Schneller als die Osterweiterung

Die Friedensfahrt kämpft bei ihrer heute in Brüssel beginnenden 57. Auflage ums Überleben - wieder mal. Dank Zugpferd Erik Zabel sind zumindest der sportliche Wert und das Interesse der Öffentlichkeit sprunghaft gestiegen. Der Etat von 1,3 Millionen Euro ist ausgeglichen. Selbst die Europäische Union bezuschusst die Veranstaltung und übernimmt als eine Art Willkommensgruß für ihre neuen Mitgliedsländer Polen und Tschechien die Kosten für den Auftakt in Europas Hauptstadt. Danach steht morgen die Etappe "Rund um Hannover" auf dem Programm. Über Halberstadt, Eisleben, Beierfeld und Görlitz geht es nach Polen. Nach neun Etappen und 1600 Kilometern ist am 16. Mai Prag das Ziel für 136 Radprofis aus 17 Mannschaften.

Bei dieser Friedens-Tour träumt der Berliner Dennis Kraft weiter von der großen Karriere als Radprofi. Er wartete deshalb nicht auf die EU-Osterweiterung. Bereits im vorigen Jahr unterschrieb er beim polnischen Team ATI-Action einen Vertrag. "Das ist mein erstes ganz großes Rennen." Schon bei der Niedersachsen-Rundfahrt im April tat sich der blonde Radler hervor, trug sogar auf einer Etappe das Trikot des besten Sprinters und jagte zweimal als Etappen-Vierter knapp am Podest vorbei.

Bundestrainer Peter Weibel hält viel vom 21-Jährigen: "Dennis gehört zu den größten deutschen Talenten." Familientradition: Vater Jürgen gewann 1977 die deutsche Straßenmeisterschaft. Danach zog er mit Familie nach Italien und trat dort ein Jahrzehnt als Profi in die Pedale. Er galt als geschätzter Helfer von Stars wie Francesco Moser oder Giuseppe Saronni. Beim Giro stand er als Etappendritter sogar zwei Mal auf dem Siegerpodest.

"Meinem Bruder und mir erzählte unser Vater möglichst wenig vom Radsport. Durch den gestiegenen Straßenverkehr schien ihm der Sport gerade in Rom für uns Jungen zu gefährlich. Wir spielten Tennis. Zum Tennisplatz aber fuhr ich mit dem Fahrrad", erzählt Dennis, der bald als Junior aufs Rad stieg. Von 150 Rennen gewann er 26.

Vor zwei Jahren allerdings stand die Karriere auf der Kippe. Bei der deutschen Zeitfahrmeisterschaft 2002 in Andernach erreichte Dennis die Nachricht, dass sein Vater seinen Job verloren und sich aus Verzweiflung das Leben genommen hatte. "Ich war völlig fertig, wusste nicht, wie es weitergehen sollte", sagt Dennis. Aber zum Glück "hatte ich unheimlich viele Menschen um mich, die mir halfen. Mein Berliner Trainer Jochen Hahn vom Winfix-Team und Bundestrainer Peter Weibel unterstützten mich, wo sie konnten". Nach kurzer Pause ging es deshalb weiter mit dem Radsport. Dennis Kraft setzte sich schon 2003 gut in Szene. Bei der Tibet-Rundfahrt "Quri Ei" in 3000 m Höhe belegte er als einer der jüngsten Rennfahrer im Peloton einen viel beachteten achten Gesamtrang.

Und nun also steht die Friedensfahrt 2004 an: "Es ist klasse, dass Erik Zabel für die Friedensfahrt gemeldet hat. Mit Erik einmal einen Spurt zu fahren, ist für mich der blanke Wahnsinn", freut sich Dennis Kraft.