Griechenland

Jetzt werden auch die Medikamente knapp

Schulden des Gesundheitssystems bei den weltweiten Arzneimittelherstellern belaufen sich schon auf gut 1,1 Milliarden Euro

Kurz vor dem entscheidenden Referendum in Griechenland wächst die Sorge, welche Folgen die Pleite des Landes für die medizinische Versorgung der Bevölkerung haben wird. Experten befürchten, dass sich die Lage insbesondere im Falle eines Ausscheidens aus der Euro-Zone dramatisch verschärfen könnte.

Vor allem Arzneien drohen dann knapp zu werden, denn das Land muss fast alle wichtigen Medikamente importieren. Zwar wiegelte der griechische Herstellerverband SFEE noch vor wenigen Tagen ab und befand, es gebe derzeit keinen Grund, sich Sorgen über eine angemessene medizinische Versorgung zu machen. Die Ausgaben für Medizinimporte zählen zu den wenigen Überweisungen, die trotz des eingeschränkten Geldverkehrs mit dem Ausland in Athen vorrangig genehmigt werden.

Fragt man jedoch in den Apotheken und Krankenhäusern vor Ort nach, stellt sich die Lage zum Teil deutlich anders dar. Insbesondere bei lebenswichtigen Arzneien gegen die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, bei bestimmten Chemotherapeutika für Krebspatienten und bei Betablockern zur Behandlung von Bluthochdruck komme es schon jetzt immer wieder zu Verzögerungen in der Lieferkette, heißt es in der Branche.

Bereits jetzt steht das griechische Gesundheitssystem bei den weltweiten Arzneiherstellern mit gut 1,1 Milliarden Euro in der Kreide. Zwar können sich die mächtigen Pharmakonzerne einen völligen Lieferstopp nach Griechenland schon aus Imagegründen nicht leisten, egal, wie das politische Drama ausgeht. Man werde die Patienten in Griechenland keinesfalls im Stich lassen, beteuern die Hersteller daher in einem gemeinsamen Schreiben des europäischen Pharmaverbandes EFPIA an die EU-Kommission. Allerdings fordern sie dafür Gegenleistungen.

Völlig unklar sei nämlich bisher, wie die EU im Falle eines Grexit die medizinische Versorgung des Landes sicherstellen wolle, monierte EFPIA-Chef Richard Bergström bereits in der vergangenen Woche und warnte davor, dass im Falle eines Abschieds Griechenlands aus dem Euro und der Einführung einer neuen Währung die Preise für Importarzneien in dem Ägäis-Staat regelrecht explodieren würden. Insbesondere der sogenannte Parallelhandel könnte im Zuge der „außergewöhnlichen Umstände eines Grexit“ einen gefährlichen Versorgungsengpass bei Arzneien auslösen, sorgten sich die Hersteller.

Gemeint ist damit der legale Ankauf relativ preiswerter griechischer Arzneien und der anschließende Import in andere Länder mit deutlich höheren Medikamentenpreisen, über den sich viele Hersteller schon lange ärgern. Im Extremfall eines Grexits könnten ausgerechnet die so dringend benötigten Medikamente wieder außer Landes transportiert werden, weil sich anderswo mehr Geld mit ihnen verdienen lässt.

Tatsächlich fällt auf, dass der Handel mit Arzneiwaren etwa zwischen Deutschland und Griechenland in den vergangenen fünf Krisenjahren offenbar enorm gestiegen ist. So hat sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes das Volumen der aus Griechenland eingeführten Arzneien von gut 1800 Tonnen im Jahr 2009 auf über 7200 Tonnen im Jahr 2014 mehr als vervierfacht. Der Wert der eingeführten Arzneien ist indes deutlich eingebrochen, von zuvor 322 Millionen auf 218 Millionen Euro, was unter anderem den veränderten preislichen Rahmenbedingungen geschuldet ist.

Insgesamt zählen Pharmaprodukte, neben Arzneien sind das auch medizinische Hilfsmittel wie Verbandsstoffe, Vitamine oder bestimmte Reagenzien, neben landwirtschaftlichen Klassikern wie Olivenöl und Schafsmilch zu den wichtigsten Einfuhrgütern von Griechenland nach Deutschland – was angesichts der nicht vorhandenen griechischen Pharmaindustrie sehr bemerkenswert ist.