Serie, Teil 1: Kapitän Stefan Ustorf erzählt vom fünften Titel

Zum Frühstück im Fernsehen

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Stefan Ustorf

Theoretisch könnte ich derjenige von uns gewesen sein, der am wenigsten geschlafen hat. Nachdem ich gegen vier Uhr aus der Halle los bin, hatte ich um acht schon wieder einen Liveauftritt im Fernsehen. Ein bisschen war mir die kurze Nacht wohl auch anzusehen.

Aber wie ich unsere Jungs kenne, haben einige wahrscheinlich gar nicht geschlafen. Sie halten beim Feiern eben noch länger durch.

In diesem Punkt hat man vielleicht schon ein bisschen gemerkt, dass einige von uns etwas älter geworden sind. Bei den Feierlichkeiten blieb es bei manchen etwas ruhiger als sonst. Ich würde sagen, dass es ein bisschen mehr ein stilles Genießen war. Schön war es allemal.

Ganz großartig fand ich, was in der Halle hier bei uns passiert ist. Wir waren ja nicht mal eben um die Ecke. Gut vier Stunden dauerte es, bis wir nach dem Spiel hier ankamen. Und in der Halle warteten die Fans die ganze Zeit auf uns. Das zeigt, wie sehr sie mit uns mitfiebern und wie sehr sie die Titel auch genießen. Das war ganz toll, das macht mich stolz. So etwas vergisst du nicht.

Mittlerweile bin ich sehr oft gefragt worden, wie ich diese Meisterschaft einordne bei den fünf, die wir nun schon gewonnen haben. Ich kann das gar nicht tun. Jeder Titel ist einfach schön und eine Belohnung für eine Saison, in der du alles gegeben hast. Wir haben zwar auch in der Saison davor alles gegeben, nur hat es da nicht geklappt. Diesmal aber doch, und es ist wieder eine ganz eigene Geschichte, die ich nicht mit den anderen vergleichen kann. Mit uns wurde so kritisch umgegangen während der Hauptrunde, die ich gar nicht so schlecht fand, wenn man bedenkt, wie viel Pech wir hatten. Deshalb ist die Geschichte dieses Titels für mich auch die, dass es die Meisterschaft war, die uns die Leute am wenigsten zugetraut haben. Sonst sind wir ja immer als Favorit ins Play-off gegangen, da hat jeder erwartet, dass wir gewinnen. Diesmal aber, denke ich, haben außerhalb der Kabine nur wenige an den Titel geglaubt.

Es ist trotzdem gut gegangen und wir haben dabei besonders in den Serien gegen Düsseldorf und Wolfsburg sehr, sehr schnelles und gutes Eishockey gezeigt, das auch für die Zuschauer sehr gut zum Anschauen war. "Das wird ganz schön flott auf meine alten Tage", hatte ich nach dem ersten Spiel in Wolfsburg gesagt. Das war aber mehr im Spaß, ich glaube, ich komme noch ganz gut mit und bin noch nicht an dem Punkt angelangt, dass ich zu einem Hindernis werde. Trotz meiner inzwischen 37 Jahre. Beim Feiern habe ich die mehr gespürt.

Dass wir schon nach drei Spielen Grund dazu hatten, war nicht selbstverständlich. Die letzte Partie in Wolfsburg war so intensiv, es ging hin und her mit den Führungen. Entsprechend groß war die Erleichterung, als die letzte Sirene ertönte. Diese ersten paar Sekunden nach dem Gewinn einer Meisterschaft sind einfach unbeschreiblich. Natürlich ist die Freude riesengroß. Du willst einfach nur noch jeden umarmen und sicher sein, dass du keinen vergisst. Jeder soll wissen, wie sehr du dich freust, für ihn und mit ihm. Auch die Fans sollen ihren Teil haben davon. In Wolfsburg waren ja viele mit und haben uns dort großartig unterstützt.

Allerdings gab es auch etwas in Wolfsburg, das mich geärgert hat. Sicher sind wir Meister und lassen das an uns vorbeigehen. Aber was dort ablief, war teilweise enttäuschend. Sogar eine Frechheit. Unsere Frauen sind auf der Tribüne ganz schlimm behandelt worden. Mit Wasserflaschen und Dreck hat man sie beworfen. Das ist unterste Schublade. Auch von denen, die während der Pokalübergabe gebuht, gepfiffen und gesungen haben, wir hätten es nicht verdient. Man muss ab und zu eingestehen können, dass jemand anders besser ist. Dazu waren viele Fans der Wolfsburger nicht in der Lage. Für diese Leute tut es mir einfach Leid. Dafür sollten sie sich schämen.

Zu Hause war es dafür ja dann umso schöner. Obwohl die Nacht kurz war. Ich konnte mich nicht mal nach der Fernsehsendung hinlegen. Ich muss mein Haus ins Stahnsdorf ausräumen, bevor ich in die Heimat fliege. Denn nach dem Sommer ziehe ich wieder in die Stadt.