Unions gute Stube und der Zahn der Zeit

Auf absehbare Zeit wird der 1. FC Union wohl auch weiter an der Alten Försterei spielen. Eine Spielstätte, die auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Das Ankündigungsplakat las sich wie eine Drohung. "Niemand verpasse das einzige Spiel des Deutschen Meisters gegen eine hiesige Mannschaft in Berlin!" In großen Lettern und mit "billigsten Eintrittspreisen" (ein Sitzplatz kostete 5,50 Mark im Vorverkauf) warben die Fußballer von Union Oberschöneweide vor 83 Jahren für das Duell mit dem 1. FC Nürnberg. 7000 Zuschauer nahmen die Drohung ernst, wollten das historische Ereignis miterleben. Denn mit dem Auftritt des Club am 7. August 1920, "nachmittags 6 Uhr", wurde der neue Union-Sportplatz offiziell eingeweiht. Am Ortseingang von Köpenick in der Nähe der "Königlichen Jägerei" am Rande der Wuhlheide. Der frisch gebackene Berliner Verbandsmeister verlor mit 1:2, ein achtbares Resultat gegen das damalige Ausnahmeteam aus Franken.

Was aber noch wichtiger war: In Sadowa (so wurde die Gegend um den S-Bahnhof Wuhlheide früher genannt) schlug Union nach mehreren Umzügen endlich Wurzeln. Anfangs bot die Arena auf ihren Terrassen 10 000 Personen Platz. Der größte Tag in der Vereinsgeschichte der Oberschöneweider fand allerdings nicht an der Alten Försterei, sondern im Grunewaldstadion statt. Dort unterlag Union Ob. 1923 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft dem Hamburger SV vor 64 000 Zuschauern mit 0:3. Siebzehn Jahre später tauchten die wegen ihrer blauen Trikots und ihrer von Industrie geprägten Heimat nur "Schlosserjungs" genannten Oberschöneweider noch einmal auf der nationalen Bühne auf. Im Kampf um den "großdeutschen" Titel setzte sich Union gegen Königsberg und Stettin durch, scheiterte dann aber an Rapid Wien (2:3 und vor 60 000 Zuschauern im Olympiastadion 1:3). Für die ganz großen Spiele war das Union-Stadion zu klein.

Nach dem Krieg knüpfte der Verein an seine Erfolge an. 1947 gelangen als SG Oberschöneweide der Aufstieg in die Stadtliga, damals höchste Spielklasse, und der Gewinn des Berliner Pokals. In der darauf folgenden Saison wurde Neuling "Eisern Union" sogar Berliner Meister und erneut Pokalsieger. Der enge Sportplatz an der Alten Försterei hatte sich zu einem ungemütlichen Ort für die Gäste-Teams entwickelt. Und ein Mann war dort der uneingeschränkte Liebling und Held des Publikums: Herbert Raddatz. Der Mittelläufer hatte 1933 als 18-Jähriger (beim 3:1 gegen den Adlershofer BC) im Männer-Team debütiert, wurde 85-mal in die Berliner Auswahl berufen und blieb dem Verein bis zum Ende seiner Karriere treu.

Durch die Spaltung der Stadt (1950 wanderte der Großteil der Mannschaft in den Westen ab, spielte fortan unter dem Namen SC Union 06 als Vertragsliga-Team im Poststadion) geriet das Stadion an der Alten Försterei in ein Schattendasein. Erst mit der Gründung des 1. FC Union 1966 (in den Farben Rot-Weiß) erwachte die Fußball-Arena wieder aus dem Dornröschenschlaf und entwickelt sich zur Pilger- und Kultstätte der Fans. In der Saison 1976/77 sahen im Schnitt mehr als 17 000 Zuschauer die Heimspiele der Unioner in der DDR-Oberliga. Nicht nur wegen der geringen Kapazität der Anlage (Fassungsvermögen 18 000) wurden die Derbys des Underdogs mit dem Abonnementmeister und Stasi-Klub BFC Dynamo nach ein paar Jahren in das Stadion der Weltjugend verlegt. Dort ließ sich die Leidenschaft und Aufmüpfigkeit auf den Rängen besser kontrollieren.

Nach dem Fall der Mauer erlebte die Alte Försterei vor allem zwei restlos ausverkaufte Sternstunden: den Zweitliga-Aufstieg der Unioner 1993 durch ein 1:0 gegen den Bischofswerdaer FV (wegen einer gefälschten Bankbürgschaft wurde dem Verein danach aber die Lizenz verweigert) und den Halbfinal-Triumph im DFB-Pokal über Borussia Mönchengladbach im Februar 2001 nach Elfmeterschießen. Doch der Zahn der Zeit hat an der Alten Försterei genagt. Trotz Flutlichts und neuer Tribüne ist die Anlage marode.