Griechenland

„Bitte kommen Sie später wieder“

Die Banken schließen für eine Woche. An den Automaten gibt es nur noch 60 Euro am Tag. Berliner Griechen blicken sorgenvoll in die Heimat

Die Stimmung in Athen, sie ist gekippt. Es ist das passiert, was am Vortag zwar schon in der schwülen Luft lag, was man sich zuraunte, was aber kaum einer, dafür ist man hier zu optimistisch, für möglich gehalten hatte. Die Banken sind geschlossen, und sie werden geschlossen bleiben, eine ganze Woche lang. Am Sonntagnachmittag feixt der Mann an der Hotelrezeption noch mit der Reporterin aus Deutschland, sagt ihr: „Sie sehen das zu eng, zu deutsch, das wird nicht passieren, dass die Banken nicht mehr öffnen nicht in unserem Land. Nicht in Griechenland. Das ist doch unvorstellbar.“

Am Montagmorgen ist seine Gesprächigkeit dahin, er sagt nichts, keinen Gruß, kein Calimera, er nickt müde über den Tresen. Die Banken sind zu. Am Vorabend hat die Stadt es erfahren, jeder hat es gehört, wer draußen saß, in Bars, in Biergärten, der holte sein Handy raus, der las nicht nur die Kathimerini Online, nein, er verfolgte die Nachrichtensendungen im Livestream. Gebannt. Entsetzt. Stühle rücken, bevor es zu spät ist, losfahren, zum Tanken und zum Geldautomaten. Am frühen Morgen versagen die Bankautomaten komplett den Dienst. Es ist kein Geld da, sagt das Display. „Bitte kommen Sie später wieder.“

Am Kiosk, der Bangladeshi, mustert die Reporterin aus Berlin. Blaue Augen. Wo kommen Sie her? Deutschland. Die Situation ist jetzt wirklich schlecht, sagt er. Stimmt doch oder? Und dann fragt er: „Was bedeutet es, dass die Banken geschlossen haben? Sind wir jetzt noch in der Euro-Währung?“ „Ja, doch seid ihr. Kaufen die Leute heute weniger?“ „Nein, nein, sagt er, das nicht“, aber er beugt sich über die Kaugummis und Bonbons, ganz nah, rückt er an seinen Kunden ran, er hat eine Frage, eine dringende: „Wenn ich jetzt nach Deutschland will, können Sie mir helfen, mit den Papieren?“

Omonia-Platz im Zentrum Athens. Die Türen der National Bank of Greece sind geschlossen, auf den Stufen des Haupteingangs sitzt ein Athener, der Telefonkarten verkauft. Zwei Meter weiter bietet ein Straßenhändler Lotterielose an, es ist ironisch aber wahr, vor vielen der geschlossenen Banken, stehen heute Athener mit Losen. Bis zu zwei Millionen Euro Gewinn, versprechen sie. Die Passanten gehen vorbei.

Nahverkehr kostenlos nutzen

Nikos Gyallitsis, Inhaber eines Cafés in der Innenstadt, rechnet mit einem Einbruch seines Umsatzes um die Hälfte. „Die Leute sparen sich jetzt ihr Geld für Nahrungsmittel und Benzin auf.“ Daran dürfte bei den autovernarrten Griechen auch die Ankündigung der Regierung nichts ändern, dass der öffentliche Nahverkehr in Athen und Umgebung kommende Woche kostenlos genutzt werden kann. In den vergangenen Tagen hatte ein regelrechter Run auf die Tankstellen eingesetzt. „Um auszugehen, musst Du glücklich sein und Vertrauen haben“, sagt Gyallitsis. „Aber jetzt weiß doch keiner, was morgen passiert.“

Am Mittag, Aufregung. Bei der Piräus-Bank, gibt es jetzt wieder Geld, nur da, glaubt eine Frau, sie erzählt es jedem, der an ihr vorbeiläuft. Die Automaten muss man nicht suchen, in den U-Bahn Stationen, neben den geschlossenen Bankfilialen, man sieht die wirklich langen Schlangen vom Weitem. Der Banken-Run beginnt schon in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Athener steigen mit gezücktem Portemonnaie aus, schweigend, eilig, reihen sich dann in die lange Schlangen ein. Jeder hebt heute ab. Hier steht jedes Alter, jede soziale Schicht. Das Abheben dauert heute länger als sonst. Die Kunden starren auf das Display. Sie versuchen, häufiger abzuheben. Es geht nicht. Pro Karte 60 Euro. Ein älterer Mann zeigt seine drei Zwanziger der schweigende Schlange, er lacht ein wenig irre, das ist alles, sagt er. Alles.

Auf dem Syntagmaplatz, in der Vergangenheit Schauplatz lautstarker Demonstrationen gegen die Kürzungspolitik der Troika, fotografieren ausländische Touristen das Parlament und die davor patrouillierenden Wachsoldaten in traditioneller Uniform. „Es gibt hier eine Art unheimliche Stille, vielleicht die Ruhe vor dem Sturm“, bemerkt die Französin Marina Jestin. Sie ist mit ihrem Mann und ihrem Sohn zu einem Kurzurlaub nach Athen gereist. „Unsere Freunde in Frankreich machen sich Sorgen um uns. Sie befürchten, dass die Griechen bei zunehmendem Geldmangel aggressiv werden könnten.“ Die Familie Jestin hat sich vorsichtshalber ausreichend Bargeld aus der Heimat mitgebracht. Dabei sind Abhebungen für Touristen mit Kreditkarte nicht beschränkt. War es in den vergangenen Tagen leicht mit den Griechen über die Krise zu reden, will heute kaum einer angesprochen werden. Reporter kreisen um die Wartenden vor den Banken, fotografieren, filmen. Die Athener drehen die Köpfe weg. Eine Frau, sie ist 42, sagt, sie habe Mittagspause, arbeite in einem Büro, so vage bleibt sie. Sie will mit der Reporterin aus Deutschland reden, okay, aber namentlich erwähnt werden, das bitte nicht. Sie sagt, sie mache sich Sorgen, größte Sorgen. Sie habe das nicht kommen sehen, in den vergangenen Tagen hat sie nichts abgehoben. Sie wollte nicht in die Panik mit einsteigen. Nun das. 60 Euro, halt nein 64 Euro und ein paar weitere Cent, vielleicht 65 Euro, 66 Euro, die hat sie noch, bar, jetzt, hier. „Sehen Sie.“ Sie dehnt das Kleingeldfach ihrer brombeerfarbenen Geldbörse. „Wer weiß jetzt wie es weitergeht?“, fragt sie. Der Sprit soll in der Stadt an vielen Tankstellen bereits knapp sein. „Sicher, sicher, es heißt man bekommt jeden Tag 60 Euro. Aber stimmt das auch? Und wie geht es dann weiter? Hamsterkäufe im Supermarkt?“ Sie sagt, sie habe 4500 Euro Erspartes und sie hätte es gerne. In ihren Händen.

Es kommen immer mehr Bürger

Korai Straße, nahe der Athener Akademie. Hier reiht sich Bank an Bank, die Tür der Alpha Bank ist offen, ein Mitarbeiter hält sie auf, eine Mann im Anzug fragt, hat die Bank offen? Komme ich rein? Der Mitarbeiter erklärt, nein, die Bankfiliale sei nicht geöffnet, aber in den Büros, da würde gearbeitet. Nach wie vor. Er schließt die Tür schnell, denn es kommen immer mehr Bürger, sie haben Fragen. Ein Mann, er hat keine Zähne, er trägt ein T-Shirt „I love“ steht darauf, darunter prangt ein Konterfrei – von Putin.

Als er das Wort „Deutschland“ hört, dreht er sich um, „Merkel“ brüllt er, „wenn ich sie sehen würde, wenn ich vor ihr stehen würde, er würde ihr den Hals umdrehen". So, er greift mit der Hand zum Hals der Reporterin, die weicht zurück, „nein, nein“ sagt der Putin-T-Shirt-Träger dann, „dir nicht: I love you“, sagt er. Die Griechen unweit in der Schlange vor dem Automaten, blicken die Szene tonlos stirnrunzelnd an, ein Mann, dreht sich um, sieht die Reporterin aus Deutschland an, sagt: „Unserer Regierung würde ich auch gerne den Hals um drehen.“ Dann grinst er ein bisschen. Aber wirklich nur ein bisschen.