Der Weg aus dem Tor führt in den Sturm

Der Pass kommt von der Hintertorbande, leicht schräg. So wie es ein Stürmer mag. Denn der Torhüter sieht den Puck nur für einen kurzen Moment und hat kaum Zeit zu reagieren.

Der Pass kommt von der Hintertorbande, leicht schräg. So wie es ein Stürmer mag. Denn der Torhüter sieht den Puck nur für einen kurzen Moment und hat kaum Zeit zu reagieren. Alles geht so schnell. Stephanie Wartosch-Kürten zieht direkt ab, die Scheibe zischt ins Netz. Als hätte sie schon Hunderte Tore auf diese Weise erzielt. Erlebt hat sie solche Situationen tatsächlich schon unzählige Male. Aber aus der entgegengesetzten Perspektive. Seit 20 Jahren spielt die gebürtige Düsseldorferin Eishockey. Nur stand sie immer im Tor. Sie war Deutschlands Beste, zehnfache Meisterin, sie hat bei Olympia gespielt, bei etlichen Weltmeisterschaften die Pucks abgewehrt.

Jetzt will Stephanie Wartosch-Kürten Tore schießen. Gleich im ersten Bundesliga-Spiel für den OSC Berlin traf sie am Sonnabend und trug zum 7:6 gegen Bergkamen bei. "In der Nacht davor bin ich erst um fünf Uhr eingeschlafen und war hundertmal auf dem Klo", sagt die 28-Jährige.

Warum, das weiß sie eigentlich nicht. Als Stürmer könne man doch kaum Fehler machen. Ein Schuss geht drüber, gut, aber das sei schnell vergessen. "Machst du als Torwart einen Fehler, wissen das nach dem Spiel noch alle", erzählt die frühere Nationalspielerin. Im Tor spürte sie immer einen unerhörten Druck.

Ihr Vorbild ist Oliver Kahn

Der ist nun weg. "Ich bin eine unter vielen, vorher war ich allein", sagt sie. Das konnte sie nicht mehr aushalten. Schon früh in der Saison hatte sie große Probleme, sich zu motivieren. Dabei ist sie ein Typ, der immer alles gibt, der immer voll engagiert ist. So wie ihr Vorbild, Torhüter Oliver Kahn vom FC Bayern München.

Aber immer öfter stellte sie sich selbst die Frage, warum sie sich das alles noch antut, diese ständige psychische Belastung. Immer haben sich alle nur auf sie verlassen. Aber nach so vielen Jahren setzte der Verschleiß ein. "Ich hatte keine wirklichen Ziele mehr." Das führte zu der Entscheidung, das Tor nach der Saison zu verlassen. Einfach so mittendrin aufgeben, das kam nicht in Frage.

Doch im November ging es nicht mehr. "In einem Spiel gegen Memmingen wurde mir schwindelig. Ich musste mich in der Kabine dreimal übergeben. Anschließend lag ich eine Woche im Krankenhaus", schildert sie ihren Leidensweg. Körperliche Ursachen wurden nicht gefunden. Die Diagnose lautete Burn-out-Syndrom. Der Schwindel ist noch nicht ganz verschwunden. Aber sie sieht erholt aus. Und hat alles gut verarbeitet. Weil sie ein positiver Mensch sei, und nicht alles in sich hineinfresse, sei sie nicht daran zerbrochen.

Ihre Familie war froh, dass sie nicht mehr im Tor steht. Zuletzt bekam sie kaum noch Unterstützung von den Eltern, wenn sie mit dem Nationalteam unterwegs war. Auch die sind irgendwie ausgebrannt. Wartosch-Kürten hat noch zwei Schwestern, die ebenfalls lange im Nationalteam spielten. Als sie klein waren, ging der Vater mit allen in einen Laden und kaufte drei Ausrüstungen. Stephanie wollte sofort ins Tor, weil sie den Düsseldorfer Goalie Peppi Heiss so toll fand. Fortan lebte die Familie nur noch für das Eishockey - und nahm dafür sogar Schulden in Kauf. Selbst zu Hause wurde mit dem Vater viel trainiert. "Da habe ich alles ausprobiert", sagt sie. Deswegen kann sie als Feldspielerin eine gute Figur abgeben. Trotzdem waren in ihrer Mannschaft alle geschockt, als sie verkündete, dass sie statt im Tor jetzt im Sturm spielen wolle.

Aus der Nationalmannschaft wurde sie vor einer Woche in Ravensburg verabschiedet. Vor über 3000 Zuschauern. "Das war sehr bewegend. Viele haben geweint." Wie es nun weitergeht, weiß sie nicht. Sie will noch etwas spielen. Aber ihre Bundeswehrzeit läuft im April ab. Sie muss einen Job finden. Doch eine Ausbildung hat Stephanie Wartosch-Kürten nie absolviert. Die Stürmerin hofft, dass sich ihre Beziehungen auszahlen. Sie steht also nicht nur sportlich vor einem Neuanfang, sondern auch im Leben.