Möglicher Präzedenzfall

Wegen Dopingvorwürfen: Pechstein dachte an Rücktritt

Claudia Pechstein hat im Zuge ihres Dopingfalls an Rücktritt gedacht. "Natürlich ist mir mal der Gedanke gekommen, alles hinzuschmeißen, weil ich nervlich nicht mehr konnte und weil ich mich rechtfertigen musste, obwohl ich nichts getan habe", sagte die fünfmalige Eisschnellauf-Olympiasiegerin der "Bild am Sonntag".

"Aber aufgeben wäre für viele ein Schuldeingeständnis gewesen. Deshalb musste ich das durchziehen." Der Weltverband ISU, der sie wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt hat, habe ihr Leben zerstört: "Den Stempel loszuwerden, wird auch bei einem Freispruch nicht einfach."

Vor ihrer Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas am Donnerstag und Freitag in Lausanne kritisierte die 37-jährige Pechstein auch ihre alte Rivalin Anni Friesinger. "Was meine ,Freundin' Anni und auch andere gesagt haben, ist mir mittlerweile egal. Vielleicht hat sie mal wieder drauflos geplappert, ohne nachzudenken", sagte Pechstein mit Blick auf Friesingers Forderung, "knallhart durchzugreifen".

Friesinger sagte dazu, dass ihre Aussage nicht ausschließlich an Pechsteins Adresse gegangen sei. "Ich habe sie nie persönlich angegriffen. Wir haben seit dem 1. Januar einen neuen Wada-Code, der meiner Meinung nach konsequent und hart angewendet werden sollte, egal, um welchen Sportler es geht", sagte Friesinger. Pechsteins Seitenhieb wollte sie nicht kommentieren.

Die Berlinerin beschäftigt ohnehin mehr die Cas-Verhandlung am 22. und 23. Oktober; von ihrem Erfolg vor dem obersten Sportschiedsgericht ist sie keinesfalls hundertprozentig überzeugt. Sie hofft auf einen Start bei den Deutschen Meisterschaften in zwei Wochen in Berlin. "Aber Zweifel sind immer da. Recht haben und Recht bekommen sind unterschiedliche Dinge." Ob sie im Falle eines Freispruchs Schadenersatzklage gegen die ISU einreichen wird, ließ Pechstein offen. Gerüchte, dass sie ihre Verteidigung bislang 250 000 Euro gekostet hat, wollte sie nicht kommentieren. Wann genau der Cas sein Urteil verkünden will, hängt entscheidend von der Interpretation des vorgelegten Materials beider Parteien durch die drei Schiedsrichter ab.

Das Urteil könnte zu weiteren Anklagen führen, glaubt Gian Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes FIS. "Wir haben - wie wohl alle anderen Verbände auch - eine schwarze Liste mit Sportlern, bei denen wir aus Blutuntersuchungen wissen, dass Veränderungen stattgefunden haben", sagte Kasper der Berliner Morgenpost. Bestätigt das Gericht Pechsteins Sperre, sei ein Präzedenzfall geschaffen.