Berliner Spaziergang

General fröhlich

Eigentlich wollte er nicht weg aus seiner Dithmarscher Heimat. Als sich Michael Matz nach dem Abitur 1979 entschied, für zwei Jahre zur Bundeswehr zu gehen, ignorierte er im Bewerbungsbogen die Alternativen Heer, Marine oder Luftwaffe und schrieb drei Mal Feldjäger in die Spalte. „Die waren im benachbarten Heide stationiert, und ich wollte nicht weg von zu Hause. Doch die Bürokraten strichen ‚Feld‘, übrig blieb ‚Jäger‘, und so begann ich meinen Dienst in einem Jägerbataillon in Flensburg.“ Später ist er noch viel weiter rumgekommen in Deutschland und in der Welt. Und ganz nach oben ist er aufgestiegen – bis zum General. Hoch hinauf ging es auch bei unserem Spaziergang. Der war allerdings mehr eine Spazierfahrt und führte uns 57 Meter hoch in den Himmel über Berlin.

Etwas viel auf einmal und verwirrend? Also gut, her mit den Einzelheiten, der Lebensgeschichte von Michael Matz, der seit Anfang des Jahres General für Standortaufgaben in Berlin ist. Zum Aufgabenbereich des Brigadegenerals mit einem goldenen Stern auf dem Schulterstück gehört die Verantwortung für Absicherung und Sicherheit aller militärischen Liegenschaften in der Hauptstadt. „Kaum einer weiß, dass der ehemalige amerikanische Radarturm am Rande des Tempelhofer Felds nahe des Columbiadamms von der Bundeswehr weiter betrieben wird. Sie“ – und damit meint er den Fotografen Jakob Hoff und mich – „sind die ersten Gäste, die ich hier hinauf führe.“

So fahren wir denn per Fahrstuhl in einem der vier Standbeine der weißen Kuppel voller Elektronik hinauf. An ihrem unteren Rand öffnet sich hydraulisch ein Wandelement und gibt den Weg – so ähnlich muss wohl auch der Ausstieg aus einer Weltraumkapsel sein – frei in den Berliner Himmel. Nur schweben wir nicht, sondern bewegen uns auf einer stählernen Rundum-Plattform in eben 57 Meter Höhe. „Ich schaue auf die Hauptstadt. Ein fantastischer Blick …“, begeistert sich der General, der in Wesselburen aufgewachsen ist, wo es nicht viel mehr als ausgedehnte Kohlfelder gibt.

Bescheidenheit statt Übermut

In der Tat ein Ausblick, der seinesgleichen sucht. Der einen General der Gebirgstruppe aber eher bescheiden denn übermütig macht. „Je höher ein Gebirgsjäger steigt, desto devoter wird er. Denn er weiß schon beim Aufstieg um die Gefahren vom Steinschlag bis zu Lawinen. Je höher er kommt, desto mehr genießt er zugleich die Natur. Er wird sich aber auch bewusst, wie klein er letztlich in unserem Universum ist.“ Dieser Turm, sagt der General – mit der allein Gebirgsjägern vorbehaltenen hellgrauen Schirmmütze als Kopfbedeckung statt der bunten Baretts seiner Kameraden aus den anderen Teilen des Heeres –, dieser Turm also sei einer der tollsten militärischen Orte Berlins. Er wurde zwischen 1981 und 1984 von den Amerikanern gebaut. Mit ihm schaute das US-Militär per Radarüberwachung weit ins Lager des Warschauer Pakts. Von den inzwischen zerstörten militärischen Anlagen auf dem Teufelsberg übrigens wurden Telefon- und Funksprüche des Ostblocks bis nach Moskau abgehört. Die Tempelhofer Anlage übernahm 1994 die Bundeswehr, die sie 2004 modernisierte.

Heute wird aus der Radarkuppel Tag für Tag rund um die Uhr („24/7“ im Militärjargon) der zivile und militärische Luftverkehr über Berlin kontrolliert. Die Reichweite des Radars geht allerdings weit über Berlin hinaus. Sie kann alle Flugbewegungen im Umkreis von etwa 450 Kilometern erfassen. Die gewonnenen Daten werden direkt ins Lagezentrum Schönewalde südlich Berlins nahe Jüterbog weitergeleitet, um sie dort in ein Luftlagebild für ganz Deutschland einzufügen.

Weil man in Berlin ja nie genau weiß, wie lange man vor allem morgens für eine Fahrtstrecke mit dem Auto braucht und der General und ich zudem beide aus dem Norden der Stadt kommen, hatten wir uns in seiner Dienststelle in der Julius-Leber-Kaserne unweit des Flughafens Tegel verabredet, um gemeinsam in seinem Dienstwagen zum Tempelhofer Feld zu fahren. So brauchte keiner auf den anderen zu warten.

Offiziell heißt der Dienstposten von Michael Matz „General für Standortaufgaben im Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin“. Auf die Frage, wer sich denn diesen schlichten Titel ausgedacht habe, antwortet der General nicht minder belustigt: „Das waren Schreibtischtäter.“ Das Kommando Territoriale Aufgaben ist zuständig für die militärisch-zivile Zusammenarbeit auf Bundesebene, etwa in Katastrophenfällen wie den Hochwasserlagen der vergangenen Jahre. Geführt wird es von einem Zwei-Sterne-General (Generalmajor). Der ist Vorgesetzter von Matz und residiert im selben Stabsgebäude wie er. Was macht der für Berlin zuständige Ein-Sterne-Territorial-General? „Der hat im Vergleich zu allen anderen Länder-Kommandos eine Sonderstellung. Mein Aufgabengebiet umfasst drei Bereiche. Ich bin Truppenführer, führe das Wachbataillon und bin für dessen Ausbildung und personelle Besetzung verantwortlich. Zweitens bin ich Standortältester am Standort Berlin. Als solcher zuständig für die Sicherung aller militärischen Liegenschaften in der Hauptstadt; vom Ministerium an der Stauffenbergstraße, der Blücher-Kaserne in Spandau, dem Bundeswehrkrankenhaus an der Scharnhorststraße bis zum Evangelischen Kirchenamt in der Jebensstraße und diesem Radarturm. Und drittens bin ich das Gesicht der Bundeswehr in Berlin, Ansprechpartner für alle Behörden, Hilfsorganisationen, die Politik, den Senat und natürlich den Regierenden Bürgermeister.“ Letzteres mit dem Ziel, ein Netzwerk aufzubauen und über die Fähigkeiten der Bundeswehr zu informieren, um im Fall einer Katastrophe die zivilen Berliner Kräfte zu unterstützen. „Bislang ist nichts Ernstes passiert. Aber wir müssen vorbereitet sein und die Zusammenarbeit muss geübt werden,“ sagt Matz.

Dabei ist Matz, der Mann von kräftiger Statur mit kurz geschnittenen, leicht angegrauten nach vorn gebürsteten Haaren, beileibe kein Soldat der Etappe. Er ist der General mit den wohl meisten Auslandseinsätzen, auch Kampfeinsätzen der Bundeswehr. Über die Anfänge seiner Karriere, die ja ursprünglich gar keine werden sollte, weiß der höchst unterhaltsame Offizier und wunderbare Geschichtenerzähler noch mit einer anderen Episode zu berichten. Als er von einem Unteroffizierlehrgang mit guter Beurteilung zurückkam, rief ihn der Kompanie-Chef zu sich und verkündete: „Matz, Sie werden Reserveoffizier.“ Antwort des Gefreiten Matz: „Nein, ich werde Offizier!“ Eiligst wurde der Spieß als Chef der Schreibstube gerufen, dann gemeinsam die Bewerbungsunterlagen ausgefüllt. Matz hatte im Soldatenberuf seine Berufung gefunden, die Bundeswehr einen Hoffnungsträger gewonnen.

Und die Karriere nahm ihren Lauf. Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Bundeswehr-Uni Hamburg, Truppenoffizier vom Zugführer (1988) bis zum Kommandeur erst eines Panzergrenadier-Bataillons (2002), dann des Wachbataillons (2004) in Berlin. Dazwischen Lehrgang als Stabsoffizier in den USA, Generalstabsoffizierlehrgang an der Führungsakademie in Hamburg, Auslandseinsätze in Sarajevo und im Kosovo, zwei Kommandoposten in Afghanistan.

Ein Mann von der Nordsee

Bevor Michael Matz im Februar wieder nach Berlin versetzt wurde, war er seit 2012 Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall. Ein Mann von der Nordsee, dazu ein Panzergrenadier, der in den Augen der stolzen Gebirgsjäger als Stoppelhopser verspottet wird, soll einen sich als Elite verstehenden, bayerisch dominierten alpenländischen Großverband führen? Auch dazu hat der General eine amüsante Geschichte parat. „Verblüfft waren selbst einige Politiker in München und fragten bei einem damaligen Staatssekretär im Verteidigungsministerium an, ob es denn keinen anderen gäbe. Dessen ebenso kurze wie klare Antwort: Nein.“ Beim Abschied von seinen Bergjägern Anfang des Jahres hat der General versprochen, die Gebirgsmütze mit dem Edelweiß bis ans Ende seiner Dienstzeit zu tragen. Beweis dafür, dass auch dieses Kommando ein für alle höchst erfolgreiches war.

Besonders zufrieden, auch ein bisschen stolz ist der General auf etwas anderes. „Ich habe alle meine Soldaten, für die ich im Ausland Verantwortung hatte, auch für Kampfeinsätze mit Feuergefechten in Afghanistan, heil wieder nach Haus gebracht.“ Leider sei das nicht allen Einheitsführern gelungen. Dann sagt er etwas, was in Berlin kaum bekannt ist. „Hertha BSC ist ein Verein von vielen, die Angehörige von Opfern der Einsätze vorbildlich unterstützen. Der Klub vergibt Freikarten, und Kinder, die ihren Vater verloren haben, dürfen als Einlaufkinder die Bundesligamannschaft aufs Spielfeld begleiten. Ohne viel Aufhebens, ohne diese Hilfe zu vermarkten.“

Es gibt ein paar Prinzipien, nach denen Vorgesetzte ihre Untergebenen führen sollten. Welche gelten für ihn? „Wer eine Truppe führt, muss Frauen und Männer begeistern. Der darf nicht mit einem langen Gesicht in die Kaserne kommen. Der muss mit freundlichem Lächeln antreten. Nicht nur in der Theorie.“ Die kurze Praxis, in der ich den General im Umgang mit Soldaten erlebt habe, bestätigten sein Führungsprinzip.

Viel wird in diesen Wochen an der Bundeswehr als Rumpeltruppe mit ramponiertem Gerät gemäkelt. Das akzeptiert der General mit Kampferfahrung so generalisierend nicht: „Angesichts eines gedeckelten Verteidigungsetats haben wir das Modernste und Beste für die Kontingente im Ausland eingesetzt. Wenn ich nur an die geschützten gepanzerten Fahrzeuge denke, sind wir anerkannt führend in der Nato. Sie haben viele Soldaten vor Schlimmerem bewahrt. Richtig ist andererseits, dass wir im Inland von der Substanz gelebt haben.“ Und das angeblich nur um die Ecke schießende Gewehr G-36? „Ich habe von meinen Soldaten nie Klagen gehört. Das G-36 ist als Präzisionsgewehr mit Reichweite von 300 Metern bestellt worden. So funktioniert es. Wird es allerdings als Schnellfeuergewehr eingesetzt, macht es Probleme.“ Dennoch hat General Matz Verständnis dafür, dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Prüfkommission G-36 eingesetzt hat.

Zurück nach Berlin. Das Wachbataillon gilt als das Aushängeschild der Bundeswehr in der Hauptstadt. Attraktiv auch für Soldaten? „Die Soldaten des Wachbataillons sind freiwillig in dieser besonderen Einheit, die die Bundesrepublik Deutschland bei Staatsbesuchen wie jüngst der britischen Königin repräsentiert. Und sie sind stolz darauf. Ein Soldat des Ehrenspaliers bei der Kranzniederlegung der Queen in der Neuen Wache erzählte mir dies: Es ist ein unvergesslicher Moment, die Königin zu sehen, und dann ihr Blick in unsere Augen …“ Die Frauen und Männer des Bataillons müssen kerngesund und zwischen 1,75 und 1,95 Meter groß sein, dürfen keine Brille tragen und nicht rundlich sein.

Michael Matz, ein General, der gute Laune zu verbreiten weiß. Sich aber auch jederzeit bewusst ist, dass eine Armee im Einsatz kämpft und schießt; mit allen Risiken für das Leben der Soldaten. „Aber ich glaube auch, dass jemand die Hand über uns hält, uns beschützt. Mit dieser positiven Stimmung gehe ich jeden Tag in den Dienst.“