Firma gründen und selbstständig sein.

Berliner Morgenpost: Warum sind Sie so jung geblieben?

Gustav Adolph Kiefer: Weil ich eine tolle Frau habe, mit der ich schon 70 Jahre verheiratet bin. Ich treibe jeden Morgen nach dem Aufstehen um sieben Uhr 45 Minuten Sport, dabei schwimme ich und mache Krafttraining. Gegen halb neun fahre ich dann ins Büro. Das hält mich rundum fit.

Berliner Morgenpost: Welche Ziele haben Sie?

Gustav Adolph Kiefer: Ich will noch mehr Produkte entwickeln, die die Sicherheit beim Schwimmen erhöhen. Und ich möchte 100 werden.