Edwin van der Sar

Würdiges Ende für einen Pionier

Die Haare an seinen Schläfen mögen ergraut sein, aber von der Tribüne aus sieht er immer noch aus wie vor 20 Jahren. Die schmale Figur, die eleganten Bewegungen, die Souveränität bei jedem Ballkontakt - alles Eigenschaften, die damals, als Edwin van der Sar bei Ajax Amsterdam sein Profidebüt gab, nicht gerade zum klassischen Bild eines Torhüters gehörten.

Aus dem Privileg, den Ball mit der Hand spielen zu dürfen, hatte sich eine Spezies entwickelt, die nur bedingt denselben Sport ausübte wie die zehn Männer vor ihr. Torhüter waren Zirkusfiguren, Einzelgänger, Verrückte, die tollkühn durch den Strafraum flogen. Sollten sie die Kugel mit dem Fuß berühren, löste das Panikattacken aus. Bei ihnen und den Zuschauern.

20 Jahre später also bestreitet van der Sar im Champions-League-Finale zwischen Manchester United und Barcelona morgen (20.45 Uhr, Sky und Sat.1.) sein letztes Profispiel. Der sanfte Bursche mit den Segelohren ist mittlerweile 40 Jahre alt, er hat zweimal die Champions League gewonnen, 1995 mit Amsterdam und 2008 mit Manchester, so oft wie kein anderer das Trikot der Niederlande getragen (130 Mal) und eine weltweit unerreichte Serie aufgestellt, 1311 Minuten ohne Gegentor in der Saison 2008/2009. Doch von ihm wird noch mehr bleiben. Im Londoner Wembleystadion geht ein Pionier. Einer, der mit dem Ball so gut umgehen konnte wie die Feldspieler und darüber Generationen von Nachfolgern inspirierte. "Spielender Torwart", heißt es heute: Der letzte Mann ist kein verrückter Einzelkämpfer mehr, sondern auch ein Fußballspieler. Einer von elfen. Van der Sar hat seine Position mit den zehn anderen versöhnt. Natürlich ist es kein Zufall, dass er aus der Ajax-Schule kommt, dem Laboratorium des modernen Offensivspiels. Schon Johan Cruyff und Trainer Rinus Michels, die Begründer des "totaalvoetbal", störte es, dass sie einen Spieler nur zur Toreverhinderung abstellen mussten. Als sich in den 90er-Jahren die Regeln änderten und der Torwart einen Rückpass nicht mehr mit der Hand aufnehmen durfte, erkannte Ajax die Konsequenzen für die Statik des Spiels. Trainer Louis van Gaal beförderte van der Sar zum Stammtorwart und schulte ihn gezielt in Aspekten, die bei Torhütern zuvor eher vernachlässigt worden waren: das Spiel zu lesen, eigene Angriffe einzuleiten, mit einer Berührung sauber zu passen.

Kein Wunder. Als Kind spielte er im Sturm und kam angeblich nur ins Tor, weil der Torwart seines Heimatklubs verletzt war. Zu Ajax kam er dann relativ spät, mit 19, als er sich mehr mit den Abiturprüfungen als mit dem Gedanken an eine Profikarriere herumschlug. 1995 gewann Ajax die Champions League, 1999 zog er weiter zu Juventus Turin. Es war seine schwerste Zeit, ihm unterliefen Fehler, und mit seinen besonderen Qualitäten konnten sie im eher konservativen Fußballland Italien sowieso nicht viel anfangen. "Wenn ich hechten muss, dann ist davor etwas schief gelaufen", hat er einmal gesagt.

Als sie ihm 2001 den jungen Gianluigi Buffon vor die Nase setzten, wechselte er zum FC Fulham. Beim gediegenen Londoner Vorortklub schien seine Karriere auszuklingen. Doch 2005 kam ein Anruf von Alex Ferguson, Manchesters Trainer holte ihn mit 35 Jahren zurück auf die große Bühne und verhalf ihm damit noch zu einem untypischen Moment des Spektakels - als van der Sar 2008 mit einer Parade gegen Chelseas Nicolas Anelka im Elfmeterschießen das Champions-League-Finale gewann. Zusammen mit dem Dänen Peter Schmeichel ist van der Sar der beste Torwart, den United je hatte, sagt Ferguson, der ihn gern noch weiter behalten hätte. Die Wertschätzung äußert sich auch in der Wahl des Nachfolgers, dem 20-jährigen Spanier David de Gea von Atletico Madrid. Er habe sich schon vor langer Zeit für de Gea entschieden, sagt Ferguson: "Wir haben einfach nach denselben Qualitäten geschaut, die Edwin hat."