CHIO in Aachen

Totilas muss auf einen goldenen Stall verzichten

Die Stallungen sind im Reitsport sensibles Terrain. Hier werden die kostbaren Pferde gepflegt, gefüttert und gesattelt. Sicherheitsleute lassen nur befugte Personen in die Nähe der Vierbeiner, die Stallmeister und Pfleger kümmern sich im Schichtdienst Tag und Nacht um die edlen Tiere.

Wenn heute wird in Aachen das Reitturnier Concours Hippique International Officiel (CHIO) eröffnet wird, bei dem bis Sonntag 381 Sportler mit 541 Pferden in der Soers um ein Gesamtpreisgeld von 1,79 Millionen Euro kämpfen, warten Fans und Fachleute gespannt auf den Auftritt des Superhengstes Totilas - noch nie waren Tickets für die Dressurwettbewerbe so rasch vergriffen. Der Rappe ist die Attraktion der Szene, er hat seine Sportart in neue Dimensionen geführt und wird wie ein Popstar verehrt. Eine Sonderbehandlung aber erhält der Hengst trotzdem nicht. "Er bekommt keine Extras", sagt Turnierdirektor Frank Kempermann und lacht: "Es gibt auch keinen goldenen Stall für ihn." Die Unterbringung von Totilas ist also geklärt. Bleibt noch die Frage, wie er sich mit seinem Reiter Matthias Alexander Rath bei der gemeinsamen Aachen-Premiere präsentiert. Im Vorjahr piaffierte der Niederländer Edward Gal mit dem Rappenhengst im Viereck zu Traumnoten, seit Herbst 2010 befindet sich Totilas im Besitz von Paul Schockemöhle. Mehr als zehn Millionen Euro soll der Unternehmer für das Tier bezahlt haben, so viel wie nie zuvor für ein Dressurpferd ausgegeben wurde. Als Reiter für den Hengst, der in allen drei Disziplinen (Grand Prix, Grand Prix Spezial und Kür) Weltrekorde hält, wurde Matthias Alexander Rath auserkoren, dessen Statur der des Niederländers Gal stark ähnelt. Und Raths Stiefmutter, die Dressurolympiasiegerin Ann-Kathrin Linsenhoff, bildet mit Schockemöhle eine Besitzergemeinschaft. Rath ist dankbar und glücklich, dieses Ausnahmepferd unter dem Sattel zu haben. Er sagt: "Es ist ein Traum, Totilas jeden Tag zu reiten."

Für ihn und seine Reiterkollegen ist das CHIO die Generalprobe für die Europameisterschaften im August (Dressur in Rotterdam/Niederlande); Gleiches gilt für Spring- (EM in Madrid) und Vielseitigkeitsreiter (EM in Luhmühlen). Alexander Rath betont immer wieder, welch guten Job Edward Gal vor ihm gemacht habe. "Totilas hat den Willen, immer alles geben zu wollen, das zeichnet ihn aus", sagt Rath. Aber der Druck für den Blondschopf aus Kronberg ist groß. Von Rath wird 2012 bei den Olympischen Spielen in London nicht weniger als Gold erwartet. Im Einzel und mit der Mannschaft.

Der 26-Jährige nimmt die Erwartungshaltung mit einer beachtlichen Gelassenheit. "Wir müssen nicht jede Prüfung gewinnen, auch wenn das der Eine oder Andere erwartet", sagt Alexander Rath, "Totilas ist populärer als ich, und das kann gern auch so bleiben." Und selbst der sonst für forsche Töne bekannte Besitzer Paul Schockemöhle mahnt ein wenig Zurückhaltung an: "Es wäre vermessen zu denken, Totilas würde in Aachen alle drei Prüfungen gewinnen. Hier ist die absolute Weltelite am Start, und außerdem müssen sich die beiden noch finden."