Queen in Berlin

„Nice to meet you“

Überall in der Stadt haben Fans der Queen zugeschaut. Ihre Begeisterung für das britische Königshaus hat viele Gründe

Als die Queen im Kanzleramt verschwunden ist, sagt ein Mann im Publikum: „Ich bin leider kein König, also zurück an die Arbeit.“ Aber der Mann schimpft nicht. Es habe sich für ihn gelohnt, seine Arbeit im Ministerium nebenan zu unterbrechen, sagt er. Wie ein kurzer Urlaub sei ein Blick auf Ihre Majestät gewesen. Der Besuch aus England „ist schließlich eine Erscheinung aus einer anderen Welt“.

Diese „andere Welt“ ist wenige Minuten zuvor genau zu beobachten. Die Queen fährt im offenen Boot vorbei an Kanzleramt und Reichstag. Das Regierungsviertel ist ein Ort, wo Menschen Anzug und Akten tragen, wo Demokratie vor allem Arbeit ist. Aber die Königin sitzt bequem im Boot, während Bundespräsident Joachim Gauck steht und wie ein Stadtführer die Bauten erläutert.

Einfach sitzen bleiben, wenn alle anderen arbeiten. Auch dieser Gedanke hat Besucher beim Besuch der Queen fasziniert. Sogar solche, die mit Monarchie nichts zu tun haben wollen. Aber wer sich umhört, erfährt: Das Interesse an der Queen hat viele Gründe.

Anruf von der britischen Botschaft

Schulleiter Frank Effenberger wusste bereits vor drei Wochen, dass dieser Tag außergewöhnlich wird. Da rief die britische Botschaft in der Charles-Dickens-Schule in Westend an: Eine Schulklasse werde dabei sein, wenn 350 Schüler der Königin von der Kronprinzenbrücke aus zuwinken. Also hatten Erstklässler am Vortag „aufgeregt“ Flaggen bemalt, der Union Jack auf der einen, die Bundesflagge auf der anderen Seite, wie es sich für eine zweisprachige Grundschule gehört. Einen Dresscode verordnete die Botschaft den Kindern aber nicht. Da war man vergleichsweise locker.

Also stehen die Schüler gegen halb zwölf dicht an dicht auf der Kronprinzenbrücke und rufen „Hello, Queen“. Generationen von Schülern kennen die Königin aus dem Schulbuch, bereits vor 30 Jahren trug sie Hut und Handschuhe. Die Schüler auf der Kronprinzenbrücke aber dürfen nun von sich sagen, dass sie die Queen wirklich einmal gesehen haben. Und so ist der Ausflug dann offizieller Teil des Unterrichts. Auch für Lea von einer Grundschule aus Moabit. Sie, die Schülerin, sei nach einer Prinzessin benannt, wie sie sagt – allerdings nach keiner britischen, sondern nach Prinzessin Lea aus „Krieg der Sterne“. Ebenso gehört es zu diesem Moment, dass zwar alle Schüler auf der Brücke jubeln – nicht wenige sich aber umso genauer die Polizeieskorte anschauen. Dicke Waffen, Außenborder. „Boah“, ruft ein Schüler.

Plötzlich ist vieles „britisch“ in Berlin in Gesprächen der Fans. Das triste Regenwetter? „Typisch britisch.“ Die disziplinierten Schlangen der Besucher vor einigen Absperrungen? „Typisch britisch.“ Die pünktliche Mittagspause der Queen? „Typisch britisch.“ All das aber auch ziemlich deutsch. Was wirklich britisch ist: dass sich ein Staat eine Königin mit all ihren Kostümen und ihrer Gefolgschaft leistet. Das zieht viele Berliner an. So wie Axel Wippermann aus Kreuzberg. Auf dem Kopf trägt er ein pinkes Hütchen mit Schleife, in der Hand hält er einen Union Jack, einen rosafarbenen. Souvenir von der Gay Pride in Brighton. Die Queen sei eine skurrile Person, sie möge bunte Kostüme, sagt Wippermann. „So wie ich, das passt einfach.“

Einige empfinden gar untertänige Bewunderung. Gabriele L. steht auf der Terrasse des Hauses der Kulturen der Welt. Elizabeth II. habe direkt in ihre Richtung geblickt, sagt sie. „In Deutschland haben wir eben keine so glamouröse Figur wie die Queen, das fehlt uns hier.“

Wirklich? Dass Deutschland eine Königin fehlt, war dann doch selten zu hören. Viele Besucher winkten bei dieser Frage ab und sagten, es gebe aus guten Gründen keine Staatsoberhäupter dieser Art mehr hier. Uwe, mit Sonnenbrille und grauer Rockermähne, sagt, in den 70er-Jahren habe man konsequent „God shave the Queen“ gesungen, also „rasiere die Königin“, anstelle von „God save the Queen“. Er könnte dieses „Tamtam mit Winkelementen“ nicht fassen, sagt der Mann. Aber gekommen ist er trotzdem. An anderer Stelle erklärt ein Vater seinem Sohn, dass die Königin von England in Wahrheit eine Deutsche sei. „Aber sag’ das keinem Engländer.“ Der Vater hält einen Vortrag über die Geschichte der Windsors, ihre Heiratspolitik, bis der Junge gähnt. Er ist noch keine sechs Jahre alt.

Respekt, auch darum geht es. Bernd Reichert aus Hamburg sagt: „Die Queen ist immerhin schon 89 Jahre alt und zieht ihr Amt durch.“ Das ist der andere Teil der Wahrheit: Natürlich darf die Queen sitzen, während die anderen arbeiten. Aber dass sich die Queen dabei entspannt, glaubt kaum einer. „Goldener Käfig“, dieser Begriff ist weiter ein Klassiker. Viele sprechen auch über Prinz William und Herzogin Kate, die „ein modernes Leben führen“. Angela Kuhn lebt in England und berichtet, dass Kate und William, vor allem ihre Babys, in England eine „neue Begeisterung für das Königshaus“ ausgelöst hätten.

Auch in Berlin? Proteste gab es jedenfalls nicht, das heißt was für Berlin. Am Hauptbahnhof steigt ein Mann mit Spielzeugkrone auf eine Steinmauer und lässt über Lautsprecher den Beatles-Song „Give Peace a Chance“ laufen. Viel mehr passiert nicht. Bemerkenswert auch, wie wenig gemeckert wird, dass die Suite der Queen pro Nacht 15.000 Euro kostet. Vielleicht sind die Nörgler gar nicht erst gekommen. Oder die Queen-Besucher behalten ihre Kritik an einem besonderen Tag für sich. Das wäre dann in der Tat „typisch britisch“.