Als noch um Badewannen und Schweine geradelt wurde

«Rohe Eier und Roastbeef, Reis, Nudeln und Pudding - das empfiehlt Chefarzt Dr. Willner den Fahrern bei den Berliner Sixdays als Aufbaunahrung. Obwohl sich manch einer lieber eine mächtige Portion Kaviar reinschaufelt und ein anderer bevorzugt an einer Ingwerwurzel knabbert. Fast alle Fahrer rauchen und trinken Sekt.»

So zumindest beschreibt es Günter Grass in seinem Buch «Mein Jahrhundert». Die Geschichte von Dr. Willner spielt 1909 in den Ausstellungshallen am Zoo, wo das Berliner Sechstagerennen Premiere hatte. Die Gepflogenheiten haben sich seitdem längst geändert. Heute sind die Fahrer Profis, heute trinkt keiner von ihnen mehr Portwein, bis er von seinem Fahrrad kippt.

Das hätte für die englischen Gentlemen, die 1875 in London die ersten Radrennen austrugen, mitunter lebensbedrohlich werden können, fuhren sie doch auf Hochrädern. Die Wettbewerbe mit Zwei-Fahrer-Teams entstanden erst 1898 in den USA, als im New Yorker Madison Square Garden die Schinderei der Einzelrennen verboten wurde. Das Spektakel Sixdays wurde weltberühmt, die Sensationsgier hatte auch die Berliner gepackt.

Dort, wo heute der Zoo-Palast steht, knallte am 15. März 1909 um 22 Uhr der erste Startschuss. 15 Fahrer spulten auf der 150 Meter langen Holzbahn Runde um Runde ab. 144 Stunden lang, denn die Regeln sahen einen 24-Stunden-Arbeitstag vor. Erst der Schlusssprint entschied am Ende über die Platzierungen. Erster deutscher Sieger war 1910 Walter Rütt mit seinem australischen Partner Jack Clark. Rekordgewinner ist der gebürtige Berliner Klaus Bugdahl, der zwischen 1958 und 1970 neunmal triumphierte.

Nach dem Umzug in den Sportpalast 1911 entwickelte sich Berlin zur Hochburg für Sechstagerennen in Europa. Bis 1914 dauerte die Erfolgsgeschichte an, dann verhinderte der Erste Weltkrieg ihre Fortsetzung. Erst 1923 gelang die Wiederbelebung. Die Prämien damals: Badewannen, Möbel, Pelze, sogar ein lebendiges Schwein - die Inflation machte es nötig. Damals wie heute zogen die Sixdays Prominente an, wie das Licht die Motten. Max Schmeling kam und Hans Albers, Paul Westermeier und der US-Komiker Harold Lloyd. Zuschauer aus allen sozialen Schichten strömten jedes Jahr für sechs Tage in den Sportpalast. Der legendäre Reporter Egon Erwin Kisch schrieb in den 20er-Jahren: «Logen und Galerien lückenlos besetzt, Bezirke im Norden und Süden entvölkert.»

Sinnbild der Begeisterung für das sportliche Spektakel war der so genannte Sportpalast-Walzer, den Betuchte wie Arme mitpfiffen. Damit war 1933 allerdings Schluss: Die Nationalsozialisten kamen an die Macht und verboten die Melodie, deren Komponist der Jude Siegfried Translateur war. Was die Kapelle in der Arena jedoch nicht daran hinderte, den Gassenhauer weiterhin zu spielen - wenngleich nur noch in dem selben Jahr, denn 1934 verbot der Reichsbund für Leibesübungen das «unwürdige Spektakel» Sechstagerennen.

Erst 1949 gab es wieder einen 144-Stunden-Wettbewerb, diesmal in der Halle 1 an der Masurenallee. «Nudeltopf» nannten die Berliner dort die 150 Meter lange Holzbahn, in Anlehnung an die alte Arena in Treptow. Mitte der 50er-Jahre kehrten die Sixdays und damit auch erfolgreichere Zeiten in den Sportpalast zurück. Bis 1972, dann wurde dieser abgerissen. Das Rennen zog daraufhin 1973 in die Deutschlandhalle um. Mitte der 70er-Jahre folgte ein kurzer Aufschwung, auch dank berühmter Fahrer wie «Didi» Thurau und Patrick Sercu. 1990 erleben die Berliner das vorerst letzte Sechstagerennen, dann wurde es mangels Sponsoren und Zuschauerinteresse eingestellt.

Die Wiederauflage der Traditionsveranstaltung 1997 im Velodrom an der Landsberger Allee wird ein voller Erfolg. Rund 70 000 Besucher kommen in den Folgejahren jeweils in die Halle, um die Mischung aus Show und Sport mitzuerleben. Rauchen und Sekt trinken ist längst ihnen allein überlassen - die Fahrer sind schließlich Profis.