Leichtathletik-EM

Ein glänzendes Finale

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Sebastian Arlt

Christian Reif wollte gar nicht mehr aufhören zu jubeln. Auf 8,47 Meter war der Weitspringer geflogen - direkt zum Gold bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Barcelona.

"Das war der absolute Wahnsinn", juchzte Reif, "von einem solchen Ding hatte ich geträumt. Das war ein Super-Wettkampf, ich bin sehr zufrieden mit mir."

Er setzte dem erfolgreichen Abschlusstag der Deutschen gestern das i-Tüpfelchen auf. Neben Gold für den Saarbrücker gab es Silber für den enttäuschten Berliner Diskus-Weltmeister Robert Harting sowie für die 4 x 400-Meter-Staffel der Frauen, Bronze holten Hochspringerin Ariane Friedrich und die 4x100-Meter-Staffel der Männer. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) darf sich über insgesamt 16 Medaillen freuen, davon vier in Gold.

Schon in der Qualifikation hatte es Christian Reif sehr spannend gemacht: Erst im dritten Versuch sicherte er sich den Platz im Endkampf, allerdings mit 8,27 Meter. Das war dann auch der weiteste Satz aller Teilnehmer, und der Deutsche hatte damit seine europäische Jahresbestleistung eingestellt. Und gestern im Finale ging's ihm erst einmal genauso: erster Versuch ungültig, der zweite nur 7,87 Meter, das Aus drohte.

Doch dann: 8,47 Meter im dritten Versuch, die klare Führung. Noch keiner sprang 2010 weltweit weiter. Gleich um 20 Zentimeter verbesserte der Saarbrücker seine persönliche Bestweite. Niemand sollte mehr weiter springen. Und dann konnte man den 25-Jährigen kaum noch einfangen. "Ehrlich gesagt, ich war heute sehr entspannt. Auch beim dritten Versuch", beteuerte Reif hinterher. "Der Kopf war heute wichtiger als die Beine."

Robert Harting hingegen hatte die Anspannung vorher kaum ausgehalten. Als letzter der 73 DLV-Starter war er erst am Donnerstag aus dem Bundesleistungszentrum in Kienbaum nach Barcelona angereist. Und kaum war er angekommen, hatte auch gleich eine Pressemitteilung des Berliners für Wirbel gesorgt, in der er mit markigen Worten vom DLV eine bessere Nachwuchsförderung "für die zweite Reihe" der Diskuswerfer einforderte. Speziell für seinen Bruder Christoph.

Im Ring wollte er Taten sprechen lassen: "Wer gewinnen will, wird 70 Meter werfen müssen. Ich denke, ich habe das drauf." Er sollte nicht Recht behalten. Mit 68,33 Meter stieg er ein, eine klare Ansage. Hartung hatte vorgelegt, die anderen mussten nachziehen. Es lief nach Plan. Vor allem Piotr Malachowski hatte er immer als seinen Hauptkonkurrenten genannt.

Der Pole seinerseits war nicht geschockt. Zweiter Versuch, gleich sein Konter: 68,87 Meter, die Führung. Harting kam im dritten Versuch näher, 68,47 Meter, aber Malachowski blieb vorn. Zuletzt war es immer so gewesen: In ungeraden Jahren, wie eben beim WM-Sieg 2009 in Berlin, war Harting besser, in den geraden, so bei seinem Olympiasieg 2008, Malachowski. "Die Serie kann ich wohl nicht brechen", sagte der Berliner frustriert.

Vor seinem vierten Versuch musste Harting lange warten, da eine Siegerehrung Vorrang hatte. Die Spannung war raus, die fast logische Konsequenz waren 66,35 Meter. Kopfschüttelnd verließ der Hüne den Ring. Und auch der fünfte Wurf flog viel zu flach, 66,86 Meter. Jetzt hatte er nur noch eine Chance. Zur Erinnerung: Sein Gold-Wurf bei der WM in Berlin gelang ihm im sechsten und letzten Versuch. Der Showdown um 20.50 Uhr: Der Diskus flog weit, aber nicht weit genug. Und Robert Harting haderte. "Da kann man auch nichts machen", brummte er. "Ich habe keinen Wurf richtig erwischt, dann kann man auch nicht gewinnen."

Im Hochsprungwettbewerb überquerte Ariane Friedrich zum Einstieg die 1,89 Meter locker, ließ als Einzige dann 1,92 Meter aus, Vlasic flopte da locker drüber. Friedrich hatte bei 1,95 Meter keine Probleme, aber Vlasic riss überraschend, kam erst im zweiten Versuch rüber. Bei 2,01 Meter war neben Vlasic und Friedrich nur noch die Schwedin Emma Green im Wettbewerb. Friedrich und Green rissen knapp, Vlasic nicht. Vorteil bei der Kroatin. Green schafft es im zweiten Versuch - und auf einmal war Friedrich, die riss, nur noch Dritte. Und das blieb auch so, obwohl die Frankfurterin es im dritten Versuch doch schafft. Danach übersprang nur Vlasic 2,03 Meter. Friedrich blieb Bronze. "Das war okay, auch keine Überraschung. Anfang des Jahres wusste ich noch gar nicht, ob ich überhaupt eine Freiluftsaison bestreiten kann", sagte sie später und bedankte sich via ZDF bei ihren Physiotherapeuten und Ärzten, die sie nach Verletzung überhaupt erst fit gemacht hatten.

Die deutsche 4x100-Meter-Staffel hatte zuvor gleich den Takt vorgegeben. Erster Wettbewerb, gleich Bronze für Tobias Unger, Alexander Kosenkow, Markus Broening und Martin Keller. Sie kamen hinter Frankreich und Italien ins Ziel, perfekte Wechsel waren der Schlüssel zum Erfolg.

So zog DLV-Präsident Clemens Prokop ein positives EM-Fazit. "Wir sind gewappnet für die WM 2011 und Olympia 2012." Als Minimalziel waren zehn Medaillen ausgegeben worden, mit 16 hatte kaum jemand gerechnet. Jedoch: Die Deutschen sind sowohl im Medaillenspiegel als auch in der Nationenwertung (Punkte gibt es für die Plätze 1 bis 8) gegenüber der EM 2006 in Göteborg von Platz zwei auf Rang vier hinter Russland, Frankreich und Großbritannien zurückgefallen.