Alba und der ideale Telefonjoker für Günther Jauch

Burkhardt Prigge ist kein Mensch, der gern über sich selbst spricht. Fragt man ihn nach den Veränderungen der vergangenen zehn Jahre in der Stadt, bei Alba und bei seiner Person, beschreibt er die Entwicklungen in Berlin ("Anfang der Neunziger war die Aufbruchstimmung größer") und im Klub ("Wir haben mittlerweile ein Niveau erreicht, das viel Arbeit erfordert, um es überhaupt zu halten"). Erst auf Nachfrage erinnert sich der Assistenztrainer des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin an den letzten Teil der Frage und ringt lange um eine Antwort: "Ich habe in dieser Zeit eine Art und Weise gefunden, mit der ich dem Verein nützlich sein und zum Erfolg beitragen kann."

Die Bescheidenheit des 39-Jährigen liegt vielleicht in seiner Jugend begründet. Nachdem seine Mutter ein zweites Mal geheiratet hatte, wuchs Prigge in Bremerhaven mit vier Schwestern und vier Brüdern auf. Diese Zeit prägte ihn und lehrte ihn eine Erkenntnis, die sich auch auf den Mannschaftssport Basketball übertragen lässt: "Wichtig ist, dass man zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt, wenn ein anderer Hilfe braucht. Deshalb ärgere ich mich auch mehr als andere, wenn ein Spieler zuerst an sich denkt und nicht an das Team."

Seit Prigge zehn Jahre alt war, spielte er Basketball, doch als seine Mannschaft in die 2. Bundesliga aufstieg, "war für mich spielerisch das Ende der Fahnenstange erreicht". Er konzentrierte sich auf die Betreuung des Nachwuchses, auch als er in Braunschweig Elektrotechnik studierte, ließ sich zum Trainer ausbilden, wurde Nachwuchscoach beim Deutschen Basketball-Bund und im Sommer 1993 zweiter Co-Trainer von Svetislav Pesic bei der EM in Deutschland.

Nach dem sensationellen Titelgewinn wechselte Pesic nach Berlin und bat Prigge mitzukommen. "Ich war gerade mit seinem Studium fertig und dachte mir: Es ist ja ganz interessant, das mal für ein Jahr zu machen." Heute, ein Jahrzehnt später, ist Prigge immer noch da und steht wie kaum ein Zweiter für die personelle Kontinuität bei Alba. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Sein Vertrag läuft bis Sommer 2005, die Arbeit macht ihm großen Spaß - so kann Prigge sich gut vorstellen, auch darüber hinaus "in Berlin zu wohnen, zu leben und zu arbeiten".

Hier hat er seine zweite Heimat gefunden, was auch mögliche Ambitionen, eines Tages mal bei einem Klub als Chefcoach zu arbeiten, in den Hintergrund rücken lässt: "Natürlich habe ich öfter Lust gehabt, das mal zu machen und habe sie auch immer noch. Aber die bisherigen Angebote kamen entweder zum falschen Zeitpunkt oder von Vereinen, bei denen ich keine Perspektive gesehen habe." Als Emir Mutapcic ("Wir arbeiten nicht nur gut zusammen, sondern sind auch privat befreundet") vor gut drei Jahren Albas Cheftrainer wurde, bot Prigge an, dessen Job beim Zweitligisten TuS Lichterfelde zu übernehmen, letztlich blieb alles beim Alten.

Denn bei Alba weiß man, was man an dem akribischen Arbeiter hat: Perfektionist Prigge ist der Video-Experte. In seinem Trainerzimmer auf der Geschäftsstelle stapeln sich rund 5000 Kassetten, in stundenlanger Vorarbeit analysiert er alle Stärken und Schwächen der nächsten Gegner und stellt die Spieler darauf ein. So versucht er, seiner Angewohnheit, gern alles unter Kontrolle zu halten, gerecht zu werden: "Ich bin jemand, der gern gut vorbereitet ist und nicht überrascht werden möchte." Das imponiert Betreuer Eicke Marx: "Wenn ein Gegner mit einem neuen System antritt, guckt er sich das an und weiß in der nächsten Auszeit, wie man dagegen spielen muss." Dieses Wissen ist die Folge harter Arbeit. Während der Saison sitzt Prigge oft morgens um sechs am Schreibtisch, für andere Hobbys wie Kinobesuche oder mit der Freundin Essen gehen bleibt wenig Zeit. Prigge: "Sie hat selbst Basketball gespielt und deshalb Verständnis. Dafür habe ich im Sommer mehr Freizeit."

Nicht nur aufgrund dieser Einstellung schwärmt Vizepräsident Marco Baldi: "Burkhardt hat großen Anteil an unseren Erfolgen der letzten Jahre und ist einer der besten Assistenztrainer, den man in Europa haben kann. Er vertritt den Verein exzellent und ist außerdem ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann."

Und auch Mutapcic lobt Prigges "menschliche Qualität: Er hat vielen jungen Spielern auch neben dem Feld in der Schule geholfen." Dabei nützte ihm sein offenbar unendliches Wissen, das Stefano Garris beeindruckt: "Burkhardt ist wie ein Lexikon, er kennt jeden Spieler in Europa und weiß alles - nicht nur im Basketball. Und falls er mal etwas nicht weiß - am nächsten Tag weiß er's. Wenn ich Kandidat bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?' wäre, würde ich ihn auf jeden Fall als Telefonjoker anrufen."