DFB-Projekt

Papa, du nervst!

Nun war die Wahrheit heraus. Nach acht Jahren im Verein würde es für den Jungen bei Hertha BSC nicht mehr reichen. Sein C-Jugend-Trainer Wolfgang Damm hatte ihm empfohlen, zu einem anderen Klub zu wechseln, einem mit etwas geringeren Ansprüchen.

Der 14-Jährige brach in Tränen aus, stand auf, reichte seinem Trainer die Hand und sagte: "Danke!" Endlich musste er nicht mehr die Erwartungen seines Vaters erfüllen. Der so gern kommuniziertem, dass sein Sohn beim größten Berliner Verein gegen den Ball tritt. Trainer Damm erzählt die Geschichte gern, wenn er gefragt wird, was schief läuft im wohl größten deutschen Freizeitangebot für Kinder.

2,5 Millionen Minderjährige sind unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) organisiert. Fußball ist ein tolles Hobby: Die Jugendlichen tun etwas für ihren Körper, sie entwickeln ein Wir-Gefühl und sind gefordert, Lösungen zu finden. Ihr Ehrgeiz wird genauso geschult wie ein Empfinden für Fair Play und die Einhaltung fester Regeln. Leider wird diese Entwicklung von jenen Menschen gehemmt, die sie fördern sollten, den Erwachsenen.

Überengagierte Eltern sind ein Phänomen unserer Zeit. Hinter jeder gelösten Matheaufgabe des Sprösslings vermuten sie eine Hochbegabung, eine sauber getroffene Note auf der Blockflöte weist auf den neuen Mozart hin, und das erste Legohaus zeigt deutlich, dass Daniel Libeskind bald einpacken kann. Eine solche Tendenz macht vor dem Sport nicht halt. Ganz im Gegenteil: Jugendtrainer konstatieren eine bedenkliche Entwicklung. Eltern würden immer mehr direkt ins Spiel eingreifen, dem eigenen Kind Anweisungen geben und Gegner oder Schiedsrichter beschimpfen. "Sie projizieren ihre Erwartungen und ihren eigenen Ehrgeiz auf das Kind", sagt Damm.

Und so wissen viele Jugendtrainer Geschichten wie diese zu berichten: In Marl musste ein Spiel von Elfjährigen abgebrochen werden, weil ein Vater nach einem Elfmeterpfiff auf das Feld gerannt war und den Schiedsrichter tätlich angegriffen hatte. Der war selbst erst 16 und weinte noch lange nach dem Abpfiff. Bei Hertha griff ein Vater so vehement und oft in die Spiele seines talentierten Sohnes ein, dass er mittlerweile Hausverbot hat. In Wiesbaden endete ein Spiel von Zehnjährigen in einer Massenschlägerei zwischen Eltern und Betreuern, in der ein Mann sogar mit Reizgas hantierte. Zwölf Personen wurden verletzt, vier kamen ins Krankenhaus. Eine der beiden Mannschaften trat für den örtlichen Polizeisportverein an.

Es war ein solcher Extremfall, der auch Ralf Klohr 2005 zum Nachdenken brachte. Damals hatte seine Lokalzeitung von einer wüsten Prügelei unter Eltern bei einem F-Jugendspiel (6- bis 7-Jährige) berichtet. Er besitzt den Artikel heute noch. Klohr ist Jugendleiter bei der SuS Herzogenrath und hatte bemerkt, dass das Anspruchsdenken der Eltern zunahm - und die Kinder proportional dazu den Spaß verloren. Die Zeitungsgeschichte aber brachte ihn zum Handeln.

Klohrs Idee ist so simpel wie wirkungsvoll: Sie nimmt den Kindern die schreienden Eltern und den schreienden Eltern den Grund zum Schreien. Die Erziehungsberechtigten müssen in der F- und E-Jugend, wo die Kinder noch auf dem Kleinfeld und ohne Abseits spielen, mindestens 15 Meter weit vom Spielfeld entfernt stehen. Zudem gibt es bis zum Alter von zehn Jahren keinen Schiedsrichter. Was 2007 als Pilotprojekt begann, ist mittlerweile in acht von neun mittelrheinischen Fußballkreisen etabliert. Rund 600 Mannschaften spielen diese Saison in der Fair-Play-Liga, die 2008 gegründet wurde.

Der Erfolg ist durchschlagend. Eine Studie der Fachhochschule Remagen belegt, dass die Kinder über 75 Prozent der Entscheidungen auf dem Feld ohne Streit fällen. Manchmal diskutieren sie, ehe sie sich einigen, selten müssen die Trainer eingreifen. Und die Eltern? "Die sind ruhig", sagt Klohr. Leise Anweisungen an die Kinder seien nicht mehr möglich: "Und wer laute Kommandos brüllt, outet sich als unangenehm." Klohr wünscht sich, dass sein System bald bundesweit eingeführt wird.

Der DFB zeichnete ihn bereits mit einem Preis aus und hat sich der Problematik auch selbst schon angenommen. "Die direkt Beteiligten haben den Eindruck, dass der Umgangston schärfer geworden ist", sagt Klaus Kappes, der beim DFB das Projekt "Fair bleiben, liebe Eltern" betreut. Zentraler Bestandteil ist ein elfteiliger Fragenkatalog, in dem sich die Eltern selbst überprüfen können. "Bist du häufiger anderer Meinung als der Trainer?", wird hier zum Beispiel gefragt.

Der DFB hat neben seiner gesellschaftlichen Verantwortung auch ein veritables Interesse an zurückhaltenden Eltern. Je mehr sie mit direkten Anweisungen auf das Spiel ihrer Kinder Einfluss nehmen ("Schieß doch endlich!"), desto weniger Eigeninitiative zeigen diese und entwickeln mitunter nicht das, worauf es später im Spitzenfußball ankommt: Kreativität. "Die Kinder suchen nicht mehr nach eigenen Lösungen", sagt André Hirsch, "darunter leidet die Kreativität und irgendwann wird es schwierig, den nächsten Mesut Özil zu finden."

Hirsch ist Jugendtrainer beim hessischen Klub Victoria Urberach. Als solcher ging es ihm "gegen den Strich, dass kleine Kinder im Spiel von ihren Eltern fremd gesteuert" werden. Wie aber sollte er das den Eltern mitteilen? Auch diese Kommunikation ist oft schwierig, die Sportjugend Hessen bietet sogar eigene Kurse für den Umgang mit Eltern an. Hirsch entschied sich für den Weg über die Kleinen. Er machte aus den Elternfragen des DFB ganz schlichte Kinderfragen: "Schimpfen Mama oder Papa manchmal laut vom Spielfeldrand?" Oder: "Freuen sich manche Eltern, wenn du ein Kind des anderen Teams foulst?"

Mit Zustimmung der Eltern füllten die Kinder die Bögen sechs Monate lang nach den Spielen aus. Das auf einem Elternabend präsentierte Ergebnis erstaunte die Erziehungsberechtigten. Die Kinder monierten vor allem Mangel an Lob und lautes Geschrei. Dies nahmen sie übrigens auch als Kritik wahr, wenn es sich um Anfeuerung handelte. Laut ist bei ihnen gleichbedeutend mit wütend.

"Und wer laute Kommandos brüllt, outet sich als unangenehm"

Ralf Klohr, Jugendtrainer