Karriere im Zeitraffer: Herthas Sejad Salihovic

Auf dem Parkplatz vor dem Kabineneingang wartet sein Vater. Sejad Salihovic wird nach dem Training abgeholt. Während die Teamkollegen von Hertha BSC in ihren Mercedes, BMW, Porsche davonbrausen, steigt der 20jährige als Beifahrer ins Familienauto. Salihovic macht zur Zeit seinen Führerschein. "Ich hoffe, daß ich ihn in drei Wochen habe", sagt er. Der Bosnier ist seit einem halben Jahr Profi beim Hauptstadt-Klub. Die großen Statussymbole fehlen noch.

Auf dem Platz sieht das anders aus. Da braucht sich der Bosnier vor seinen bekannteren Mitspielern nicht mehr zu verstecken. Einigen hat er den Rang abgelaufen. Zuletzt stand Salihovic zweimal hintereinander in der Startelf der Berliner. Davon können andere nur träumen. Pal Dardai etwa, ungarischer Nationalspieler, hat das in der Rückrunde nur einmal geschafft. Marko Rehmer, Vize-Weltmeister von 2002, wird es bei Hertha wohl nie mehr gelingen.

Salihovic dagegen gehört die Zukunft in der Bundesliga. Daß sie für ihn schneller als erwartet in dieser Saison begann, liegt an seinen Stärken. Der Offensivmann bringt Qualitäten ein, an denen es Hertha mangelt. Er kann scharf und präzise flanken, verfügt zudem über eine hervorragende Schußtechnik. In der Regionalliga Nord hat er sich mit elf Treffern für die Profis empfohlen. Für Salihovic legte sich der Trainer sogar mit dem Star im Team an. Es bedurfte mehrerer Gespräche von Götz und dem Manager, um Marcelinho klarzumachen, daß Ecken und Freistöße ab sofort abwechselnd mit Salihovic getreten werden - nicht mehr nur vom Brasilianer. Nicht zufällig lobte Falko Götz nach dem 3:1-Sieg gegen den SC Freiburg: "Sejad hat vier, fünf brandgefährliche Flanken geschlagen und nicht nur dadurch seine Aufstellung gerechtfertigt. Er darf sich nur nicht verunsichern lassen, wenn mal eine Aktion mißlingt."

Für den Nachwuchsmann, der im Alter von sieben Jahren als Bürgerkriegsflüchtling nach Berlin kam, war das Heimdebüt in Herthas Startelf gegen Freiburg ein besonderer Tag und "ein unbeschreiblich schönes Gefühl". Innerhalb von nur drei Wochen hat Salihovic einen riesigen Karrieresprung gemacht.

Über Ostern sah er seine Heimat nach mehr als 13 Jahren wieder. Im EM-Qualifikationsspiel der U 21-Junioren am Karfreitag in Belgien (1:2) gab Salihovic mit der Trikotnummer elf sein internationales Debüt für die Nachwuchsauswahl von Bosnien-Herzegowina. Vier Tage später spielte er in Sarajevo gegen Litauen (2:0) ebenfalls durch. "Ich bin in Bosnien gut aufgenommen wurden", sagt Salihovic. Im Sommer will er vielleicht sogar sein Heimatdorf Sepak bei Zvornik besuchen, das die moslemische Familie einst auf Druck serbischer Milizen verlassen mußte. Salihovic: "Die Spannungen in Bosnien haben sich gelegt." Ein Stück Normalität kehrt in das Leben des Fußball-Profis ein. Zwölf Jahre lang war er von den deutschen Behörden geduldet worden, ehe er im vergangenen Jahr vom bosnischen Konsulat einen Paß bekam.

Für den Rest der Saison hat er klare Ziele. Möglichst oft will er in den verbleibenden sechs Spielen bei Hertha in der Startelf stehen und mithelfen bei der Qualifikation für den UEFA-Cup. "Wir haben nach den Ergebnissen des vergangenen Wochenendes gute Chancen auf Platz fünf", sagt er vor dem Top-Spiel am Sonnabend bei Meister Werder Bremen. Auch international hofft Salihovic auf einen weiteren Karrieresprung: "Am 4. Juni möchte ich in San Marino mein erstes A-Länderspiel für Bosnien machen." Vorher steht jedoch die Führerscheinprüfung an. Seinen ersten Wagen hat sich Salihovic schon gekauft.