Doppelte Hoffnung aus Berlin

Neue Männer braucht das Land - so hieß vor Jahren ein eingängiger Hit, dessen Titelzeile danach fast zum geflügelten Wort wurde. Auch fürs Eiskunstlaufen scheint er bestens kompatibel, nachdem die deutschen Männer in den vergangenen Jahren ins internationale Mittelmaß abgerutscht sind. Der gebürtige Russe Andrej Vlascenko, gestern Zweiter der deutschen Meisterschaften in Berlin, läuft mit 29 Jahren seine letzte Saison. Der Meisterschafts-Dritte Silvio Smalun (24/Oberstdorf) sowie der Sieger Stefan Lindemann (23/Erfurt) sind zwar im besten Leistungsalter - aber sie haben sich bislang noch nicht in der internationalen Spitze etablieren können, wie die EM-Ränge elf und zwölf der Vorsaison belegen.

Hoffnung auf bessere Zeiten macht ein Berliner Brüderpaar. Der 18-jährige Martin Liebers und sein drei Jahre jüngerer Bruder Peter überzeugten im Erika-Hess-Eisstadion mit couragierten Auftritten und belegten die Ränge vier und fünf. "Das waren sehr schöne und fast fehlerfreie Programme, aber sie können es noch besser", kommentierte ihr Vater Mario Liebers. Der 43-jährige Zahnarzt kennt sich im Fach bestens aus. Fünfmal in Folge war der Berliner von 1976 bis 1980 Zweiter der DDR-Meisterschaften hinter Jan Hoffmann, fünfmal startete er bei EM und dreimal bei WM. Bei den acht internationalen Championaten rangierte Vater Liebers fünfmal unter den Top Ten mit EM-Platz sechs und WM-Platz neun als Spitzenresultaten. Ergebnisse, von denen die Besten der Deutschen Eislauf-Union (DEU) heute nur träumen können. Zu den Meriten von Mario Liebers gehört auch, dass er als erster Deutscher einen Dreifach-Axel gesprungen ist. "Das war 1977 im Training. Zwar nicht hundertprozentig perfekt, aber doch so, dass man ihn als gelungen gelten lassen konnte", erinnert er sich. Erst ein Jahr später zeigte der Kanadier Vern Taylor den Sprung im Wettkampf. Dass der lange Zeit als Königssprung geltende Dreifache immer noch etwas Besonderes ist, beweist die Tatsache, dass die Liebers-Söhne ihn noch nicht aufführungsreif in petto haben. "Aber sie sind dicht dran, das werden sie demnächst packen", ist der Vater überzeugt.

Längst hat sich eine Art Familien-Wettkampf über die Generationen entwickelt, nachdem Martin und Peter mitbekommen haben, dass ihr "alter Herr" an der Eiskunstlauf-Geschichte mitgeschrieben hat. "Was er erreicht hat, wollen wir auch schaffen: gute Platzierungen bei nationalen Meisterschaften, bei EM und WM. Und wir wollen ihn in manchen Dingen auch übertreffen", sagt Martin.

Zum Beispiel mit der Teilnahme an Olympischen Spielen. Oder mit einem Vierfachsprung, an dem bereits eifrig gearbeitet wird. Mario Liebers freut sich über die Fortschritte seiner Söhne, aber er gehört mit Gattin Kerstin, die mal eine passable Sprinterin beim SC Dynamo war, nicht zu den berüchtigten Eiskunstlauf-Eltern, die ihre Sprösslinge mit Über-Ehrgeiz unter Druck setzen. "Wir mischen uns ins Sportliche nicht ein und reden dem Trainer nicht in seine Belange. Die Jungs sollen nicht wegen uns laufen, sondern das, was sie tun, selber wollen." Was freilich auch bedeute, dass "man nicht mit halbem Herzen bei der Sache sein kann". Solange sie Eiskunstlaufen betreiben, "solange sollen sie das auch richtig machen, denn dafür kostet die Geschichte zu viel Geld und Nerven", sagt Mario Liebers. Die Unterstützung der Eltern hat Konsequenzen, zeitliche und natürlich finanzielle. Mutter Kerstin näht alle Kostüme selbst, insgesamt, sagt sie, "kommt wohl jede Saison ein Kleinwagen zusammen, wenn man addiert, was für die beiden und ihren Sport gebraucht wird". Ein Paar Wettkampfschlittschuhe kostet etwa 850 Euro, jeden Winter ist ein neues fällig. Entschädigt freilich wurden Mario und Kerstin Liebers bisher stets durch die Erfolgserlebnisse ihrer beiden Söhne. Sie waren mehrfach deutsche Meister bei Jugend und Junioren, in Zukunft werden sie immer häufiger auch gegeneinander antreten müssen. Ein Problem? "Die beiden gehen sehr fair miteinander um, drücken sich wirklich gegenseitig die Daumen. Andererseits wissen sie auch, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und dass man sich da auch gegeneinander durchsetzen muss", meint der Vater. Die beiden Söhne seien durchaus unterschiedlich. Martin eher ein "Kopfmensch, der sich unter Druck setzt und grübelt, wenn was schief geht", und Peter ein "Hoppla, jetzt komm'ich"-Typ. "Jeder hat Vor- und Nachteile, die sich wechselseitig in etwa ausgleichen. Ich glaube, dass in Zukunft mehr und mehr die Tagesform zwischen den beiden entscheiden wird."

Erreicht haben Martin und Peter aus Sicht des stolzen Vaters jedenfalls schon eine Menge. "Das Niveau, das heute gefordert wird und das die Jungs auch drauf haben, das hätte zu meiner Zeit gereicht, um international unter die besten Drei zu kommen. In zwanzig Jahren hat sich da ein Quantensprung vollzogen."