Griechenland

Eine zerrissene Nation

Referendum in Griechenland: „Nein“-Lager liegt nach ersten Auszählungsergebnissen vorn. Europa berät heute, wie es weitergehen soll.

Dimitrios wollte mit Ja stimmen, weil er Griechenland bei einem Austritt aus der Europäischen Union in Gefahr wähnt. Aber seine Tochter Alexandria wollte ihr Kreuzchen bei Nein machen, weil sie es leid ist, dass die reicheren EU-Länder ihr Heimatland gängeln. Sein Sohn Nikolas hingegen war ganz auf Papas Seite – und sah das polarisierte Griechenland gar am Rand eines Bürgerkriegs. Dimitrios’ Frau Dimitra beäugte sowohl das Ja- als auch das Nein-Lager mit Argwohn und wollte lieber zu Hause bleiben, als ihre Lieben am Sonntag zur Schicksalsabstimmung gingen.

Ein Besuch in der im Athener Arbeiterviertel Tavros gelegenen Wohnung der Familie Danikoglou wirft ein Schlaglicht auf eine zerrissene Nation. Die Bürger sollen sich zwar nur für oder gegen die an die frischen Kredite geknüpften Sparauflagen der Gläubiger entscheiden, doch spüren viele, dass noch viel mehr auf dem Spiel steht. Wird Griechenland sich letztlich von Euro und EU-Mitgliedschaft verabschieden müssen? Nicht wenige treibt vor allem diese Frage um.

Und die griechische Regierung? Alexis Tsipras genoss die Aufmerksamkeit. Von seinen Anhängern ließ der Ministerpräsident sich vor dem Wahllokal wie ein Popstar feiern. Im Scheinwerferlicht der TV-Kameras nahm er sich bei der Stimmabgabe demonstrativ viel Zeit, um den Wahlumschlag zuzukleben. Die kurzfristige Ansetzung des Referendums in dem von der Pleite bedrohten Land hatte dem Regierungschef in anderen EU-Staaten viel Kritik eingebracht. Aber Tsipras sieht sich nicht als ein Quertreiber, sondern als ein Vorkämpfer eines neuen Europas. „Ich bin sicher, dass wir für alle Völker Europas einen neuen Weg öffnen werden“, verkündete er auf einem Podest, das im Wahllokal aus Paletten für ihn errichtet worden war. Die Abstimmung über die Reform- und Sparvorschläge der internationalen Geldgeber war in seinen Augen ein „Festakt“.

Viele Griechen konnten den Optimismus ihres Premiers nicht nachvollziehen. Sie befürchten, dass die von Tsipras vertretene Linie des „Oxi“ (Nein) zu den Forderungen der Gläubiger das Land aus der Euro-Zone hinausführen und in ein Wirtschaftschaos stürzen werde. „Ich möchte nicht in die 60er- und 70er-Jahre zurückgeworfen werden“, sagte eine Athener Rentnerin auf dem Weg ins Wahllokal. Eine Begleiterin sprang ihr bei: „Ich auch nicht, auf keinen Fall. Ich will weiterhin zu Europa gehören.“

Neue Verhandlungen angekündigt

Knapp zehn Millionen Griechen waren aufgerufen zu entscheiden, ob sie die Reform- und Sparvorschläge der Geldgeber akzeptieren. Neben der Fragestellung, die in einem schwer verständlichen Text formuliert war, konnten sie ein Kreuz oben neben dem „Oxi“ oder unten neben dem „Nai“ (Ja) machen. Wer sich der Stimme enthalten wollte, konnte einen weißen Zettel in den Umschlag stecken.

Die griechische Regierung kündigte unmittelbar nach dem Referendum neue Verhandlungen mit den Geldgebern an. Noch am Sonntagabend wolle man substanzielle Gespräche mit den internationalen Partnern beginnen, erklärte der griechische Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis. Nach Auszählung von fast 80 Prozent der abgegebenen Wahlzettel stimmten gut 61 Prozent der Menschen mit Nein und knapp 40 Prozent mit Ja, wie das Athener Innenministerium am Sonntag mitteilte.

Internationale Medien sahen in dem Referendum eine historische Entscheidung nicht nur für Griechenland, sondern auch für die Zukunft Europas. „Die Griechen entscheiden über das Schicksal des Euro und der Europäischen Union“, titelte die spanische Zeitung „El País“.

In Griechenland löste das Referendum eine Spaltung der Bevölkerung in zwei politische Lager aus. Die Teilung reichte bis in die Familien hinein. „Kann ich Dich vielleicht im letzten Moment noch dazu bewegen, doch mit Ja zu stimmen?“, rief ein Athener seiner Gattin im Stimmlokal zu. „Oxi“, war die prompte Antwort der Frau, die damit zugleich klarstellte, dass sie mit Nein votieren würde.

Costas Christoforidis hatte sich noch nicht festgelegt, wo er sein Kreuzchen setzen will. Denn der 37-jährige griechische Landwirt wusste schlicht nicht, worüber er eigentlich abstimmt. „Wenn das Nein ein Nein zu Sparprogrammen ist, dann bin ich mit Nein dabei“, sagt der junge Mann. „Aber wenn wir uns gegen Europa aussprechen, da bin ich dagegen.“ Damit geht es Costas wie vielen seiner Landsleute. Geht es wirklich nur um die Auflagen für frische Finanzhilfen der Kreditgeber, wie Tsipras beteuert? Oder geht es vielmehr um die Zukunft Europas als Ganzes?

Bei der Abstimmung geriet ein wenig in Vergessenheit, dass das Referendum keinen Ausweg aus der dramatischen Krise des Landes weisen wird. In diesem Punkt waren sich – ausnahmsweise – auch die sonst so debattierfreudigen Kommentatoren der TV-Sender einig. „Egal ob bei der Abstimmung das Ja oder das Nein gewinnen wird, die Probleme des Landes werden dieselben bleiben“, meinten sie unisono.

Seit einer Woche sind Griechenlands Banken geschlossen. Die Griechen können an den Geldautomaten von ihren Konten pro Tag nur 60 Euro abheben. Die Rentner müssen mit 120 Euro in der Woche auskommen. „Wann werden die Banken wieder öffnen?“, fragen die Griechen sich besorgt. „Wird es demnächst überhaupt kein Geld mehr aus den Automaten geben?“ In der Bevölkerung machte sich zudem die Angst breit, Bankguthaben könnten – ähnlich wie auf Zypern – gekürzt werden, um Geldhäuser vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Die Regierung versuchte, solche Befürchtungen zu zerstreuen. Sie bestritt, dass es Pläne für eine Kürzung von Guthaben gebe. Die Banken sollten am Dienstag wieder geöffnet werden, versicherte Finanzminister Janis Varoufakis. Er fügte allerdings hinzu, dass dazu eine Einigung mit den Geldgebern erforderlich sei. Und niemand kann sagen, wann es ein Übereinkommen geben wird.

„Alle müssen sparen“

Die von der Regierung verhängten Kapitalverkehrskontrollen haben bereits Auswirkungen. Besonders betroffen ist der Tourismus, die wichtigste Stütze der Volkswirtschaft. Die Hoteliers beklagten einen drastischen Rückgang der Buchungen – vor allem aus dem Inland. „Man hat den Tourismus zerschmettert“, sagte Hotelbesitzer Dimitris Skalidis auf dem Peloponnes. „Es kommt kein Grieche mehr, weil alle sparen müssen.“ Die Lebensmittelhersteller warnten, dass in den nächsten Tagen bestimmte Nahrungsmittel knapp werden könnten. Dies dürfte vor allem für Fleisch- und Milchprodukte gelten, die Griechenland größtenteils aus dem Ausland bezieht und die die Importeure wegen der Zahlungsbeschränkungen nicht mehr beschaffen können.