Britta Steffen schwimmt Weltrekord

"Wie ein Schnellboot im Wasser"

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Alexandra Gross

Er ist glatt und schwarz. Keine Schuppen, keine Schnelligkeit suggerierenden Rallye-Streifen und erst recht keine Flügel. Obwohl Britta Steffen gestern im Vorlauf der Deutschen Meisterschaften über 100 Meter Freistil durchaus das Gefühl hatte, als würde sie fliegen.

- Völlig überraschend schwamm die Berlinerin an der Landsberger Alle in 52,85 Sekunden zum Weltrekord und verbesserte damit die 15 Monate alte Bestmarke der Australierin Lisbeth Trickett um drei Hundertstel. "Ich habe mich wie ein Schnellboot im Wasser gefühlt und nie im Leben geglaubt, dass ein Mensch so gleiten kann", sagte die 25-Jährige.

Für Britta Steffen war es binnen zehn Monaten bereits die Erfüllung ihres "zweiten Lebenstraums". Im August 2008 hatte die langbeinige Athletin in Peking Gold über 50 und 100 m Freistil errungen und damit das höchste Sportlerglück erlebt. Jetzt darf sich Steffen überdies als schnellste Frau der Welt im Wasser fühlen, denn die 100 m Freistil gelten als die Königsdisziplin und zum ersten Mal in ihrer Karriere schwamm sie unter 53 Sekunden.

Und doch währte die Freude der Berlinerin im Europasportpark nur kurz. Nur wenige Minuten nach ihrem unerwarteten Rekord widmete sich die stets auch reflektierende Steffen dem Rüstungswahn im Schwimmen zu und damit einem Thema, das die olympische Kernsportart seit mehr als einem Jahr in seinen Grundfesten erschüttert. "Das ist das Krasseste, was ich je erlebt habe. Mein neuer Anzug ist wie von einem anderen Stern, wie ein Weltraumanzug", sagte Steffen, die den Weltrekord denn auch der Bekleidung zuschrieb: "Man schwimmt wie auf einer Luftmatratze. In dem Anzug bin ich knapp eine Sekunde schneller."

Seit Monaten fragt sich Britta Steffen, wo diese Entwicklung hinführen soll. Die ständige Verbesserung der Anzüge nennt sie treffend "Material-Doping". Und die Doppel-Olympiasiegerin hat eine klare Meinung dazu: "Ich halte diese Entwicklung für schädlich für unseren Sport." Allein im Olympiajahr 2008 hatte es insgesamt 108 Weltrekorde gegeben. Klar ist, dass Steffens Anzug vom Weltverband Fina schon im nächsten Jahr nicht mehr erlaubt sein wird, weil er hauptsächlich aus dichtem Material besteht. Steffen: "Das ist auch gut so, weil diese Materialschlacht den Schwimmsport kaputt macht." Steffen selbst betont immer wieder ihre Bereitschaft, bei nicht so großen Wettkämpfen gar im Badeanzug anzutreten. Motto: Zurück zu den Ursprüngen.

Erst vor einer Woche hatte die Doppel-Olympiasiegerin von ihrem Ausrüster Adidas das neue Modell "Hydrofoil" erhalten und es erstmals im Training ausprobiert. "Ich habe gedacht, das kann nicht sein", schilderte sie ihren ersten Eindruck. Der Hersteller verwendet bei dem weniger als 200 Gramm schweren Modell nach eigenen Angaben ultraleichten Webstoff, der mit einer Oberfläche aus Polyurethan komplett beschichtet ist. Das neue Material saugt kaum Wasser, bleibt daher leicht und glatt. Darüber hinaus wurde die Kompression verbessert, dadurch wird die Durchblutung gefördert und die Stabilität gewährleistet.

Britta Steffen musste sich gestern Vormittag nicht einmal verausgaben. "Ich bin verwundert, dass mein Schwimmgefühl mich so getäuscht hat", beschrieb sie ihre Überraschung über den Weltrekord. Und sagte voraus, dass noch viele Bestmarken fallen werden. Womöglich bereits am Samstagnachmittag im Endlauf über 100 Meter. Spätestens aber bei den Beckenwettbewerben der Weltmeisterschaften in Rom vom 25. Juli bis zum 2. August.

Der Weltverband Fina hatte erst zu Wochenbeginn die meisten der umstrittenen Anzüge genehmigt, darunter auch die Neu-Entwicklung von Steffens Sponsor, der bis Ende 2008 auch Ausrüster des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) war. Der Vertrag wurde jedoch aufgelöst. Zuvor hatten viele Schwimmer das Material als nicht konkurrenzfähig kritisiert. Ab 2010 will die Fina strengere Regeln für die Anzüge erlassen.

Trotz ihrer herausragenden Erfolge ist Britta Steffen bescheiden geblieben. Prunk und Glamour sind nicht ihr Ding, an der Uni will sie eine "ganz normale Studentin" sein, und sie liebt es, mit Freunden im Café zu sitzen. Steffen beschreibt sich selbst gern als bodenständig. Und so verwundert es kaum, dass sie sich nach ihrem Weltrekord nicht gleich als die klare Favoritin ansieht. "Ich bilde mir auf diesen Rekord nichts Großes ein", sagt die 25-Jährige.

Vor den nationalen Titelkämpfen in Berlin hatte Steffen noch "ein bisschen Bammel", weil sie nicht genau wusste, wo sie derzeit steht. Jetzt aber stimmt das Selbstvertrauen. "Ich fühle mich sehr gut", sagt Britta Steffen, sie lächelt verschmitzt: "Und der neue Anzug gibt im wahrsten Sinne des Wortes zusätzlichen Auftrieb."

"Das ist das Krasseste, was ich je erlebt habe"

Britta Steffen