Rundenjagd beginnt mit Verspätung

Sie wurden von den über 12 000 Zuschauern im Velodrom an der Landsberger Allee gefeiert, als hätten sie soeben das 96. Berliner Sechstagerennen gewonnen.

Sie wurden von den über 12 000 Zuschauern im Velodrom an der Landsberger Allee gefeiert, als hätten sie soeben das 96. Berliner Sechstagerennen gewonnen. Dabei hatten Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker (86) und Schauspielert Til Schweiger (43) lediglich den Startschuss abgefeuert. Mit einer knappen Viertelstunde Verspätung war die wilde Jagd freigegeben. Zuvor hatte Richard von Weizsäcker unter dem Jubel der Berliner Radsportfans zugegeben: "Nirgendwo auf der Welt ist die Stimmung so einzigartig wie hier." Da wollte Til Schweiger nicht nachstehen und bekannte: "Ich bin das erste Mal bei einem Sechstagerennen und muss zugeben, dass ich tierisch gespannt bin, wie das hier abgeht."

Und der durchtrainierte Mime sollte nicht enttäuscht werden, denn Seriensieger Bruno Risi, der in der laufenden Saison bereits sechs Erfolge erkämpfen konnte, und sein Schweizer Partner Franco Marvulli holten sich die ersten Punkte beim Mannschafts-Ausscheidungsfahren. Damit übernahmen die Alpen-Flitzer auch die Gesamtführung im Feld der 18 Paare im Velodrom.

Der stimmungsvolle Auftakt lockte Neugierige an. Beispielsweise aus den Städten Panavezys und Philadelphia. Stadtdirektor Visvaldas Matkevicius und sein Sport-Amtsleiter Vidmantas Urbonas (Ex-Weltmeister im Ultra-Marathon) sind genauso an der Durchführung eines Sechstagerennens interessiert wie der heutige Präsident der US-Pro-Cycling-Tour, Dave Chauner, und der langjährige Präsident der US-Pro-Cycling-Federation, Jack Simes, beide ehemalige Radsportler.

Während Chauner auf die Olympia-Teilnahme 1968 (Mexiko-Stadt) und 1972 (München) verweisen kann, war Jack Simes schon 1960 in Rom sowie 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko am Start. Der zehnmalige WM-Teilnehmer gewann als einstiger 1000-m-Spezialist die Silbermedaille bei der WM 1968 in Montevideo/Uruguay und war Zweiter bei den Panamerikanischen Spielen 1971 in Winnipeg. US-Titel gewann er auf der Straße (1964), im Sprint (1965 und 1967) sowie 1969 im Zehn-Meilen-Rennen. Jack Simes ist auch zehn Sechstagerennen gefahren. 1973 verpflichtete ihn der damalige Sportliche Leiter und heutige Sportdirektor Otto Ziege (80) für das 69. Berliner Sechstagerennen, damals noch in der Deutschlandhalle.

Für Berlins Sechstagechef Heinz Seesing (69) zeigt das Informationsbedürfnis der beiden Litauer und der beiden Amerikaner eine Tendenz auf. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Zahl der Veranstalter erhöhen wird. Dazu ist es wichtig, dass sich alle Interessenten durch den Besuch von etablierten Rennen Informationen verschaffen. Wir helfen jedenfalls gern." Ralf Schürmann, Konstrukteur der 250-m-Bahn im Velodrom geht sogar einen Schritt weiter: "Berlin hat das beste Rennen der Welt."