Nationalmannschaft

Ballacks trauriger Abschied

Sebastian Rudy hat keine Fragen gestellt. Als der Anruf kam, ist er aus Bibione, einem Ferienort an der italienischen Adriaküste, abgereist und ist über Berlin nach Wien gejettet. Dort wartete die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf den Spieler der TSG Hoffenheim und hat ihn mit nach Aserbaidschan genommen, wo er 90 Minuten auf der Bank saß.

Er wollte nicht wissen, wer ihm den abgebrochenen Urlaub bezahlt, ob er die entgangene Freizeit irgendwann nachholen darf und wie das eigentlich mit den Prämien ist. Das erfuhr er erst später. Der Ausflug nach Vorderasien hat ihm 18 000 Euro eingebracht. So viel kassieren die Spieler pro Partie, wenn die Qualifikation für die Europameisterschaft 2012 geschafft wird. Auch die, die nicht eingesetzt werden.

Michael Ballack wird nichts bekommen. Wofür auch? Er war nicht dabei. Wenn ein 21-Jähriger wie Rudy nachnominiert wird und nicht der 34 Jahre alte Routinier, hat das eine tiefere Bedeutung. Schließlich war die Not groß. Bastian Schweinsteiger war verletzt, Sami Khedira und Simon Rolfes fielen aus. Spieler, die wie Ballack auf der "Sechs" spielen, jener neuralgischen Position vor der Abwehrkette. Trotzdem rief Bundestrainer Joachim Löw nicht Ballack, sondern Rudy an.

Vorher hatte er Benedikt Höwedes nachnominiert, noch so ein Greenhorn. Ballacks Nummer hatte Löw früher vermutlich unter Kurzwahltaste eins abgespeichert. Mehr Indizien wird der einstige "Capitano" nicht brauchen, um zu wissen, woran er ist. Beziehungsweise woran er nicht ist.

Am 15. Mai 2010 wurde Ballack, damals in den Diensten vom FC Chelsea, im englischen Pokalfinale vom Ex-Herthaner Kevin Boateng (damals FC Portsmouth) umgetreten. Einen Monat vor dem WM-Start verlor die deutsche Mannschaft ihren besten Mann, ihren Kapitän. Doch was viele nach einer durchwachsenen Vorbereitung als letzten Nagel im Sarg deuteten, wurde die Geburtsstunde von "Deutschland 2.0". Niemand weiß, ob die Eliteauswahl auch mit Ballack jenen berauschenden Fußball gespielt hätte, der sie bei der Weltmeisterschaft Südafrika bis auf Platz drei trug. Niemand vermag zu sagen, ob die Verletzung der Überfigur wirklich der Auslöser für das deutsche Fußballwunder war, weil die anderen nun wachsen konnten abseits von Ballacks Schatten. Oft wird es so gedeutet.

Joachim Löw wird sich in der kommenden Woche mit Ballack treffen und ihm einiges erklären. "Zeitnah" solle das geschehen, hat der Bundestrainer nach dem Sieg in Aserbaidschan verkündet. Allerdings soll nichts überstürzt werden: "Wir haben auch gesagt, dass wir erst einmal ein paar Tage Ruhe brauchen. Ich brauche die Zeit, um Sachen zu reflektieren und nachzudenken." Ballack war in Miami, während seine ehemaligen Kollegen gegen Uruguay, Österreich und Aserbaidschan spielten. Er hat sich Basketballspiele angeguckt, sich am Strand gesonnt. "Es war so abgesprochen zwischen uns, dass er nach einer für ihn nicht leichten Saison erst einmal Abstand bekommt", sagt Löw.

Offizieller Abschied gegen Brasilien?

Nun soll endlich geredet werden. Was zu besprechen ist, will Löw vorab nicht verraten. Braucht er nicht, das Ergebnis scheint ohnehin klar. Der Bundestrainer wird Ballack verkünden, dass kein Platz mehr für ihn ist in der Nationalmannschaft. So wie es Löw bereits im Januar 2010 bei Ballacks altem Weggefährten Torsten Frings gesehen hat. Vielleicht bietet er Ballack an, dass er beim Freundschaftsspiel gegen Brasilien am 10. August in Stuttgart ein inoffizielles Abschiedsspiel bestreiten darf. Vermutlich wird Ballack das ablehnen, denn Almosen mag er nicht. Es werde "ein abschließendes Gespräch sein", sagt Löw - die Mehrdeutigkeit des Wortes "abschließend" hebt er nicht auf. Über Monate hat er Ballack hingehalten, immer wieder auf dessen Gesundheitsstand verwiesen und auf fehlende Spielpraxis. Doch als Ballack, der von diversen Verletzungen gebeutelt war, sich zum Saisonende endlich bei Bayer Leverkusen etabliert hatte, berief der Bundestrainer ihn trotzdem nicht - sondern Rudy und Höwedes.

Ohne Ballack funktioniert das Team prächtig, seine Rückkehr würde das innovative Projekt, deren nächste Ziele die EM 2012 und die WM 2014 in Brasilien sind, vermutlich gefährden.

Seine Ausnahmestellung hat Ballack stets auch durch seine raubeinige Art verteidigt. Er hasste die Kuschelatmosphäre, die Jürgen Klinsmann als Teamchef einst etablieren wollte. Er stauchte Mitspieler zusammen. Als Teammanager Oliver Bierhoff ihn 2008 nach dem verlorenen EM-Finale aufforderte, für die Fans ein "Danke"-Plakat hochzuhalten, nannte er ihn laut "Bild" eine "Obertucke". Beliebt hat ihn das nicht gemacht, nur gefürchtet. Die Mitspieler duckten sich weg. Erst als ihm seine Macht genommen war, trauten sie sich aus der Deckung. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Arne Friedrich spielten, als sei eine Last von ihnen genommen worden.

Das spricht weder für die Spieler noch gegen Ballack - es ist einfach Realität. Niemand sollte den Fehler machen, Ballack als Hemmschuh für die Entwicklung zu stigmatisieren, die ohne ihn schon viel früher eingesetzt hätte. Es war Ballack, der über Jahre das Niveau der Nationalmannschaft auf gehobenem Level ermöglichte. Erst als die lange Zeit vernachlässigte Jugendarbeit endlich griff und junge, hochbegabte Spieler in die Nationalelf gespült wurden, wurde er verzichtbar. Lange war er es nicht.

Als Deutschland in der Relegation für die WM 2002 nach einem 1:1 gegen die Ukraine mit dem Rücken zur Wand stand, schoss Ballack im Rückspiel beim 4:1 zwei Tore. In Japan und Südkorea opferte er sich im Halbfinale und sah eine Gelbe Karte, die eine Sperre für das Endspiel bedeutete - anschließend erzielte er den Siegtreffer gegen Südkorea. Bei der EM 2008 jagte er im entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich einen Freistoß mit 121 km/h in die Maschen, 1:0, es war der Siegtreffer.

Am 3. März 2010 hat Ballack sein letztes Länderspiel bestritten, ein 0:1 gegen Argentinien. Dass ausgerechnet eine Niederlage seine internationale Karriere beendet haben soll, dagegen sträubte Ballack sich lange. Er wechselte im vergangenen Sommer nach Deutschland, um in Löws Blickfeld zu spielen. Er kämpfte gegen seinen rebellierenden Körper an und schaffte das Comeback. Allerdings nur im Verein.

100er-Grenze ist nicht zu erreichen

Ballack hat 98 Länderspiele absolviert. Ihm schwant, dass er es nicht mehr in den "Klub der Hunderter" schaffen wird. Was für eine fiese Symbolkraft in dieser Zahl steckt, gilt er doch einerseits als der wohl kompletteste deutsche Fußballer der vergangenen zehn Jahre und gleichzeitig als Unvollendeter, als tragisches Genie: kein Weltmeistertitel, kein Europameistertitel, kein Champions-League-Sieg - immer ist er knapp gescheitert. Als Ballack im vergangenen Sommer, sechs Wochen nach seiner Verletzung, vor dem WM-Viertelfinale ins Teamquartier reiste, kam er als Fremder. Seine einstigen "Untergebenen" hatten sich emanzipiert. Philipp Lahm verkündete nicht zufällig während des Besuchs, die Kapitänsbinde nicht mehr hergeben zu wollen. Wenige Stunden später reiste der Verschmähte früher als geplant ab. Es war das letzte Mal, dass Michael Ballack bei der Nationalmannschaft war. Lahm ist heute noch ihr Kapitän.