Frauen Champions League

Olympique Lyon stößt Turbine Potsdam vom Thron

Einen Titel zu gewinnen, ist eine Sache. Ihn zu verteidigen eine andere. So musste sich der Titelverteidiger Turbine Potsdam im Finale der Champions League gegen Lyon geschlagen geben. Und das Ergebnis 0:2 sorgte für eine erfolgreiche Revanche der Französinnen für das letzte Jahr.

Foto: AFP

Gestern Abend trafen sich der deutsche und der französische Meister erneut zum Kampf um Europas Krone, in London diesmal - aber wie es fast zu erwarten war, nahm Lyon diesmal Revanche. 2:0 (1:0) siegten sie im Stadion "Craven Cottage" im Südwesten Londons.

"Wir haben ein blödes Tor bekommen in der ersten Halbzeit. Zwar haben wir uns in der zweiten Halbzeit noch gefangen, aber es hat nicht gereicht", sagte Fatmire "Lira" Bajramaj. Die Enttäuschung konnte sie nicht verbergen, noch lange nach dem Abpfiff ging ihr Blick ins Leere: "Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir unsere Chancen nicht verwertet haben. Es ist einfach traurig, aber es war auch schön, hier gespielt zu haben. Das sind unbeschreibliche Gefühle. Ich hätte zum Abschied gerne den Titel geholt." Die Nationalspielerin, die womöglich das Gesicht der anstehenden Weltmeisterschaft werden wird, verabschiedete sich vor ihrem Wechsel nach Frankfurt mit einer unauffälligen Leistung in ihrem letzten Spiel für Turbine.

Wendie Renard staubt ab

Die Akzente setzten andere. Auf Seiten von Lyon etwa die nicht allein ihrer Haarpracht wegen sehr auffällige Rechtsverteidigerin Wendie Renard. Sie staubte in Minute 27 der oft hart geführten Partie nach einer zuvor abgewehrten Ecke aus kurzer Distanz ab zur 1:0-Führung. Einen Ausgleich vergaben nach etwas über einer Stunde erst Isabel Kerschowski und dann Anja Mittag, die beide aus kurzer Distanz den Ball nicht im Tor unterbrachten. Stattdessen traf Lara Dickenmann fünf Minuten vor Spielende zum Endstand. "Letztes Jahr sind wir knapp gescheitert. Das hat uns zusätzlich motiviert. Wir haben das ganze Jahr hart gearbeitet und nun endlich unser Ziel erreicht", gestand Lyons Torschützin.

Sie hätten, sagte die gestern eingewechselte Schweizerin, "sicher etwas gelernt vom letztjährigen Finalspiel", Olympique sei auch personell besser geworden, habe auf jeder Position gute Einzelspielerinnen und eine Torhüterin von Weltklasse obendrein. In Summe spielten sie "gepflegten, attraktiven und auch effizienten Fußball". Ganz so gepflegt, attraktiv und vor allem effizient ging zwar auch Lyon nicht zu Werke. Eine ordentliche Abstimmung der einzelnen Mannschaftsteile genügte aber schon. Die Potsdamerinnen waren gewillt, litten im Zusammenspiel jedoch zu stark unter den Umständen einer mehr als komplizierten Vorbereitung auf dieses prestigeträchtige Spiel. "Wir haben nicht konsequent die Chancen gesucht. Aber es war ein Spiel auf Augenhöhe, das Duell war besser als noch im vergangenen Jahr", sagte Turbine-Coach Bernd Schröder. Dennoch müsse man anerkennen, dass "Lyon heute um ein oder zwei Tore besser gewesen ist".

Wie eine Marginalie nahm es sich aus, dass sie 20 Minuten zu spät im Stadion eingetroffen waren, weil der erbarmungslose Londoner Feierabendverkehr den Mannschaftsbus gefangen gehalten hatte. Zuvor war das Potsdamer Vorhaben, mit dem dritten internationalen Titel nach dem Uefa-Cup 2005 und der Champions League 2010 mit Rekordsieger Frankfurt gleichzuziehen, aufgrund der deutschen Vorbereitung auf die in einem Monat beginnende WM im eigenen Land wenigstens erschwert und wohl sogar schon nahezu unmöglich geworden.

"Mr. Turbine" Bernd Schröder

In Frankreich dauerte die nationale Liga bis zum 15. Mai, Olympique wurde ohne Punktverlust und mit einem Torverhältnis von 101:5 zum fünften Mal in Folge Meister. Die Punktspielsaison von Turbine hat wegen der WM-Einspielphase schon im März geendet, das letzte Pflichtspiel - das Halbfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Duisburg - fand vor über einem Monat statt. "Mr. Turbine" Bernd Schröder hatte zuletzt fünf Wochen auf seine fünf Nationalspielerinnen Anja Mittag, Bajramaj, Bianca Schmidt, Josephine Henning und Babett Peter verzichten müssen. Auch Yuki Nagasato stand nicht zur Verfügung, Turbines Japanerin war gleichfalls mit ihrem Nationalteam unterwegs - gestern fehlte sie wegen einer dort erlittenen Knieverletzung. Somit fehlten dem Trainer seine kompletten Dreierreihen in Offensive und Defensive. "Mit Nagasato hat uns eine ganz wichtige Spielerin gefehlt. Diesen Ausfall konnten wir nicht kompensieren", sagte Schröder.

Für die Vorbereitung auf Lyon blieben ihm nur drei Trainingseinheiten. Es lohnte vielleicht eine Anfrage an den derzeit beschäftigungslosen Louis van Gaal, wie der es gefunden hätte, wenn Bundestrainer Joachim Löw ihm als Verantwortlichen des FC Bayern im Vorjahr erst drei Tage vor dem Finale von Barcelona die Lahm, Schweinsteiger, Gomez, Klose und Müller zurückgesandt hätte. Vom "leidigen Thema WM" sprach denn auch Schröder. Er verstehe ja den auf Silvia Neid lastenden Druck wegen der Heim-Weltmeisterschaft. "Aber für mich ist es auch einfach nicht optimal, wenn die Stammelf so lange nicht zusammengespielt hat."

Schröder will ausbilden

Jetzt ist auch für Schröder und Turbine Potsdam ein merkwürdiges Spieljahr endlich zu Ende. Das 40-jährige Bestehen des Vereins werden sie noch feiern und dabei zurückblicken auf den Gewinn der Meisterschaft, die Niederlage im Pokalfinale gegen den verhassten Rivalen Frankfurt - und jede Menge Leerlauf in den vergangenen Wochen. Danach werden sie wieder angreifen, auch ohne Bajramaj, deren Wechsel eben nach Frankfurt noch immer schwere atmosphärische Verwerfungen nach sich zieht.

Die als Ersatz ausgemachten Spielerinnen werden wieder den zwei tragenden Säulen von Turbine Potsdam entsprechen: jung wie Bajramaj - aber viel stärker dem Kollektivgedanken verschrieben. Denn am Prinzip, wie sein Team zu funktionieren hat, wird Schröder nichts ändern. Mit im Durchschnitt 22 Jahren ist seine Mannschaft vier Jahre jünger als die des FFC Frankfurt. Schröder will ausbilden - und dennoch Titel sammeln. So wie im Weltfußball sonst vielleicht nur der FC Barcelona. Ein solcher Vergleich wird Schröder gefallen.