Eishockey-Derby

Spektakel der Ausgeschlossenen

Frankfurt gegen Kassel heißt die Partie heute Abend. Aufregend hört sich das im ersten Moment nicht an, in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) hat es diese Ansetzung schon oft gegeben, sehr oft. Das Derby der hessischen Konkurrenten gehört gewiss in die Kategorie der Eishockey-Klassiker. Die Frankfurter Eissporthalle wird voll werden heute Abend, die Atmosphäre angespannt sein.

Genau hier fängt auch die Geschichte an, interessant zu werden. Mit der DEL nämlich haben Franfurt und Kassel nichts mehr zu tun, beide flogen im Sommer aus finanziellen Gründen aus der Liga. Das Eishockey fiel tief in beiden Städten, bis in die vierte und fünfte Liga. Eigentlich würden beide Mannschaften gar nicht mehr gegeneinander spielen. Doch die Ausgeschlossenen veranstalten nun ihr eigenes Spektakel, den Hessencup, Teil zwei.

Den ersten in Kassel entschieden die Frankfurter für sich (5:3) - vor 6000 Zuschauern. Jetzt in Frankfurt könnten sogar noch mehr kommen, weil die Halle größer ist. 7000 Leute passen rein. Eigentlich utopische Zahlen für diese Ligen. Doch sowohl in Kassel als auch in Frankfurt stellen sie die Eishockey-Welt gerade etwas auf den Kopf und haben oft mehr Besucher als in der DEL. "Hier werden alle Rekorde für untere Ligen gebrochen", sagt Marc Berghöfer, der Vorsitzende der Eishockey-Jugend Kassel. Im Dezember war die Eissporthalle in Frankfurt tatsächlich einmal ausverkauft. "Gerechnet haben wir damit nicht. Schließlich ist durch die Insolvenz viel Vertrauen verloren gegangen", sagt Michael Bresagk. Vergangene Saison spielte er noch für die Lions in der DEL, nun ist er mit seinem einstigen Mitspieler Ilja Worobjew einer derjenigen, die das Eishockey in Frankfurt in eine bessere Zukunft führen wollen - unter dem Namen Löwen Frankfurt.

Die Anfänge sind schon ziemlich verrückt. Nachdem Hessen von der DEL-Landkarte verschwunden ist, rennen die Fans den Klubs die Bude ein. Die Stimmung in den Hallen ist einmalig, viel besser, als einst in der DEL, ist oft zu hören; jeder freut sich, dabei zu sein. "Das ist die Rückkehr der Fankultur", sagt Berghöfer. Eine solch intensive Euphorie habe es hier wie da seit 20 Jahren nicht gegeben, heißt es. Dabei war Frankfurt zwischendurch Meister, Kassel mal Vize. Doch gerade in Kassel war die Identifikation mit dem Team, dem Klub nie größer. "Die Leute sind es Leid, rein geschäftsorientiertes Eishockey zu sehen", erzählt Berghöfer. In Kassel spielen viele junge Eigengewächse und alte Klublegenden. Wie Shane Tarves, der bereits 56 Jahre als ist. Alle sind mit dem Herzen dabei. Das kommt an. Eishockeyspiele in Kassel sind echte Festtage.

Mit den Huskies wollen sie dort nichts mehr zu tun haben, zwar heißt der Klub noch immer so, ist inzwischen aber aus dem früheren, für den Nachwuchs verantwortlichen Stammverein, der Eishockey-Jugend Kassel, hervorgegangen. Auch in Frankfurt fing der Stammverein, die Young Lions, den Verlust der Profimannschaft auf. "Wir vermeiden Vergleiche mit den Lions. Das hier ist ein Neuanfang, wir wollen uns komplett abheben von dem, was vorher war", sagt Bresagk. Gerade aber in einer Metropole wie Frankfurt ist es eine besonders große Herausforderung, so weit unten anfangen zu müssen. Zunächst hat Bresagk die Zurückhaltung der Wirtschaft überrascht. Doch der Zuspruch der Fans und hartnäckige PR-Arbeit halfen. "Die abwartende Haltung hat sich gelöst", sagt der frühere Verteidiger. Auch auf den Rängen vollzieht sich ein Wandel. Die alten Lions-Trikots werden weniger, die Trikots mit dem neuen Löwen-Logo verkaufen sich immer besser.

Gemütlich machen wollen es sich die Frankfurter, die in der Regionalliga West Erster sind, jedoch nicht in ihrer Oase. "Mittelfristig ist das Ziel die zweite Liga", so Bresagk. Erreicht werden soll sie unter Einbeziehung des eigenen Nachwuchses. Bresagk spricht von Nachhaltigkeit, von einer solidarischen Gemeinschaft. Man wolle "Strukturen wachsen lassen, ohne finanzielles Risiko". Die Chancen, dass es gelingt, stehen besser als bei den Huskies, die in der Hessenliga noch kein Spiel verloren haben. Dort würden sie auch gern nachhaltig arbeiten und irgendwann wieder Profi-Eishockey anbieten. Doch die Situation um den Betrieb der Eishalle ist verfahren. Ob und wie es mit der Sportart in Kassel weitergeht, steht nicht fest. Daher werden die Fans die Derby-Atmosphäre heute besonders intensiv genießen.