Europa-League-Finale

Irrenhaus auf Titeljagd

Esvarsenbek: Das Leiden von Atletico beginnt mit einem Namen, den die meisten Fans nicht einmal aussprechen können. Es ist der 15. Mai 1974, der Tag des Madrider Stadtheiligen San Isidro. Im Finale des Europacups der Landesmeister läuft die letzte Minute der Verlängerung, Atletico führt 1:0 durch ein Tor von Luis Aragones, als plötzlich Esvarsenbek daher kommt, Hans-Georg Schwarzenbeck, aus 30 Metern abzieht und für die Bayern ein Tor schießt, dass er, der angriffsscheue Vorstopper, sich bis heute selbst nicht so recht erklären kann.

Wie sollen sie sich dann erst bei Atletico dieses Tor erklären - außer als Fluch?

Seit jenem Tag und der folgenden 0:4-Pleite gegen die Münchner im Wiederholungsspiel, ist der Verein verhext von "el pupas", dem "Aua". So erzählt es die Legende, so erzählen es auch jene, die "el pupas" für heilbar halten, seit Diego Forlan in der Verlängerung beim FC Liverpool das Finale der Europa League herbei schoss. In dem geht es am Mittwoch in Hamburg gegen den FC Fulham (20.45 Uhr, Sat 1 und Sky), nächsten Mittwoch steht außerdem noch das spanische Pokalfinale gegen den FC Sevilla an. Es könnten die ersten Titel seit 1996 werden - und wer wie Atletico im Europapokal ein Endspiel erreicht, obwohl er von 14 Partien gerade einmal zwei gewonnen hat, der darf sich normalerweise nun wirklich mit dem Glück im Bunde fühlen. Andererseits hat "el pupas" auch das nationale Double von 1996 überlebt, es ist bei Atletico über die Jahre so etwas wie ein Lebensgefühl geworden.

Atletico ist nach Meisterschaften (neun), Fans und finanziellen Möglichkeiten der drittgrößte Klub Spaniens, aber es hält sich chronisch für unterprivilegiert. Und wer an den ewigen Verlierer-Mythos glaubt, der findet überall Zeichen und Insignien. Wo schon das Stadion am Paseo de los Melancolicos liegt, der "Promenade der Melancholischen". Wo sie bei der 100-Jahres-Feier einen Rolling-Stones-Song spielten: "You can't always get what you want".

"Wir sind verurteilt, so ist Atletico", sagte 2000 auch Radomir Antic, der Double-Trainer von 1996 und heutige Nationalcoach Serbiens. Als sei einem Naturgesetz gefolgt, dass Atletico gerade abgestiegen war, obwohl es den dritthöchsten Etat der Liga verwaltete und Millionen über Millionen für Spieler ausgab. Als habe es nicht auch damit zu tun gehabt, dass Jesus Gil y Gil, der, nun ja, schillernde Klubpräsident, Parteivorsitzende (GIL) und Bürgermeister Marbellas die Jugendabteilung abschaffte (einem gewissen Raul blieb daraufhin nur der Wechsel zu Real Madrid) und in 16 Jahren Amtszeit sagenhafte 35 Trainerwechsel vornahm. Am Chaos als Prinzip hat sich auch seit dem Tod des Cholerikers 2003 nicht sonderlich viel geändert. Das Nachfolgetandem, Gil-Sohn Miguel Angel und Gil-Kumpel Enrique Cerezo, bringt es bereits auf acht Trainer. Von einem "Irrenhaus" sprach das vorerst letzte Opfer Abel Resino, als es im Oktober durch Quique Sanchez Flores ersetzt wurde.

Zur irrationalen Seele des Klubs gehört umgekehrt, dass nach besagtem Abstieg die Dauerkartenverkäufe zunahmen und das Stadion mit 55 000 Fans jede Woche ausverkauft war. Die Anhänger zelebrieren ihre Hingabe - auch um sich dem erfolgreicheren Real wenigstens moralisch überlegen fühlen zu können. Gegenüber dem noblen Lokalrivalen mit seinem Santiago-Bernabeu-Stadion im Bankenviertel der Stadt versteht sich Atletico als gefühliger Klub des Volkes, sein Vicente Calderon steht im proletarischen Süden von Madrid, direkt unter der Tribüne führt die Stadtautobahn hindurch. In den nächsten Jahren soll es jedoch zugunsten des größeren, moderneren Olympiastadions verlassen werden; viele Fans befürchten durch den Umzug den Verlust der Identität. Noch aber ist die sehr lebendig. Die ablaufende Saison war selbst für Atletico-Verhältnisse eher turbulent. In der Liga belegte man zwischenzeitlich einen Abstiegsplatz, und Forlan, neben Sturmpartner Sergio Agüero der Star der Truppe, vorige Saison bester Torschütze des Kontinents, wurde von den eigenen Fans bepöbelt. Momentan sind alle versöhnt, in Hamburg soll ja endlich mal wieder etwas gefeiert werden.