Die Hoffnung stirbt zuletzt

Es lief bereits die Nachspielzeit - und der Abstieg des 1. FC Union schien besiegelt. "Es stand nach zweimaligem Rückstand 2:2, aber das hätte nicht gereicht", erinnert sich Karsten Heine, der damalige Fußball-Trainer der Köpenicker, an das Spiel, das er nie vergessen wird. Jeden Moment konnte der Abpfiff ertönen, doch der Schiedsrichter entschied noch einmal auf Freistoß für Union. Und dann geschah das Unfassbare, die Rettung in letzter Minute. Mario Maek brachte den Ball zum 3:2 über die Linie. Kurz danach war Schluss und Union gerettet. Heine: "Ein einmaliges Erlebnis. Dabei hatte nach der Hinrunde niemand mehr einen Pfifferling auf uns gegeben."

Fast 16 Jahre liegt die zur Legende gewordene Last-Minute-Rettung der Eisernen in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zurück. Viertausend mitgereiste Union-Fans stürmten an jenem 28. Mai 1988 den Rasen, feierten mit dem Team um Kapitän Olaf Seier den Klassenerhalt in der ehemaligen DDR-Oberliga. "Das war Dramatik pur. Unglaubliche Freudenszenen spielten sich ab, auch später auf der Autobahn und in den Zügen", blickt Bernd Krüger zurück. Er war damals dabei, ist heute Platzwart an der Alten Försterei und Autor der Nostalgie-Serie "Damals war's" im Stadionheft der Köpenicker.

Die klammern sich im derzeitigen Abstiegskampf in Liga zwei an jede noch so kleine Hoffnung und die Erinnerung an jenes Wunder. "Wir werden auch diesmal die Rettung am letzten Spieltag schaffen und dann am 23. Mai in Burghausen genauso feiern wie 1988 in Karl-Marx-Stadt ", sagt Unions Fan-Beauftragter Sven Schlensog. Die Chance auf ein Happyend am Saisonende ist aber durch die Oster-Ergebnisse weiter gesunken. Vor dem Heimspiel am Sonntag (15 Uhr, Alte Försterei) gegen Spitzenreiter 1. FC Nürnberg hat Union vorerst den Anschluss verloren.

Sechs Punkte trennen die Rot-Weißen von einem Nicht-Abstiegsplatz. Mit Ahlen (15./33 Punkte) und Burghausen (16./32) muss der Tabellenvorletzte (28 Zähler) dabei aber gleich zwei Teams überholen. Zu schaffen ist das in den letzten sechs Runden kaum. Am Ende reichen wohl selbst 40 Punkte (wofür Union noch vier Siege benötigt) nicht für den rettenden 14. Platz. "Es wird sehr schwer, aber es ist nach wie vor machbar", sagt Trainer Aleksandar Ristic. Und Vereinsboss Jürgen Schlebrowski meint: "Wenn wir Nürnberg schlagen, sind wir wieder dran."

Vielleicht geht nach einem Erfolgserlebnis ein Ruck durch die Mannschaft. So wie in der Spielzeit 1987/88, als Union vor der Zielgeraden ebenfalls den Anschluss schon verloren zu haben schien. Doch mit einem 0:0 bei Dynamo Dresden sowie den 3:2-Siegen gegen Chemie Halle und beim FC Karl-Marx-Stadt zogen die Berliner den Kopf noch aus der Schlinge. "Natürlich gehört auch Glück dazu, aber das hat bekanntlich nur der Tüchtige", sagt Karsten Heine. Er war im Dezember 1987 mit 32 Jahren der jüngste DDR-Oberliga-Coach aller Zeiten geworden, trainiert heute die Hertha-Amateure. "Ich habe bis zum Schluss gedacht, dass es noch klappen wird", sagt er zum glücklichen Ausgang seiner damaligen Mission. "Du musst immer an dich glauben, einen festen Willen und starke Nerven haben." Tugenden, die Union in den nächsten Wochen gut gebrauchen kann.