...aber hinten ist Deutschland nicht ganz dicht

Der Ärger war beinahe so groß wie der ganze Kerl, und so hätte es wohl kaum einer dem 1,98-Meter-Hünen Per Mertesacker verübelt, wäre er nach dem Duschen direkt im Mannschaftsbus verschwunden. Aber der Hannoveraner, der binnen fünf Tagen zwei Elfmeter verursacht hatte, stellte sich nach dem 4:2 gegen Südafrika der Presse - und weit weniger zerknirscht als nach dem blamablen 0:2 in der Slowakei. "Ich bin schon etwas sauer, aber so etwas kann eben passieren", sagte der 20jährige, dem Jürgen Klinsmann schon zur Pause erklärt hatte: "Kopf hoch, auch das ist Fußball. Es wird nicht der letzte Elfmeter gewesen sein, den du verursacht hast."

Doch nur der Schwäche des Gegners war es zu verdanken, daß der Elfmeter zum 1:1 nicht für eine Wende gesorgt hatte. Dessen Entstehung verdeutlichte auch unbedarften Zuschauern, wo exakt neun Monate vor der WM die größte Schwachstelle im Spiel der Deutschen liegt: in der Qualität der Verteidiger und im gesamten Abwehrverhalten. Nach wie vor klappt das Umschalten von Offensive auf Defensive nicht. Verliert diese Mannschaft den Ball, verliert sie auch die Orientierung. Es fehlt an Abstimmung und Führung. Was nicht wirklich überrascht - Klinsmann hatte im 19. Spiel unter seiner Leitung zum 19. Mal eine andere Startformation nominiert.

Gegen Südafrika durften die Neulinge Lukas Sinkiewicz (Köln) und Marcell Jansen (Mönchengladbach) erstmals von Beginn an ran - in der Abwehrkette. Jansen überzeugte links durch Robustheit, Offensivdrang und Schußkraft. Dennoch ist er nur ein Platzhalter für den Rekonvaleszenten Philipp Lahm (Bayern München), so wie jeder ausprobierte Innenverteidiger (Wörns, Huth, Sinkiewicz) neben Mertesacker den Dortmunder Christoph Metzelder im Nacken spürt.

Stabilität tut Not: Letztmals ohne Gegentor blieb die Auswahl am 18. Juni gegen Tunesien (3.0), danach gab es in sechs Partien 16 Gegentore - mit immer wechselnden Aufstellungen, sogar im Tor, wo Klinsmann sich seit Amtsantritt vor einer Entscheidung pro Kahn oder Lehmann drückt. Deutschlands Abwehr - noch immer ist sie nicht ganz dicht.

Aber auch die Offensive bedarf der Fürsorge des einstigen Weltklasse-Stürmers Klinsmann. Im ersten Durchgang gegen Südafrika wurde erneut deutlich, daß auch hier die Abstimmung nicht immer funktioniert. Hier ist die Personallage zwar besser, aber wer ist gesetzt? Aus Kuranyi, Klose, Asamoah und Podolski hat sich noch kein Sturmpaar gebildet, und keiner darf sich Stammspieler nennen.

Im Mittelfeld mußte sich Michael Ballack permanent an neue Nebenleute gewöhnen. Bernd Schneider, sein langjähriger Partner in Leverkusen, mußte zuletzt auf der Problemposition hinten links aushelfen. Automatismen greifen da kaum, Pässe ins Leere sind eine Folge. Kein Wunder, daß die nach dem Konföderationen-Pokal euphorischen Fans unzufrieden sind und in Bremen zur Halbzeit pfiffen. Der Bundestrainer bittet um Geduld.

Sein am häufigsten gebrauchtes Wort in der Analyse heißt "dazulernen", und es gilt für große Teile des Kaders, der ohne Kapitän Michael Ballack ins Trudeln gerät wie ein Flugzeug ohne Pilot. Offiziell ist Klinsmann mit seinen Dazulernern immer zufrieden. Die Fortschritte seien erkennbar und es sei zu bedenken, wie weit die Probanden vor einem Jahr gewesen seien. Bleibt die Frage: Wie weit sind sie in neun Monaten?