Interview mit Nadine Angerer

"Wir sind das beste Team der Welt"

Abseits des Platzes ist sie die Frau mit der Mütze. Seit etwa zehn Jahren trägt Nadine Angerer (32) eine. Zehn, vielleicht zwölf hat sie, genau weiß sie es nicht. "Immer, wenn ich eine neue kaufe, kommt eine alte weg. Ich denke, sie stehen mir einfach", sagt die deutsche Nationaltorhüterin.

Sie ist ein Unikum, unangepasst und eigensinnig. Manche bezeichnen sie als "St. Pauli der Nationalelf". Bei der am 26. Juni beginnenden Fußball-WM der Frauen wird Angerer die Nummer eins im deutschen Tor sein. Die 1,75 Meter große Torfrau steht beim 1. FFC Frankfurt unter Vertrag. Sie debütierte im August 1996 im Nationalteam, für das sie bisher 97-mal spielte. Über das Turnier in Deutschland, die Last und Lust als Titelverteidiger anzutreten sprach Morgenpost-Redakteur Daniel Stolpe mit Nadine Angerer.

Berliner Morgenpost: Frau Angerer, Sie müssen eine WM im eigenen Land total langweilig finden!

Nadine Angerer: Sie meinen, weil ich exotische Länder liebe und Deutschland schon kenne? Ja, das stimmt. Trotzdem freue ich mich total darauf, im eigenen Land zu spielen - weil wir zum dritten Mal Weltmeister werden wollen, und das ist nur in Deutschland möglich.

Berliner Morgenpost: Aus welchem Grund?

Nadine Angerer: Weil jeder den Weltmeister von 2003 und 2007 besiegen will und gegen ihn deshalb 150 Prozent gibt. Es ist schwer, uns zu besiegen, aber die Unterstützung unserer Fans im Rücken wird es für die anderen doppelt und dreifach schwer machen, gegen uns zu gewinnen.

Berliner Morgenpost: Das heißt, Sie gehen fest vom Gelingen der Mission Titel-Hattrick aus?

Nadine Angerer: Wir sind das beste Team der Welt. Wir können gegen jedes andere Land gewinnen. Nur: Dazu müssen wir 100 Prozent Leistung abrufen. Gegen Topteams wie die USA und Brasilien, gegen Schweden oder Norwegen dürfen wir uns keinen Fehler erlauben.

Berliner Morgenpost: Die genannten Norwegerinnen sind morgen in Mainz der letzte Testgegner. Inwiefern wird die Partie schon aussagekräftig für das WM-Turnier sein?

Nadine Angerer: Das wird sicherlich ein interessantes Spiel. Anders als Italien und die Niederlande, die nicht bei der WM dabei sind, also zu den Testspielen gegen uns quasi aus dem Urlaub kamen und nach 70 Minuten platt waren (Deutschland gewann jeweils 5:0 - d.R.) , bereiten sich die Norwegerinnen genau wie wir auch schon länger vor.

Berliner Morgenpost: Inwieweit wäre ein knapper Spielausgang sogar erwünscht? Oder wäre ein Unentschieden, gar eine Niederlage schädlich für die aufkeimende Euphorie im Land?

Nadine Angerer: Das glaube ich nicht. Wir müssen es ohnehin so nehmen, wie es kommt. Was ich jetzt sage, sage ich mit einem Augenzwinkern: 2007 haben wir das letzte Spiel vor der WM auch gegen Norwegen gespielt. Auch in Mainz. Wir haben 2:2 gespielt - und waren wirklich grottenschlecht. Trotzdem sind wir danach Weltmeister geworden.

Berliner Morgenpost: Also?

Nadine Angerer: Ich will nicht, dass wir wieder grottenschlecht spielen. Aber Weltmeister würde ich schon gern wieder werden (lacht).

Berliner Morgenpost: Welcher ist denn aus Ihrer Sicht der größte Trumpf der deutschen Mannschaft bei der WM?

Nadine Angerer: Oh Gott, das klingt jetzt fürchterlich, aber: unser extrem ausgeglichen besetzter Kader. Er ist wirklich so ausgeglichen und auch vielseitig wie nie zuvor - das ist optimal für die Bundestrainerin: Silvia Neid kann unglaublich flexibel auf den Gegner oder auf Spielsituationen reagieren. Ich muss Ihnen dazu mal was erzählen...

Berliner Morgenpost: Bitte!

Nadine Angerer: Sara Thunebro (schwedische Nationalspielerin/d.R.) , mit der ich in Frankfurt spiele, sagte mir: Ihr Deutschen geht mir auf die Nerven! Ich frage: Warum? Und sie sagt: Wenn bei euch Melanie Behringer vom Platz geht, dann freue ich mich. Aber dann kommt Lira Bajramaj, und ich denke: Wo ist da der Bruch im Spiel?

Berliner Morgenpost: Was haben Sie gesagt?

Nadine Angerer: Ich habe mich für die Bestätigung meiner Annahme bedankt, dass wir eben total ausgeglichen besetzt sind. Lira und Mel sind wirklich das beste Beispiel: Mal spielt Mel den Gegner müde, und dann kommt die Lira und sorgt für frischen Schwung. Oder wir setzen auf Überfalltaktik, und nachher bestimmen wir das Tempo.

Berliner Morgenpost: Und hinten hält in jedem Fall Nadine Angerer die Null fest. Sie sagten, eine Wiederholung Ihres Rekords von vor vier Jahren, als Sie in allen sechs Turnierspielen ohne Gegentor blieben, sei ausgeschlossen. Ist es wirklich so?

Nadine Angerer: Tja, fragen Sie mich das nach hoffentlich sechs Spielen bei dieser WM noch mal. Hauptsache, wir gewinnen jedes Spiel.

Berliner Morgenpost: Haben Sie gewettet, dass Sie wieder ohne Gegentor bleiben?

Nadine Angerer: Aus meiner Zeit in Berlin habe ich dort noch viele Freunde, die wirklich gar keine Ahnung von Fußball haben. Eine Freundin sagte 2007 vor dem Turnier: Lass doch am besten einfach kein Tor zu! Ich dachte: Das ist ja eine super Idee. Und sagte: Super Idee! Wir wetteten um einen Kasten Bier pro Spiel ohne Gegentor. Tja, am Ende haben sich viele darüber gefreut, weil ich eine Riesenparty schmeißen konnte. Diesmal geht es um eine Flasche Wein pro Spiel, das zu Null ausgeht.

Berliner Morgenpost: Wie leicht oder wie schwer wird die zu verdienen sein? In den bisherigen Testspielen bekamen Sie wenig bis gar nichts zu tun. Von außen betrachtet wirkten die Begegnungen von der Belastung her leichter als jede Trainingseinheit.

Nadine Angerer: Der Eindruck täuscht aber total; jeder Torwart wird sagen, dass gerade die Spiele die schwersten sind, in denen er wenig bis nichts zu tun bekommt, weil der eine Schuss, der kommt, erfahrungsgemäß in der 89. Minute kommt.

Berliner Morgenpost: Aber wenn das eigene Team bis dahin, sagen wir, 5:0 führt...

Nadine Angerer: ...dann heißt es trotzdem: Sie kriegt einen Ball zu halten, und den hat sie nicht. Nein, ich bin nach jedem Spiel fix und fertig; einfach, weil ich immer 90 Minuten konzentriert sein muss.

Berliner Morgenpost: Welche Erwartungen haben Sie generell an die Weltmeisterschaft?

Nadine Angerer: Ich hoffe, dass es total schön wird. Wir Deutschen feiern ja nun mal gern Partys, und ich habe wirklich große Lust darauf, inmitten dieser Atmosphäre erfolgreich Fußball zu spielen und diese Stimmung zu erleben, die ja genau wegen uns Spielerinnen so sein wird. Dieser Gedanke fasziniert mich total.

Berliner Morgenpost: Mit der Stimmung einher geht ein für die Nationalspielerinnen bislang ungekannter Medienhype. Welche war die dümmste Frage, die Ihnen in diesem Zusammenhang gestellt wurde?

Nadine Angerer: Es war gar keine Frage, sondern erst die Anmoderation derselben. Der Mann begann: Frau Angerer, ich mag die Art, wie Sie Tore schießen. Sorry, da habe ich dann keinen Bock mehr.

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