Digel warnt davor, die EM zu überschätzen

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Carsten Harms

Professor Helmut Digel macht sich Sorgen. Der Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF warnt davor, die positive Wirkung der Europameisterschaften von heute bis Sonntag in München zu euphorisch als Aufschwung der Sportart in Deutschland zu betrachten. «Es besteht die Gefahr, dieses Ereignis zu überschätzen», sagt der Chef des Organisationskomitees.

Man dürfe nicht erwarten, dass Kinder und Jugendliche in die Vereine strömen. Digel prophezeit: «Das Nachwuchsproblem ist mit so einer Veranstaltung nur bedingt zu lösen.» Vielmehr gehe es darum, die Europameisterschaften indirekt für die Rekrutierung talentierter Jugendlicher zu nutzen. «Es ist wichtig, dass die Leichtathletik bei den Familien als schöne Sportart wahrgenommen wird», sagt er. Außerdem soll der DLV die Veranstaltung dazu nutzen, Partner aus der Wirtschaft zu finden. Das sei wichtig, um das Nationalteam und Nachwuchsprogramme zu finanzieren.

Die überwältigenden EM-Erfolge der deutschen Schwimmer in Berlin sind für die DLV-Sportler eher Herausforderung als Bürde, behauptet der Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees: «Diese Triumphe sollten ein Ansporn für unsere Athleten sein.» Auf längere Sicht aber dürfte die Bedeutung der europäischen Leichtathletik im weltweiten Vergleich sinken. Digel: «Zuletzt haben die Europäer bei WM und Olympia zwischen 40 und 50 Prozent der Medaillen errungen und waren damit der dominierende Verband. Ich denke aber, auf Grund der gesellschaftlichen Probleme der europäischen Staaten wird es eine negative Entwicklung geben.» Als wichtigen Beleg dafür führt der Soziologie-Professor die jüngsten Erfahrungen von den Junioren-WM in Kingston an, wo es für die Deutschen nur einmal Gold und einmal Bronze gab. «Dort hatten alle Westeuropäer Probleme. Das liegt meines Erachtens daran, dass die Leichtathletik hier eine typische Mittelschicht-Sportart ist. Das heißt, dass auch der sportliche Erfolg in der Regel nicht zu einer sozialen Aufstieg führt», sagt er.

Entsprechend schwierig sei es, sich dazu durchzuringen, ohne zentralistische Steuerung den langen Weg vom Talent zum Hochleistungssportler zu gehen. In dieser Hinsicht gäbe es keine Alternative zur verstärkten Einrichtung sportbetonter Schulen.

Allerdings sei es dringend notwendig, für eine Absicherung der Talente nach der Schulzeit zu sorgen. Dabei dürften die Sportkompanien der Bundeswehr nicht die einzige Möglichkeit sein. «Die Universitäten sind hier ein wunder Punkt. Leistungssportler gelten bei uns als Außenseiter, während zum Beispiel in den USA das Sportsystem vorwiegend über die Universitäten funktioniert. Auch Wirtschaftsunternehmen tun sich immer noch sehr schwer, sportgerechte Ausbildungsplätze anzubieten.»