Champions League

Eine Hommage an den Fußball

Alex Ferguson hat zwölf englische Meisterschaften gewonnen und zweimal die Champions League. Aber vor wichtigen Spielen ist er immer noch nervös wie ein Primaner. Er schläft dann schlecht; oder gar nicht.

In der Nacht vor dem Halbfinalrückspiel gegen Schalke 04 wachte er ständig auf. Immer wieder ging ihm derselbe Gedanke durch den Kopf: Riskiere ich zu viel, wenn ich angesichts des 2:0-Hinspielsiegs meine B-Elf auf den Rasen schicke? Was, wenn es schief geht?

Bekanntlich ging es nicht schief, die B-Elf von Manchester United schlug die Deutschen mit 4:1, und vier Tage später entfaltete das Manöver seine ganze Herrlichkeit, als die geschonte A-Elf gegen Chelsea das nationale Championat unter Dach und Fach brachte. Fergusons Schachzüge gelingen meistens, zumindest, daraus ergibt sich sein immenser Feldherrnruhm, pflegen sie seiner Mannschaft die bestmögliche Chance zu geben. Nur einmal war das anders, vor zwei Jahren in Rom, beim 0:2 im Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona. Da hatte seine Mannschaft gar keine Chance, da wurde sie von Barcelonas Kreiselfußball hypnotisiert, ausgeknockt, gedemütigt.

Die richtigen Lehren gezogen?

Bevor es heute im Londoner Wembley-Stadion zur Revanche kommt, dürften Sir Alex die Geister von Rom bis tief in den Schlaf verfolgen, so er welchen findet. Das ungewohnte Erleiden eines Klassenunterschieds hat dem eigenwilligen Schotten so geschmerzt, dass er bis vor kurzem überhaupt nicht über dieses Spiel sprechen wollte. Tatsächlich wäre es wohl für immer in der Mottenkiste seines ruhmreichen Klubs geblieben, hätte nicht Geschichte beide Mannschaften erneut zusammen geführt. Jetzt musste sich Ferguson natürlich mit Rom beschäftigen, denn man kann es drehen und wenden, wie man will, aber die entscheidende Frage, das wissen alle, sie lautet: Hat der Sir die richtigen Lehren gezogen?

Sie ist das zusätzliche Faszinosum eines Finals, dem es sowieso an nichts mangelt. Selten war sich die Branche vor einem Champions-League-Endspiel so einig, dass sich die beiden besten Teams der Welt duellieren. Aus der sinnlichen katalanischen Metropole kommt ein Jahrhundertensemble, dessen Harmonie man nur mit Bewunderung begegnen kann. Aus der harten englischen Industriestadt eine Meisterkonstruktion, deren Wucht man nur mit Staunen begegnen kann. Die einen kommen über die Kunst, die anderen über die Arbeit, die einen haben den kleinen Lionel Messi, die anderen den bulligen Wayne Rooney, aber so verschieden sie auch sein mögen, am Ende versinnbildlichen beide Mannschaften, warum dieses Spiel so geliebt wird wie kein anderes.

Bei der Hommage an den Fußball trifft in Manchester der Klub mit den meisten registrierten Anhängern weltweit (333 Millionen) auf die Mannschaft mit den aktuell höchsten Sympathiewerten. Gestern unterbreiteten Ferguson und sein Konterpart Josep Guardiola sogar ein gemeinsames Kommuniqué zugunsten des Kinderhilfswerks Unicef, das beide Klubs seit Jahren unterstützen, Tenor: Unser Finale ist wichtig, aber es gibt noch Wichtigeres.

"Auf dem Spielfeld begegnen wir uns, um diesen harten Wettbewerb zu gewinnen", schrieben die beiden Trainer allerdings auch. Das Tüfteln an Taktik und Aufstellung, es wird bis zum Spielbeginn andauern, und entgegen der allgemeinen Annahme, Barcelona spiele ja sowieso immer gleich, wird es der ähnlich manisch seinem Beruf verfallene Guardiola nicht weniger intensiv betreiben als Ferguson. Vor zwei Jahren war es sein überraschender Kunstgriff, Samuel Eto'o auf den Flügel zu stellen und Messi in die Mitte, der Barcelona das Spiel gewann. Eto'o erzielte nach einer starken Anfangsperiode von United mit dem ersten Barça-Angriff über rechts das 1:0, Messi per Kopf in der Mitte das 2:0. Vor allem aber ließ er sich immer wieder ins Mittelfeld zurück fallen. "Das hat uns ein bisschen verwirrt", gestand Ferguson dieser Tage in einem seltenen Anflug von Selbstkritik.

Dieses Mal dürfte ihn Messi nicht mehr überraschen, der ehemalige Flügelspieler ist inzwischen fest in der Mitte angestellt. Alle wissen es, dennoch hat er in dieser Champions-League-Saison schon wieder elf Tore geschossen und 52 in allen Wettbewerben. Das eigentliche Problem, sagt Ferguson, sei aber, dass sich Messi in der Mitte noch besser mit den Spielmachern Xavi und Iniesta austauschen kann. Dieses Dreieck zu deaktivieren, ist für ihn der Schlüssel.

Mit irgendeiner Überraschung ist garantiert zu rechnen, es geht hier immerhin um einen Trainer, der einmal über 100 Spiele nacheinander in unterschiedlicher Aufstellung bestritten hat. Die Tiefe des Kaders und die Unberechenbarkeit von Formation und Taktik sind neben der stärkeren Physis - "eine Mannschaft, die dich überrollt", sagt Barcelonas Torwart Victor Valdés - die großen Trümpfe der Engländer. Bei Barcelona sind die Optionen dagegen im Hinblick auf das Personal eher überschaubar in diesem Finale, das am idealen Ort ausgetragen wird. Im (alten) Wembley-Stadion haben sowohl Manchester (1968 gegen Benfica Lissabon) als auch Barcelona (1992 gegen Sampdoria Genua) ihren ersten Europacup der Landesmeister gewonnen. Auch die Historie will nicht fehlen bei diesem großen Spiel.