Griechenland

Bange Blicke in die Heimat

Viele der 19.000 Griechen in der Hauptstadt sorgen sich um mögliche Auswirkungen der Finanzkrise für ihre Familien

Rund 19.000 Griechen leben in Berlin. Sie blicken in diesen Tagen sorgenvoll in ihr Heimatland. So zum Beispiel Efi Vassiliou. Die 51-Jährige arbeitet im Restaurant ihres Bruders, dem „Mythos“ in Charlottenburg. Erst vor zwei Wochen ist sie von einem Besuch in ihrer Heimat, einem kleinen Küstenort in der Nähe von Thessaloniki, zurückgekehrt. Dort habe sie Menschen voller Hoffnung getroffen, Menschen, die an eine baldige Einigung zwischen der griechischen Regierung und den Gläubigern geglaubt hatten. „Es ist schade, dass es so weit gekommen ist“, sagt Vassiliou.

Weitere Sparmaßnahmen, 23 Prozent Mehrwertsteuer für Restaurants, weitere Rentenkürzungen, das hätte verheerende Folgen für ihr Heimatland. „Das verkraften die Leute nicht“, sagt Vassiliou. Die aktuelle Zuspitzung der Krise bekommt Vassiliou selbst zu spüren. Mit ihrem Mann betreibt sie ein Hotel in ihrem Heimatort. Die Touristen seien verunsichert, erste Buchungen seien schon weggefallen. Vassiliou lebt seit 1974 in Deutschland. Sie ist sich sicher, dass die Menschen in ihrem Heimatland in der EU bleiben und den Euro behalten möchten.

Lefteris Arabatzis steht fest hinter der Regierung Tsipras. „Ich hoffe, dass die Mehrheit der Griechen am 5. Juli mit Nein stimmt“, sagt der 38-Jährige Ingenieur. Vor zwei Jahren kam er nach Berlin, ist vor der Arbeits- und Hoffnungslosigkeit in seiner Heimat geflohen. Jetzt verfolgt er gebannt alle Entwicklungen um die Schuldenkrise. Die Medien in Griechenland wie in Deutschland, so empfindet er es, schürten die Angst. Von Hysterie sei in Wirklichkeit weder in seiner Heimat, noch unter den Berliner Griechen etwas zu spüren.

Angst ums eigene Haus

Apostolis Benisis, Softwareentwickler und Gastronom, ist sich sicher: Die Mehrheit der Griechen möchte eine „vernünftige“ Lösung der Krise. Für Benisis heißt das: ein Kompromiss zwischen Geldgebern und Athen, ein „Ja“ im Referendum und ein „Nein“ zum Grexit. Was kommt, wenn die Griechen anders abstimmen, wagt Benisis nicht vorauszusagen. Aber er sorgt sich um die Auswirkungen auf seine Familie – seine Schwester werde wohl ihr Haus verlieren – und die langfristigen Folgen auch für die deutsche Wirtschaft. Vor 18 Jahren kam Benisis nach Deutschland, 2011 hat er eine Bar in Prenzlauer Berg eröffnet. Die Geschehnisse in seiner Heimat verfolgt er in deutschen ebenso wie in den griechischen Medien. „Ich bin enttäuscht, dass es keiner Seite gelungen ist, eine vernünftige Lösung zu finden“, sagt Benisis. Für seine Heimat wünscht er sich vor allem eines: „Dass sich am Ende nicht die radikalen Kräfte durchsetzen.“

Besonders viele junge Griechen befürworten den Grexit – das ergab eine Umfrage des Thinktanks Bridging Europe. Maria Stournara, 30 Jahre, Physikerin am Fritz Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, bestätigt diesen Trend. „Das ist eine große Chance für die Griechen“, sagt Stournara mit Blick aufs Referendum. Die junge Akademikerin wünscht sich, dass sich so viele ihrer Landsleute wie möglich gegen die europäische Sparpolitik aussprechen. Stournara ist nach ihrer Promotion in den USA vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat habe sie keine Zukunft für sich gesehen. Ihre Familie unterstützt sie mit regelmäßigen Überweisungen. Das Scheitern der Verhandlungen, die Bankensperre, der mögliche Staatsbankrott – all das beobachtet sie ohne große Emotionen. „Es wurde mit mathematischer Präzision nachgewiesen, dass die Auflagen der Institutionen zu keiner Lösung für Griechenland führen.“ Und: „Die eigene Souveränität kann das Land nur mit einer eigenen Währung zurückgewinnen.“