"Ich hatte eine Depression"

Befreit wirkte Gabor Kiraly, als er gestern das Podium im Medienraum von Hertha BSC verließ. 20 Minuten hatte er dort gesessen und erzählt. Über seine Probleme in den vergangenen sechs Monaten, in denen der Torhüter des Fußball-Bundesligisten keine Interviews gegeben hatte. Nicht einmal zum Smalltalk war er bereit.

Jetzt ist klar, warum. "Das letzte halbe Jahr war nicht leicht für mich. Nach der Niederlage am letzten Hinrundenspieltag in Köln ging es mir einfach nicht gut. Nach dieser schlimmen halben Saison war ich niedergeschlagen. Als ich zurück in Ungarn war, hatte ich eine Depression. Ich wollte morgens nicht aufstehen, weil ich dachte, ich würde etwas Schlimmes machen", erzählte der 28-jährige Ungar über den Tiefpunkt seiner bisherigen Karriere. Nach elf Jahren als Profi habe er sich ausgebrannt und leer gefühlt. "Heute bin ich einfach nur froh, wieder gesund zu sein."

Mit der Unterstützung seiner Ehefrau Zsanett und des ungarischen Fußball-Idols Gyula Grosics, dem Torhüter der ungarischen Weltmeister-Elf von 1954, habe er sich in vielen Gesprächen ohne medizinische Hilfe aus dem seelischen Tal herausgearbeitet. Schon am Heiligabend 2003 gegen 14 Uhr hatte er zudem einen wichtigen Entschluss gefasst. "Da habe ich entschieden, Hertha BSC nach der Saison 2003/2004 zu verlassen."

Eine schwere Entscheidung, wie Kiraly betont. "Die Jahre in Berlin waren sehr schön. Ich habe zu 80 Prozent schöne Erinnerungen an die Zeit bei Hertha. Doch jetzt ist es Zeit für einen neuen Reiz", erklärte der Keeper, den es nun nach England zieht. "Drei englische Klubs haben Interesse an mir, darunter auch Liverpool", sagte er.

Wo es genau hingeht, werde sich in den nächsten Tagen ergeben. Erst einmal will sich der Hertha-Torwart morgen im Olympiastadion gemeinsam mit der Mannschaft bei den Fans bedanken. Für die Unterstützung in seiner Zeit bei Hertha und in der abgelaufenen Halbserie.

Dass die Partie gegen den 1. FC Köln zu seinem Abschiedsspiel Kiralys wird, scheint aber ausgeschlossen. "Ich habe Riesen-Achtung vor Gabor, er wird auch ganz sauber verabschiedet. Wenn es die Konstellation hergibt, wird er ein paar Minuten bekommen. Eine Gabor-Kiraly-Party wird es aber nicht geben, er ist ein Teil der Mannschaft", sagt Trainer Hans Meyer.

Kiraly hat Verständnis für die Entscheidung. "Fußball ist Teamsport, meine Person ist nicht wichtig", sagt er. Der Keeper, dessen Markenzeichen seine graue, schlabbernde Trainingshose ist, von der er sich nicht trennen will, möchte gegen den Tabellenletzten noch einmal Stimmung machen und sich dann voll und ganz auf seine neue Aufgabe konzentrieren. "Ich habe in den vergangenen Monaten, in denen ich wegen zahlreicher Verletzungen kaum gespielt habe, den Kopf wieder frei bekommen", sagt er. "Auch wenn ich Hertha eigentlich helfen wollte. Vielleicht war das ganz gut, so hatte ich keinen Druck und konnte mich regenerieren. Mit neuer Energie gehe ich neue Aufgaben an."

Dazu gehört auch die Rückkehr in die ungarische Nationalmannschaft. "Bei den nächsten beiden Begegnungen gegen China und Deutschland bin ich wieder dabei. Das ist mit dem Nationaltrainer abgesprochen", sagt er. Zuletzt hatte Lothar Matthäus auf Kiraly verzichtet - wohl wissend, dass den Torhüter gesundheitliche Probleme plagen.

Die sind nun vorbei. Genau wie Kiralys Zeit in der Hauptstadt. Fans und Kollegen werden den sympathischen Ungarn vermissen. Die besten Wünsche begleiten den bescheidenen, höflichen Sportsmann auf seinem Weg nach England. Und vielleicht verwirklicht er ja dort seinen Traum: Einmal im Champions-League-Finale stehen und dann den Ball mit einem Wurf an die Latte des eigenen Tores ins Spiel zu bringen.