Bundesliga

Ein Neuer-Anfang unter Tränen

Was früher der Weg in die Fankurve war, ist jetzt das Einloggen ins Internet. Rede und Antwort stehen die Fußballprofis heute lieber im virtuellen Raum statt am Stadionzaun.

Und so meldete sich Manuel Neuer fast zeitgleich mit der offiziellen Presseerklärung über Facebook bei seinen Fans und verkündete: "Ich habe den Verantwortlichen auf Schalke mitgeteilt, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern werde. Ich weiß, dass das bei euch auf Unverständnis stößt. Ich habe Schalke und den Fans viel zu verdanken, möchte mir aber nach 20 Jahren Treue die Chance zur Veränderung offenhalten."

Gute und böse Kommentare

Bis Mittwochnachmittag hatten sich über 10 000 Kommentare unter dem Statement des Nationaltorhüters von Schalke 04 angesammelt, eine Mischung aus guten Wünschen und Verwünschungen. Fans von Schalke 04 meldeten sich ebenso zu Wort wie Anhänger aus München. Lange hat ein Spielerwechsel nicht mehr so polarisiert wie der von Neuer.

Wechsel? Bislang steht nur fest, dass der 25-Jährige seinen bis 2012 datierten Vertrag nicht verlängern wird. Dass er ihn jedoch erfüllen und noch eine Saison bleiben wird, ist allerdings so unwahrscheinlich wie die Vermutung, dass sein neuer Verein nicht FC Bayern München heißen wird. "Karl-Heinz Rummenigge (Vorstandschef des FC Bayern - d.R.) hat Kontakt mit mir aufgenommen und um ein Treffen ersucht. Es gibt kein Interesse eines anderen Vereins. Wir werden uns zu gegebener Zeit mit Rummenigge zusammensetzen", sagte Horst Heldt, Schalkes Manager.

Auch Felix Magath, Heldts Vorgänger bei den Königsblauen und aktuell in Wolfsburg unter Vertrag, hegt keine Zweifel über Neuers neuen Arbeitgeber: "Sein Wechsel nach München hat sich ja abgezeichnet. Das stärkt den FC Bayern in Zukunft. Es wird für alle Vereine jetzt noch schwerer werden, gegen die Bayern zu bestehen. Denn Neuer ist der beste Torwart der Bundesliga."

Vorfreude bei den Bayern-Profis

Nun ist eine Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro im Gespräch, ein Vierjahresvertrag soll bereits auf Neuers Unterschrift warten. "Wir hoffen, dass er dieses Jahr kommt. Und wenn er nicht dieses Jahr kommt, kommt er nächstes Jahr", sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß im ZDF-Interview. Auch die Bayern-Profis freuen sich auf den Neuen. "Von seiner ganzen Art her muss er einfach beim FC Bayern spielen", sagte Miroslav Klose. Abwehrspieler Daniel van Buyten ergänzte: "Neuer ist ein überragender Torwart. Ich würde mich freuen, wenn er käme."

Bei den Fans in der bayerischen Landeshauptstadt ist die Stimmung gespalten. Während moderate Stimmen den sportlichen Wert des bevorstehenden Transfers loben, zürnen die Ultras, jene ebenso treuen wie kritischen Anhänger. Der Fanklub "Schickeria" hatte den Schalker beim Pokalhalbfinale mit Tausenden von "Koan Neuer"-Plakaten empfangen und einen Eklat provoziert. "Wenn er wirklich zum FC Bayern kommt, sehen wir es wie die Schalker Fans auch: Dass Neuer jemand ist, der Fanideale verraten hat. Ich denke nicht, dass es ein sehr warmes Willkommen für ihn geben wird", sagte Henning Tidelski von der "Schickeria". Die Gruppierung werde das Thema "keinesfalls auf sich beruhen lassen", betonte der Bayern-Fan: "Es wird definitiv einen Nachruf aus der Kurve geben." Am 32. Spieltag tritt Schalke in München an.

Neuer wird seine große Nähe zu Schalke 04 und seinen Ultras vorgeworfen. Schon als Jugendlicher stand er in der Kurve des Parkstadions, spielt stets mit einem T-Shirt der "Buerschenschaft" unter dem Trikot; einem von ihm mitgegründeten Fanklub, dessen Name sich an den Gelsenkirchener Stadtteil Buer anlehnt, in dem Neuer aufwuchs.

Wegen seiner besonderen Beziehung zur Fanszene traf er sich vor Bekanntgabe seiner Entscheidung auch mit "einigen wichtigen Vertretern der Fanszene", sagte Neuer. Er will auch im Fall eines Wechsels seinen Schalker Mitgliedsausweis behalten. Dass er nun eventuell von den eigenen Fans ausgepfiffen werden wird, trieb ihm bei der Pressekonferenz die Tränen in die Augen, er schluckte und seine Stimme zitterte: "Ich glaube, es ist schwerer, wenn du von der eigenen Familie ausgepfiffen wirst als von Fremden." Beim Training am Mittwoch gab es von den rund 1000 Zuschauern keine negativen Reaktionen. Für Ralf Rangnick wären Proteste von den Rängen auch inakzeptabel, immerhin steht Neuer noch bei vier Bundesligaspielen und im Champions-League-Halbfinale für Schalke zwischen den Pfosten: "Ich hätte überhaupt kein Verständnis, wenn es auch nur irgendeine Kundgebung gegen Manu geben würde." Aber auch der Trainer hat wenig Hoffnung, Neuer über die Saison hinaus halten zu können: "Mir wäre es lieber, wenn Manuel noch das eine Jahr bei uns spielen würde. Aber wir müssen auch den finanziellen Aspekt sehen."

Manuel Neuer betonte, er wolle noch einige wichtige Schritte in seiner Karriere tun, sich verändern und weiterentwickeln. Als Nachfolger auf Schalke ist bereits Bremens Tim Wiese im Gespräch, der beim SV Werder wiederum durch Ron-Robert Zieler ersetzt werden soll, Torwart von Hannover 96. "Ganz ehrlich: Wir haben bis vorgestern mit Leib und Seele für Neuer gekämpft. Da konnte ich keinen Gedanken an einen möglichen Nachfolger verschwenden", sagte Ralf Rangnick.

Manuel Neuer war in den vergangenen Monaten auch relativ regelmäßig mit dem englischen Rekordmeister Manchester United in Verbindung gebracht worden. Bei den Briten steht Edwin van der Saar zwischen den Pfosten. Doch der 40-Jährige Niederländer will seine Karriere mit Saisonschluss beenden.