Europameister unter Weltmeistern

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Jens Anker

Nein, ein Weltmeister sei er nicht, meint Herbert Wimmer. "Wenn man im Endspiel nicht dabei ist, empfindet man sich nicht als Weltmeister", sagt der 61jährige.

Nein, ein Weltmeister sei er nicht, meint Herbert Wimmer. "Wenn man im Endspiel nicht dabei ist, empfindet man sich nicht als Weltmeister", sagt der 61jährige. 1974 stand Herbert Wimmer zwar im Kader der deutschen Weltmeisterelf, zum Einsatz kam er allerdings nur zweimal. Wimmer schränkt sogar ein: "Eigentlich waren es nur anderthalb Spiele." Nimmt man es dagegen genau, war es nicht einmal ein ganzes Match, das er vor 32 Jahren bei der WM absolvierte. Beim Vorrunden-Spiel gegen Australien (3:0) wurde er in der 68. Minute für Bernd Cullmann eingewechselt, in der zweiten Runde stand er gegen Jugoslawien (2:0) in der Startelf, mußte aber nach 66 Minuten mit Achillessehnenproblemen raus.

Dennoch gab es für Wimmer eine riesige Willkommensparty, als er ins heimische Brand nahe Aachen zurückkehrte. "Sie haben mich an der Autobahn-Ausfahrt empfangen, dann ging es auf den Sportplatz zum Feiern." Als Höhepunkt seiner Karriere empfindet Wimmer vielmehr den Gewinn der Europameisterschaft zwei Jahre zuvor. Beim Finalsieg über Rußland (3:0) steuerte er den zweiten Treffer bei. "Der Titel ist mir wichtiger, weil ich Stammspieler war."

Herbert Wimmer brachte es auf 36 Länderspiele unter Bundestrainer Helmut Schön. Und macht den Eindruck, als habe er mit den Erfolgen abgeschlossen. Seine Episode in der großen Fußball-Geschichte dauerte zwölf Jahre, in denen er Pokalsieger (1973), Deutscher Meister (1970, 1971, 1975 bis 1977), Europameister (1972) und Weltmeister wurde.

1966 war er von seinem Heimatverein Borussia Brand zu Borussia Mönchengladbach gewechselt und hatte sich prompt einen Stammplatz im Team von Hennes Weißweiler erkämpft. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname: "Hacki" rief der Co-Trainer ihm von der Bank auf dem Spielfeld zu, um ihm zu signalisieren, daß er einen seiner berüchtigten Haken schlagen sollte. Seit dem ruft alle Welt das ehemalige Laufwunder der Gladbacher eben so: "Hacki".

Mit Gladbach erlebte Wimmer die große Ära des Vereins. "Ich hatte das Glück, in einer großen Mannschaft zu spielen." Daß er dabei ewig als der Mann hinter dem brillanten Günter Netzer galt, störte ihn nie. "Das hat mich nicht genervt, wir hatten ja zusammen Erfolg." Daß er seinem kongenialen Partner ins Ausland folgt, war für ihn nie ein Thema. Im Gegenteil. "Ich habe meine Heimat nie verlassen. Für mich war immer wichtig, daß ich mich da, wo ich lebe, auch wohlfühle."

Außerdem konnte er nach dem Wechsel von Netzer zu Real Madrid 1973 beweisen, daß er auch ohne ihn erfolgreich Fußball spielen kann. "Ich bin ohne Netzer häufiger Deutscher Meister geworden als mit ihm."

Die Heimatverbundenheit ist Wimmer in die Wiege gelegt. "Es war klar, daß ich irgendwann das väterliche Geschäft übernehme." Nach dem Ende seiner Karriere 1978 trat er in den Tabakgroßhandel ein. Im Jahr 2000 verkaufte er das Geschäft, aus gesundheitlichen Gründen. "Jetzt betreiben wir einen Lotto/Toto-Laden in Aachen, zum Zeitvertreib", so Wimmer, seit 33 Jahren mit Ehefrau Renate verheiratet (zwei Kinder).

Die WM-Begeisterung hat ihn noch nicht erreicht. "Ich bin eher im Rad-Fieber, aber das kommt sicher noch." Seit 20 Jahren hat er sich dem Radsport verschrieben und fährt fast täglich auf dem Rennrad durch das Rheinland. Sein Hüftleiden ermöglicht ihm kaum einen anderen Freizeitsport. Als der DFB ihm einen Fragebogen zuschickte, welche WM-Spiele er sehen wollte, hat er den Zettel mit einem Kreuzchen zurück geschickt. Frankreich gegen Togo in Köln wird er sich im Stadion ansehen, die restlichen Partien vor dem Fernseher verfolgen.

Die Aussichten des deutschen Teams sieht er skeptisch: "Aber, wie jeder weiß, ist Deutschland eine Turniermannschaft. Darauf müssen wir hoffen."