"Staatsdoping gibt es immer noch"

Alessandro Donati (59) gehört zu den renommiertesten Dopingaufklärern weltweit. Der italienische Sportwissenschaftler und frühere Leichtathletiktrainer wird seit mehr als 25 Jahren in seiner Heimat angefeindet, weil er zahlreiche Skandale aufdeckte, u.

Alessandro Donati (59) gehört zu den renommiertesten Dopingaufklärern weltweit. Der italienische Sportwissenschaftler und frühere Leichtathletiktrainer wird seit mehr als 25 Jahren in seiner Heimat angefeindet, weil er zahlreiche Skandale aufdeckte, u.a. um systematisches Epo- sowie Wachstumshormondoping. Donati stellte als erster Francesco Conconi an den Pranger, der bereits in den 80er-Jahren mit Bluttransfusionen bei Sportlern experimentierte. Nach seiner jahrelangen Arbeit im Nationalen Olympischen Komitee (Coni) berät Donati heute den Minister für soziale Solidarität in Italien, Paolo Ferrero, in Fragen von Dopingmissbrauch und Rauschgifthandel.

Berliner Morgenpost: Herr Donati, angesichts Ihrer Kenntnisse im Radsport: Nehmen Sie den Giro d'Italia als Sportereignis ernst?

Alessandro Donati: Nein. Vor dem Hintergrund all meiner Erfahrungen kann ich das nicht mehr tun. Ich nehme den Giro d'Italia mit Abstand wahr und nur mit professioneller Wissbegierde, weil Ereignisse wie dieses vom Doping verschmutzt sind.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des Coni im Fall Ivan Basso? Hat es ihn 2006 voreilig ad acta gelegt?

Ganz sicher! Mich wundert das allerdings nicht, denn es steht im Einklang mit dem gesamten bisherigen Verhalten des Coni. In Italiens Olympischem Komitee setzt man seit jeher auf eine Minimierungs- und Vermeidungsstrategie. Die Dynamik der Ereignisse der letzten Woche ist allerdings neu im Vergleich zur üblichen Taktik. Im Grunde bewerte ich wenigstens das positiv. Doch im Zusammenhang mit den Verhören von Basso erscheint alles in einem zweideutigen Licht.

Wie meinen Sie das?

Insbesondere hat der Coni-Staatsanwalt die Aussagen von Basso, die in Wirklichkeit eine minimale Mitarbeitsbereitschaft darstellen, als Kronzeugenfunktion betrachtet. Bassos Kooperation ist aber bisher enttäuschend und unglaubwürdig. Der Aktionismus des Coni wirkt jetzt wie eine Scheinhandlung.

Sind Sportler wie Basso nur Spielfiguren in einem System?

Ja, natürlich ist er eine Marionette. Es ist ein entscheidender Fehler, die Aufmerksamkeit auf die Athleten zu fokussieren. Man gerät in eine Falle, die jahrelang vom internationalen Sportsystem ausgenutzt wurde. Dies System zielt darauf ab, dass möglichst wenige Leute erwischt werden, und wenn überhaupt, lediglich die Athleten - nie Trainer, Sportärzte oder Führungskräfte des Systems. Es ist eine perfide Strategie, bei der die Medien und die Regierungen Komplizen sind. Durch sie hat sich eine Generation im Sportsystem verwurzelt, die unehrlich und korrupt ist und die mächtigsten Positionen eingenommen hat.

Als wie effektiv hat sich das italienische Anti-Doping-Gesetz erwiesen?

Es war zunächst nützlich, mit Hilfe der möglich gewordenen Ermittlungen die Komplexität und Dynamik des Phänomens Doping verständlich zu machen. Aus diesen Kenntnissen entstand die Möglichkeit, gezielt Präventionsprogramme zu schaffen. Sie heben nicht hauptsächlich ab auf die Eindämmung des Dopings unter Erwachsenen, sondern sollen vor allem Heranwachsende sensibilisieren und davon abhalten.

Sie monieren, dass sich die Testmethoden seit den 80er-Jahren praktisch kaum weiterentwickelt haben gegenüber den immer mehr verfeinerten Dopingmethoden. Wie kann dieses Dilemma gelöst werden?

Die medizinische Kommission des IOC hat erst mit enormer Verspätung im Vergleich zur Markteinführung neuer Medikamente mit Dopingwirkung Forschungen zur Entwicklung von Testmethoden für ihre Entdeckung gefördert. Beispiele sind Epo ( Erythropoetin, d.Red. ) und HGH ( Wachstumshormon, d.Red. ). Epo tauchte bereits Ende der 80er-Jahre auf - und was machte die IOC-Kommission? Sie beauftragte Professor Conconi mit der Erforschung ( lacht ). Es gibt nur zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder war das IOC total unfähig - oder es war in das Dopingsystem bereits zu stark verwickelt.

Gibt es nach Ihren Erkenntnissen Staatsdoping noch immer?

Es existiert noch. Die gesamte Sportgeschichte ist nationalistisch gekennzeichnet, der Sport wurde im Dienste von Diktaturen ausgenutzt. Auch heutzutage ist der Sport häufig ein Instrument der Scheinpolitik von demokratischen Systemen. Auch sie bauen darauf, dass ihr Image durch sportlichen Erfolg stärker glänzt, auch sie könnten einen scheinbaren Nutzen sehen im Doping, um die Leistungen und die Ergebnisse zu Gunsten der eigenen Nation zu verbessern. Der Schlüsselpunkt ist, dass das Sportsystem sein Dopingproblem nicht zu verbergen vermag, ohne dass es ein schweigendes Komplizentum der Regierungen gäbe. Ich befürchte, es gibt dieses Komplizentum noch immer - auch wenn es durch die Dopingskandale leicht erschüttert worden ist.

Wie geht der Fall Basso aus?

Die Ermittlungen werden Basso und seine Entourage dazu zwingen, einige Wahrheiten ans Licht zu bringen. Ich sage voraus, dass Basso ebenso wie andere Spitzensportler - denken wir an Jan Ullrich und Marco Pantani - allein gelassen werden wird. Es ist für mich unglaubwürdig, dass sowohl die nationalen als auch der internationale Radverband UCI angeblich nichts wussten von einem Netzwerk wie dem von Fuentes, das sich auf enorme internationale Verzweigungen stützte.