Interview

"Ich lebe, um wieder zu siegen"

Am 12. Juni 2004 hatte sich der ehemalige Weltklasseturner Ronny Ziesmer (30) in Kienbaum beim Training für die Olympischen Spiele in Athen die Halswirbelsäule gebrochen. Der in Cottbus lebende Student der Biotechnologie ist seither querschnittsgelähmt und besitzt als so genannter schlechter Tetraplegiker nur noch eingeschränkte Beugemuskeln in Armen und Schultern.

Das Handicap hält ihn aber nicht davon ab, am Sonntag in Berlin als Handbiker in einem handbetriebenen Rollstuhl auf drei Rädern erstmals bei einem Marathon zu starten.

Berliner Morgenpost: Herr Ziesmer, freuen Sie sich auf Sonntag?

Ronny Ziesmer: Sicher, denn ich bin gespannt, auf was ich mich eingelassen habe. Gewissermaßen beginnt für mich damit ein neuer Lebensabschnitt. Nach fünf Jahren bin ich zurück als Wettkämpfer. Das hatte ich mir nicht träumen lassen.

Berliner Morgenpost: Sind Sie von sich überrascht?

Ronny Ziesmer: Zumindest dahingehend, dass ich bei einem Marathon starte. Das wäre mir, als ich noch laufen konnte, nie in den Sinn gekommen. Ich empfand es als Wahnsinn, wie Sportler so viele Kilometer rennen.

Berliner Morgenpost: Muten Sie sich mit einem Marathon nicht gleich zu viel zu?

Ronny Ziesmer: Ich muss ja die 42,195 Kilometer nicht laufen. Bei kluger Krafteinteilung werde ich durchkommen. Schließlich kann ich mal aufhören zu kurbeln, trotzdem rolle ich. Außerdem fahre ich nicht allein.

Berliner Morgenpost: In welcher Zeit möchten Sie ins Ziel kommen? Der Streckenrekord liegt bei 1:05,46 Stunden.

Ronny Ziesmer: Die Zeit ist zweitrangig. Ich will das Erlebnis aufsaugen; das erste Mal ist immer etwas ganz Besonderes. Vor Hunderttausenden Zuschauern habe ich noch nie einen Wettkampf bestritten, und als Turner hätte ich das auch nie erlebt.

Berliner Morgenpost: Denken Sie oft an die Zeit zurück, als sich Ihr sportliches Leben in der Turnhalle abspielte?

Ronny Ziesmer: Nein. Ich weiß, dass es das nicht mehr geben wird, also brauche ich auch keine Gedanken daran zu verschwenden.

Berliner Morgenpost: Es berührt Sie auch nicht, sich ausgerechnet in Kienbaum vorzubereiten, dort, wo der Trainingsunfall passiert ist?

Ronny Ziesmer: Der Ort hat nichts mit meiner Verletzung zu tun. Fehler passieren. Ich bin ein Mensch, der macht Fehler. Dass er so gravierende Auswirkungen hat, ist natürlich tragisch. Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, beim Marathon zu starten?

Ronny Ziesmer: Das erste Mal saß ich im Handbike, als ich noch im Krankenhaus war. Das war im Frühjahr 2005. Errol Marklein aus Heidelberg, der wie kaum ein Zweiter die Rollstuhlszene bewegt hat, kam zu mir und setzte mich in solch ein Gefährt. Das war lustig und hat auch gleich Spaß gemacht, weil ich viel schneller fahren konnte als mit einem normalen Rollstuhl. Mir wurde gleich klar, dass dies eine der ganz wenigen Sportarten ist, die ich wieder ausüben könnte.

Berliner Morgenpost: Was aber gab nun den Ausschlag?

Ronny Ziesmer: Mit jedem gefahrenen Kilometer kam der Leistungssportler mehr durch. Ich leckte Blut. Wissen Sie: Ich lebe, um wieder zu siegen. Einen Marathon durchzustehen, empfinde ich als gigantischen Erfolg.

Berliner Morgenpost: Wie haben Ihre ehemaligen Turnkollegen um Fabian Hambüchen auf Ihre Pläne reagiert?

Ronny Ziesmer: Die finden das toll und freuen sich für mich. Das habe ich an Ihren Reaktionen gespürt, was mir auch richtig gut tat. Bevor ich am Sonntag ins Handbike steige, werde ich Fabian und die anderen am Vortag noch in der Max-Schmeling-Halle bei der Champions Trophy sehen, wo ich als Co-Kommentator für das ZDF dabei sein werde.

Berliner Morgenpost: Als TV-Kommentator haben Sie sich einen Namen gemacht. Wird das auch als Marathonstarter der Fall sein? Heinrich Köberle glaubt, dass Sie eines Tages an den Paralympics teilnehmen werden.

Ronny Ziesmer: Dafür müsste ich irrsinnig viel und hart trainieren. Als schlechter Tetraplegiker, der nur mit den Bizeps kurbeln kann, bin ich im Vergleich mit den anderen Geschädigten, extrem benachteiligt. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Zu tun habe ich auch so genug.

Berliner Morgenpost: Und zwar?

Ronny Ziesmer: Bis 2011 möchte ich mein Studium abschließen. Und ich will als Botschafter meiner Stiftung "Allianz der Hoffnung" weiter fleißig Geld akquirieren, um die Forschung auf dem Gebiet der Nervenzellen-Regeneration voranzutreiben. Ich wünsche mir, dass es künftig Therapieverfahren gibt, die anderen Menschen noch viel mehr als mir jetzt helfen können.