Fifa-Kongress endet mit Eklat

Seoul - Für einen kurzen Augenblick schien sich selbst Lennart Johansson um seinen Widersacher Joseph Blatter zu sorgen. Der hatte als Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) den Außerordentlichen Kongress in Seoul gerade für beendet erklärt, als Issa Hayatou mit grimmigem Gesicht auf den einen Kopf kleineren Schweizer zustürmte. Mit fuchtelnden Armen beschimpfte er Blatter, den er heute auf dem Ordentlichen Kongress als Chef ablösen will.

«So wütend habe ich Hayatou noch nie gesehen. Ich habe gedacht: Jetzt kommt es», befürchtete Johansson, Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), wohl schon eine Körperverletzung. Doch beließ es Hayatou bei einer wegwerfenden Handbewegung in Richtung Blatter. Grund für Hayatous Wutanfall war der Ablauf des Kongresses, der mit einem Eklat endete.

Nachdem Blatter zunächst einen Bericht über die Fifa-Finanzen von 1999 bis 2006 vorgelegt hatte, den er selbst als «Meilenstein» bezeichnete, erklärte der Vorsitzende der Finanzkommission, Julio Grondona, die Fifa verfüge derzeit über «liquide Mittel in Höhe von 913 Millionen Schweizer Franken». Urs Linsi als Finanzdirektor prophezeite eine «rosige Zukunft». Danach sollten in Teil zwei des Kongresses Fragen gestellt werden - jedoch nur von den Vertretern der Landesverbände, so Blatter, der offensichtlich neue Attacken verhindern wollte.

Die fünf Fifa-Vizepräsidenten und Blatter-Gegner Hayatou, Johansson (Schweden), Antonio Matarrese (Italien), Chung Mong-joon (Südkorea) und David Will (Schottland) hatten Blatter erst tags zuvor erneut der Misswirtschaft bezichtigt. Will bezifferte als Vorsitzender der von Blatter aufgelösten internen Kommission zur Untersuchung der Finanzen das Gesamtdefizit aus den vergangenen vier Jahren auf 536 Millionen Schweizer Franken. Wie es zu den unterschiedlichen Zahlen kommt, blieb gestern ungeklärt. Nach 1:45 Stunden beendete Blatter gegen den Willen vieler der 202 anwesenden Delegierten den Kongress, der zu einer Farce verkam.

Als Erster durfte der Abgesandte aus Jamaika ans Mikrofon. Er stellte jedoch keine Frage, sondern attackierte Johansson, der die kleinen Verbände stiefmütterlich behandle. Mit meist vorgefertigten Reden betraten anschließend die Vertreter aus Libyen, Papua-Neuguinea, dem Iran, Kolumbien, von den Cayman Islands und den Seychellen die Bühne - um ein Loblied auf Blatter zu singen, was die Blatter-Gegner mit Pfiffen quittierten. Einzig der Delegierte aus Indien war skeptisch: «Herr Präsident, sind Sie den Statuten der Fifa treu?»

Eine Antwort erhielt er nicht, Blatter ging zum nächsten Redner über. «Das war kein Kongress, das war eine Show», schimpfte Johansson. Als nur noch zehn Minuten Zeit waren, verlangte die Norwegerin Karen Espenlund, das Kongressende nach hinten zu verschieben, da noch 15 Delegierte auf der Rednerliste standen. Auch forderte sie Blatter auf, Will das Wort zu erteilen. Der 66-Jährige lehnte jedoch ab, nachdem er am Morgen jeden Delegierten in einem persönlichen Brief aufgefordert hatte, Wills Vorwürfen keinen Glauben zu schenken. Auch ein zweiter Versuch durch Chung wurde abgeschmettert, Blatter verwies auf den heutigen Kongress, «da haben wir genug Zeit - wenn es sein muss bis zum WM-Auftaktspiel am Freitag».

Das Auditorium reagierte mit Buhrufen auf seine Schlussworte. «Blatter hat einen taktischen Fehler gemacht. So erweckt er den Anschein, als wolle er die Leute nicht zu Wort kommen lassen», urteilte DFB-Präsident und Blatter-Freund Gerhard Mayer-Vorfelder. Deutlicher wurde Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, der Blatter Korruption, Betrug und Amtsmissbrauch vorgeworfen hatte und sich deshalb vor den beiden Kongressen nicht mehr zu den Finanzen äußern sollte. Gestern brach er sein Schweigen: «Ein Skandal, was hier passiert ist. Wenn man seine Gegner totschweigt, heißt das, dass etwas nicht in Ordnung ist.» Schon in seiner Begrüßungsrede hatte Zen-Ruffinen sich nicht an die Absprache mit Blatter gehalten: «Es gibt genug Gründe, dass die Prüfungskommission ihre Arbeit fortsetzt.» Das erhofft sich auch Will, eine Entscheidung über ihre Wiedereinsetzung soll heute fallen: «Wenn so weiter gewirtschaftet wird, befindet sich die Fifa in vier Jahren in einer schwierigen Situation.»

Blatter sah sich derweil schon als Wahlsieger: «Die Delegierten haben den Finanzbericht positiv aufgenommen. Ich glaube, dass ich wiedergewählt werde.» Für den Delegierten aus Indien steht hingegen fest: «Es spielt keine Rolle, wer gewinnt - wir haben uns in den letzten Monaten in der ganzen Fußball-Welt lächerlich gemacht.»