Christian Lell

Ein Bayern-Profi für Hertha

Mit dem Terminus "Star" ist es mitunter so eine Sache. Bedient der Boulevard sich seiner, lässt in der Schlagzeile aber nicht auch den Namen des dem Anschein nach doch so Berühmten folgen, ist das meist verräterisch.

Da soll jemand allbekannt sein, der es tatsächlich nicht ist - auf Christian Lell trifft diese Typisierung voll zu. Bei ihm, dem "Bayern-Star", diente seine Profession als Fußballer in der Vergangenheit nur als Vehikel; auf die Titelseiten brachte den 25-Jährigen nur, was er abseits des Rasens so anstellte.

Immer mal wieder ging es um angebliche Handgreiflichkeiten in einer dem Vernehmen nach gegenseitig eher unrühmlich geführten Beziehung mit seiner Lebensgefährtin; mehrfach auch um Alkohol am Steuer (1,1 Promille im Februar 2008, 10 000 Euro Geldstrafe durch den Klub; 0,9 im Oktober desselben Jahres, ein Monat Fahrverbot); um Beamtenbeleidigung ("Wichser", 100 000 Euro Geldbuße an die Staatskasse) - gegen so ein Sündenregister muten Patrick Eberts vermeintliche Vergehen wie Lausbubenstreiche an.

Künftig können die beiden Skandalprofis sich ganz intensiv über ihre Vorgeschichte austauschen und darüber, wie sie auch auf dem Platz endlich zu Stars werden. Gestern unterschrieb Lell einen Vertrag bei Hertha BSC, die Zusammenarbeit ist zunächst auf ein Jahr befristet und verlängert sich im allseits angepeilten Fall der sofortigen Bundesliga-Rückkehr bis 2013. Als "jung, aber dennoch sehr erfahren", lobt Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz die ablösefrei verpflichtete "hervorragende Lösung für unsere rechte Abwehrseite", wo Lell die Aufstiegsambitionen nach Wunsch des Managers "mit seiner Dynamik und Schnelligkeit" unterstützen soll. Lell gelobt, er wolle "dazu beitragen, dass der Klub seinen Anspruch in der kommenden Saison, in der Zweiten Liga die führende Rolle zu spielen, erfüllen wird".

Für Lell ist es - aber das wurde auch über Ebert schon oft so gesagt - die wohl letzte Chance, im Profigeschäft noch einmal Fuß zu fassen. 91-mal hat er für den FC Bayern in der Bundesliga gespielt, zehnmal in der Champions League und elfmal auch im Uefa-Cup. Einst sprach der U-Auswahlspieler vom Fernziel Nationalmannschaft; stattdessen stürzte Lell dramatisch ab.

Von den 53 Pflichtspielen des Beinahe-Triple-Gewinners bestritt er vergangene Saison exakt eines: Beim 6:2 im Pokal gegen Zweitligist Fürth durfte er 59 Minuten lang ran und erlebte die späte Torflut nur noch von der Bank aus. Danach tauchte er völlig ab, von psychiatrischer Behandlung ist die Rede, aber auch so pikante Gerüchte über Widrigkeiten im privaten Bereich kursieren, dass seelische Verzweiflung nachvollziehbar wird. Vergangene Woche sprach Lell in der Münchner "tz" über seine schwere Zeit: "Eine Woche vor Transferschluss, im Sommer 2009, wurde mir nahe gelegt, ich solle den Verein verlassen. Ich habe überhaupt keine Chance auf Einsätze bekommen. Mit dieser Situation bin ich irgendwann nicht mehr klar gekommen. Ich habe einfach Abstand zum Fußballgeschäft benötigt."

Dass er aber auch ganz anders kann, bewies Lell schon viel früher: Seine an Mukoviszidose erkrankte Schwester Marie-Therese brachte ihn auf die lobenswerte Idee der Gründung einer Stiftung für Patienten dieser genetisch bedingten Stoffwechselerkrankung.