Vorne hilft Lukas Podolski ...

Er hatte seine Mutter zwar schon über das Fernsehen gegrüßt, doch nach der Rückkehr in das Hotel Maritim war es Lukas Podolski ein großes Bedürfnis, noch einmal in Ruhe mit ihr zu telefonieren. Christina Podolski feierte Geburtstag, und der Sohn wollte sie wissen lassen, daß die drei Tore, die er beim 4:2 (1:1) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Südafrika erzielt hatte, ihr gewidmet sind.

"Bei allem Trubel, der um meine Person herum herrscht, werde ich nie vergessen, was ich meinen Eltern zu verdanken habe", sagte der vor 20 Jahren in Gilewicz/Polen geborene Stürmer des Bundesliga-Aufsteigers 1. FC Köln, "denn sie haben mich immer unterstützt und mir dadurch den Weg geebnet."

Podolski verspürte Dankbarkeit - an einem Tag, an dem ihm der Dank der Kollegen galt. Denn vor allem auf Grund seiner überragenden Leistung kam nach der 0:2-Niederlage in der Slowakei am vergangenen Sonnabend wieder ein wenig Zuversicht im Kreis der deutschen Mannschaft auf. Bundestrainer Jürgen Klinsmann strahlte über das ganze Gesicht, als er über den Auftritt seiner Mannschaft referierte. Es habe Spaß gemacht, ihr zuzuschauen und zu beobachten, wie sie etwa mit dem Ausgleich zum 1:1 umgegangen sei, nachdem Shaun Bartlett in der 25. Minute die Führung von Podolski (12.) mit einem Elfmeter egalisiert hatte.

"Mir ihrer Körpersprache haben sie mir gezeigt, daß sie von diesem Tor nicht beeindruckt und der Meinung waren, noch einen drauflegen zu können", erklärte Klinsmann und lobte die Geduld, die seine Profis bewiesen hätten.

Natürlich kam er nicht umhin, Podolski hervorzuheben. Er sei ein "außergewöhnliches Talent", und es würde ihm imponieren, "wie eiskalt der Kerl seine Tore macht". Und das, obwohl er mit 20 noch so jung sei. "In dem Alter", sagt Klinsmann, "habe ich noch in der Zweiten Liga gespielt."

Podolski war gegen Südafrika Gold wert für ein Team, das derzeit dabei ist, sich für die WM 2006 zu finden. Wie schon beim Konföderationen-Pokal profitierte die deutsche Mannschaft auch gegen Südafrika erneut von der Unbekümmertheit des Stürmers. Unbeeindruckt von dem großen öffentlichen Interesse und dem Kult um seine Person ("Ich will im Training immer Gas geben und im Spiel Tore schießen, das Drumherum interessiert mich nicht") verhinderte Podolski gegen einen international zweitklassigen Gegner einen erneuten Rückschlag. "Es scheint wirklich so zu sein", befand schließlich Kapitän Michael Ballack, "daß der Lukas schon sehr wichtig für unsere Mannschaft ist."

Der Spielmacher hatte vor der Partie sowohl in der Mannschaft als auch in der Öffentlichkeit beklagt, daß er auf dem Platz zu wenig Unterstützung erhalte und alles nur auf ihn ausgerichtet sei. Gegen Südafrika indes sei zu sehen gewesen, "daß es auch anders gehen kann", sagte Ballack, der neben Podolski auch andere positive Anzeichen und eine "weitere Entwicklung" der Mannschaft gesehen hatte.

So zeigte Bastian Schweinsteiger, der beim deutschen Rekordmeister Bayern München in der laufenden Bundesliga-Saison noch keine Minute spielen durfte, gegen Südafrika im linken Mittelfeld aufsteigende Form. Für Schwung sorgte auch Ballacks und Schweinsteigers Vereinskollege Sebastian Deisler, auch wenn noch viele seiner Aktionen überhastet wirken.

Daneben hat sich Marcell Jansen bei seinem ersten Einsatz über 90 Minuten vielversprechend präsentiert. Der Verteidiger von Borussia Mönchengladbach könnte eine Alternative für den derzeit noch Aufbautraining absolvierenden Philipp Lahm (Kreuzbandriß) auf der linken Abwehrseite sein. Profitieren würde davon vor allem Bernd Schneider, der nach seiner Einwechslung gezeigt hat, daß er sich im rechten Mittelfeld deutlich wohler fühlt und dort effektiver sein kann, als wenn er die Notlösung links in der Viererkette gibt.

Klinsmann weiß, daß ihm neben dem zuletzt nicht in Top-Form spielenden Ballack und Podolski keine weiteren Ausnahme-Profis zur Verfügung stehen. Deshalb kann der Weg zum Ziel WM-Gewinn nur über eine starke Mannschaftsleistung führen. Deutschland darf sich nicht wie beim 2:2 in den Niederlanden nur auf den Gegner einstellen, sondern muß probieren, selbst das Spiel zu machen - so wie gegen Südafrika in den ersten 15 Minuten nach der Pause, als das Kollektiv Druck auf den Gegner ausübte.

Ein Lehrbeispiel dafür geben derzeit die Niederländer. Trainer Marco van Basten verfügt zwar im Vergleich über weit mehr Superstars, aber nach Jahren, in denen mangelhafte Zusammenarbeit Titelgewinne verhinderte, beweist die Mannschaft in der WM-Qualifikation, daß Erfolge nur mit Teamgeist zu erringen sind.

Bei der deutschen Mannschaft entsteht dieser Teamgeist gerade erst. Selbst wenn es in Krisensituationen wie nach dem Spiel in der Slowakei der Hilfe des Psychologen Dr. Hans-Dieter Hermann bedarf. In Abwesenheit des Bundestrainers hatte er die Spieler vor der Partie gegen Südafrika versammelt - und am Ende wurde nicht nur der Gegner, sondern auch die Verunsicherung und Angst vor dem Scheitern besiegt.

Für Klinsmann war das eine ganz wichtige Erkenntnis. "Da wächst eine Mannschaft heran", sagte der Bundestrainer. "Und ich sage ihnen, die wird noch besser."