Nationalmannschaft

Die goldene Generation

Deutschland hat gute Chancen, der große Gewinner der Weltmeisterschaft 2010 zu werden. Vielleicht muss der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sogar Übergepäck anmelden, wenn die Nationalmannschaft am Sonntagabend nach Hause fliegt.

Es könnte der Goldene Schuh dabei sein für den besten Torschützen: Stürmer Thomas Müller hat mit vier Treffern noch alle Chancen auf die Auszeichnung. Auch für den Pokal als hoffnungsvollster Nachwuchsspieler ist er nominiert, sein Kollege Philipp Lahm hat Chancen auf den Goldenen Ball - zuletzt führte er die Rangliste des besten Spielers des Turniers an. Zudem kann Miroslav Klose Geschichte schreiben. Mit seinem nächsten WM-Treffer zieht er mit dem Brasilianer Ronaldo gleich, beide stünden dann mit je 15 Treffern bei einer Weltmeisterschaft an der Spitze der ewigen Torjägerliste.

Nur der World Cup fehlt

Der große Triumph hat nur einen Haken: Die wichtigste Trophäe fehlt: der World Cup. Der war das ausgegebene Ziel allen Strebens, und dafür ist die Mannschaft vor dem Eröffnungsspiel belächelt worden. Erst recht, nachdem sich Kapitän Michael Ballack verletzt abmeldete. Die Nationalelf ohne ihren "Capitano"? Vor der WM noch unvorstellbar. Doch dann wurde im ersten Spiel Australien mit 4:0 zerlegt. Nach der Gruppenphase nahm das "Sommermärchen 2.0" Fahrt auf, und in Deutschland schwitzten und fieberten die Fans in den eilig erweiterten Fanmeilen wie vor vier Jahren bei der Heim-WM. Nur berauschten sich die Anhänger damals vor allem an sich selbst und der neuen Leichtigkeit des deutschen Seins. Dieses Mal jedoch an der Leichtigkeit des deutschen Spiels, das fern der Heimat rund 12 000 Kilometer weiter südlich stattfand und bei allem anderen als sommerlichen Temperaturen.

Das nun Ballack-lose Team spielte Fußball, dass es eine Freude war. 4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien - das waren keine Siege, das waren Fußballwunder. Während alte Konkurrenten wie Italien und Frankreich nach ihrem Vorrunden-Aus in Europa mit Spott empfangen wurden, zelebrierte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw das Spiel. Dass es am Ende nicht zum Finaleinzug reichte, lag vor allem an Spanien, dem derzeit besten Team der Welt. Doch das deutsche Team ging am Mittwochabend erhobenen Hauptes vom Platz und kann durch einen Sieg über Uruguay immerhin noch Dritter werden.

Gewonnen hat der deutsche Fußball ohnehin schon. Einst fürchteten die Gegner Grätscher wie Hans-Peter Briegel und "Bomber" wie Gerd Müller. Deren Spiel war zwar selten schön anzuschauen, aber ungemein effektiv. "Fußball ist ein Sport, bei dem 22 Mann hinter dem Ball herlaufen, und am Ende gewinnen die Deutschen", hatte der Engländer Gary Lineker einst resigniert gestöhnt. Der Kraftfußball aus deutschen Landen war effektiv und erfolgreich. Doch träumten auch hier die Fans von der Spielkultur der Italiener, dem Passspiel der Argentinier und der Grazie der Brasilianer.

Et voilà: Nun spielt die Mannschaft mit dem Bundesadler auf der Brust beinahe südländisch und gilt als Musterbeispiel für gelungene Integrationsarbeit. So schickt der türkischstämmige Spielmacher Mesut Özil seine Traumpässe in die Tiefe des Raumes, der gebürtige Brasilianer Cacau erhebt nach seinen Toren für Deutschland die Zeigefinger gen Himmel, und der Halbtunesier Sami Khedira bildet mit dem bayerischen Urgestein Bastian Schweinsteiger die "Doppelsechs". "Es ist wunderbar zu sehen, wie die Einflüsse der Spieler mit Migrationshintergrund unser Spiel bereichern", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Diese Mannschaft bietet allen, die es annehmen möchten, ein neues Deutschland-Gefühl. Endlich profitiert auch die DFB-Auswahl von den ausländischen Mitbürgern. Während die Niederländer oder Franzosen schon in den 80er- und 90er-Jahren mit Spielern aus den ehemaligen Kolonien Erfolge feierten, tat sich die deutsche Mannschaft lange schwer, Kinder von Einwanderern zu integrieren. Nun schwärmt die Welt von der deutschen Multikulti-Truppe. Es sind, neben üblichen Ausreißern, erstaunlich positive Schlagzeilen, mit denen in ausländischen Zeitungen über den deutschen Fußball berichtet wird. Endlich werden keine Pickelhauben und Panzer mehr auf Titelseiten gehievt, kein neuer "Blitzkrieg" ausgerufen. Die neue Eleganz des deutschen Spiels wird gewürdigt, und das positive Image strahlt auf das ganze Land ab.

Und es könnte noch besser werden. Die deutschen Fans haben allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen. In Südafrika lief die zweitjüngste deutsche WM-Mannschaft nach 1934 auf. Spieler wie Thomas Müller, Mesut Özil, Holger Badstuber, Jerome Boateng oder Sami Khedira sind kaum den fußballerischen Kinderschuhen entwachsen und mit Anfang 20 noch längst nicht auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit.

DFB-Junioren wie einst Spanien

Zudem hat die Mannschaft mit Spielern wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski oder Per Mertesacker einen Stamm von Spielern im besten Fußballalter, die auf den Erfahrungsschatz von 70 Länderspielen oder mehr zurückgreifen können. "Diese Mannschaft wird in den kommenden Jahren in dieser Besetzung zusammenbleiben und sich weiterentwickeln", hat Löw nach dem Halbfinale gesagt. Die goldene Generation ist auf ihrem Weg.

Die Spanier haben bewiesen, wie es geht. 2004, 2006 und 2007 wurde ihre U19-Nachwuchsmannschaft Europameister, aus diesem Fundus an Talenten schöpft Nationaltrainer Vicente del Bosque heute, wo seine Mannschaft sich anschickt, nach dem EM-Sieg von 2008 auch den Welttitel auf die iberische Halbinsel zu holen. Die deutschen Juniorenteams sind auf ähnlich gutem Weg. In den vergangenen beiden Jahren wurden die U17, die U19 und die U21 jeweils Europameister, fünf der damaligen U21-Spieler stehen bereits im WM-Kader.

Ein solcher Fundus an jungen Spielern braucht aber eine spezielle Führung. Noch hat Bundestrainer Löw sich nicht dazu geäußert, ob er nach der WM seinen Vertrag verlängern wird. Das wäre für die Entwicklung des Teams wichtig. Löw hat mit seiner ruhigen, bestimmten Art menschlich wie sportlich Zugang zu den Spielern gefunden. Ein neuer Trainer könnte das sensible Gleichgewicht gefährden. Ein Fehler muss nun vermieden werden. Jüngst kritisierte Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes und damit oberster Vertreter der Profivereine, die zunehmende Abspaltung der Nationalmannschaft vom DFB und der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Diese Tendenz ist unübersehbar - und dürfe nicht weiter verstärkt werden. Löw und seine Getreuen, zuvorderst Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, täten gut daran, den Bogen bei den Verhandlungen nicht zu überspannen.

Anfang des Jahres wäre es beinahe zum Zerwürfnis zwischen Bierhoff/Löw und Zwanziger gekommen, als die Führungsspitze der Nationalelf mit weitgehenden Forderungen zu den Vertragsverhandlungen einrückte. Unter anderem soll Bierhoff für sich ein Vetorecht bei der Neubesetzung des Bundestrainerpostens gefordert haben. Weitere Machtspiele könnten das zarte Pflänzchen, das bei der WM gekeimt ist, schnell zerstören. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, war die Niederlage gegen Spanien durchaus heilsam.