Aufruhr im Pferdestall

Beim 66. CHIO in Aachen hatte Markus Merschformann einen starken Auftakt. Mit Collin und Camirez B blieb er in zwei Springen fehlerlos. Doch etwas trübt die Freude des Springreiters. Nach dem CHIO wird er sich an neue Pferde gewöhnen müssen.

Am vergangenen Donnerstag, morgens um neun Uhr, traf Markus Merschformann der große Schlag. Sein Arbeitgeber, Hendrik Snoek, hatte Merschformann zu sich gebeten. Nun saß der Springreiter in dessen Büro auf Gut Berl bei Münster und erfuhr, dass Snoek seine Pferde nicht mehr ihm, sondern Toni Hassmann anvertrauen möchte. "Ich muss neu anfangen", schwante dem 30-Jährigen, der 1997 den Titel bei den Mannschafts-Europameisterschaften geholt und zuletzt im Dezember 2002 auf Camirez B die zweite Wertungsprüfung im Finale des Weltcup-Springens in Las Vegas gewonnen hatte.

Beim CHIO in Aachen möchte Merschformann bis zum Sonntag an alte Triumphe anknüpfen und sein Image des begabten, aber zu wenig konstanten Reiters etwas aufpolieren. Beim Weltfest des Pferdesports, mit 1,3 Millionen Euro weltweit das höchstdotierte Turnier der Branche, will Merschformann zeigen, dass neben Hassmann, Ludger Beerbaum, Marcus Ehning und Otto Becker auch er zur Weltelite aus Deutschland zählt.

Weil Snoek, einst selbst erfolgreicher Springreiter und nun Vorsitzender des Springausschusses "die Entscheidung menschlich nicht leicht gefallen ist", darf Merschformann in der Soers ein letztes Mal Camirez B und Collin reiten. Ab Montag wird Hassmann den Wallach und den Holsteiner satteln. Mit seinem Nachfolger hat Merschformann kein Problem. Die beiden haben lange miteinander gesprochen. Hassmann weiß, dass er sich als Snoeks neuer Stalljockey in ein gemachtes Nest setzt. "Für mich ist es super", gesteht Hassmann, "mit Camirez und Collin kann ich gleich weitermachen." Hassmann weiß, "wie sich Markus jetzt fühlt". Auch seine Karriere stand auf der Kippe. Die Verpflichtung auf Gut Berl bedeutet die Rettung, denn Hassmanns Spitzenpferde stehen zum Verkauf.

Noch gehören sie Hassmanns einstigem Mäzen, dem ehemaligen Mobilcom-Chef Jürgen Schmid beziehungsweise einer im Zuge der Firmenturbulenzen gegründeten Nachfolgefirma. Über den holländischen Springreiter und Pferdehändler Jan Tops will Schmid die besten Pferde möglichst gewinnbringend an den Mann bringen. "Ich wusste", sagt Hassmann, "dass sich Herr Schmid und Jan Tops beim Deutschen Springderby in Hamburg am Himmelfahrtswochenende verabredet hatten." Als dann aber am Dienstag nach Pfingsten Hassmanns erfolgreichste Pferde Goldika, Graziana, Cyrenaika und Landstreicher abgeholt wurden, war der 27-Jährige geschockt. "Ich wurde vor vollendete Tatschen gestellt", wettert er, "Tops meinte, ich könne die Pferde bei ihm in Valkenswaard reiten, bis sie verkauft seien. Aber das kam für mich überhaupt nicht in Frage."

Hassmann hatte sich bereits auf seinen Start in Aachen vorbereitet. Ohne seine besten Pferde jedoch hat er im Konzert der Weltelite keine Chance. Also sagte er kurzfristig ab. 2001 und 2002 errang Hassmann vier Weltcupsiege mit Goldika. Ob er aber mit Camirez B und Collin beständigere Leistungen bringen wird als Merschformann, kann weder Snoek noch Kurt Gravemeier garantieren, der neben seiner Funktion als Bundestrainer auf Gut Berl die Pferde auf Trab bringt. Die Erfolge blieben aus. Ob es an Gravemeier oder an Merschformann lag, weiß keiner so genau.

Beim CHIO in Aachen musste Merschformann nun Werbung in eigener Sache machen. Und fand schnell einen Interessenten: Hans Werner Aufrecht aus Affalterbach. "Ich werde dort Anfang Juli beginnen und freue mich auf meine neue Aufgabe", bestätigte Merschformann. Er hofft, dass er den Hengst Lincolm zum neuen Arbeitgeber mitnehmen kann. Dann könnte Merschformann weiterhin die "Große Tour" reiten. Aufrecht besitzt sonst nur junge Pferde, die ausgebildet werden müssen. Für Merschformann wäre das ein enormer Rückschritt. Sein erster Auftritt gestern in Aachen indes ging voll auf: Die ersten Springprüfungen auf Collin und Camirez B meisterte er mit null Fehlern. Vielleicht bringt der Wechsel zu Aufrecht auch in Merschformanns Reiter-Leben wieder mehr Konstanz.