Staatsbesuch

Meisterin des Minimalismus

Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums, hält die Queen’s Lecture

Ein Roboter also. Da hat Berlin alles – bis auf Sonne vielleicht – gegeben: unser Staatsoberhaupt und sein Schloss, die Kanzlerin und ihr Amt, das Adlon, die „Ajax“, die Spree. Überall winkten und lächelten Berliner, ein kleines Mädchen überreichte einen Blumenstrauß, der Union Jack flatterte mit der Deutschlandflagge in Eintracht. Aber dann war es ausgerechnet ein Roboter, der die Queen faszinierte. Sie konnte sich gar nicht lösen von dem weißen Püppchen.

Nao, der Roboter, arbeitet am Distributed-Artificial-Intelligence-Labor der Technischen Universität (TU), die Elizabeth II. am Mittwochnachmittag besuchte. Er ist humanoid, seine Gestalt ähnelt der eines Menschen, wenn auch einem sehr kleinen. Eine von Naos zentralen Aufgaben, neben dem Laufen auf zwei Beinen und dem Halten des Gleichgewichts, ist die Interaktion mit Menschen. Die Interaktion mit einer Königin dürfte zwar eine Premiere gewesen sein, aber eine, die er brillant meisterte. Es war das erste Mal bei diesem Besuch der Universität, dass die Queen lächelte.

Ein Roboter amüsiert die Queen

Nao lernt, menschliches Verhalten zu simulieren. So ganz aber gelang es ihm nicht. Denn während die meisten Menschen im Angesicht der Queen entweder in Übersprungshandlungen wild zu reden und zu gestikulieren beginnen oder erschrocken erstarren, wuchs Nao über die Menschen hinaus. Er amüsierte die Queen mit einem Tänzchen.

Elizabeth II. ist eine Meisterin des Minimalismus. Die große Geste liegt ihr nicht. Schon gar nicht die Selbstinszenierung. Ihr Alter verlangsamt ihre ohnehin schon sehr ruhigen Bewegungen zusätzlich, sodass man bei den kleinen Schritten, mit denen sie den Lichthof der TU durchquerte, fast Angst um sie bekam. So fragil kann sie scheinen. Und umso schöner ist es, wenn sie lächelt. Sie hat selbst einmal über sich gesagt, dass ihre natürliche Mimik eher unglücklich sei. „Ich habe diese Art Gesicht, bei dem ich, wenn ich nicht lächele, sofort sauertöpfisch aussehe.“

Dabei war die Queen eigentlich an die TU gekommen, um einem Menschen zuzuhören. Neil MacGregor, einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, und als Schotte außerdem Untertan der Königin, hielt die Queen’s Lecture. Die königliche Vorlesung war ein Geschenk, das Elizabeth II. 1965 bei ihrem ersten Besuch in Deutschland Berlin stiftete. Mit einer etwas längeren Unterbrechung zwischen 1975 und 1997 erinnert diese Vorlesungsreihe nun wieder jedes Jahr an den Tag, an dem die Königin seinerzeit in Berlin war.

Und dabei hätte eigentlich Neil MacGregor die Schwerpunkte seiner Rede kaum passender wählen können: Er redete darüber, was Menschen von Hunden lernen können, über glückliche, königliche Familien und wie wichtig ein schöner Park für die Verbreitung politischer Ideale in der Öffentlichkeit ist. Alles Lieblingsthemen der Queen. Besitzt sie doch selber wunderbare Parks und ist berühmt für ihre Fürsorge für ihre Hunde. Was königliche Familien angeht, kann sie auch längst wieder lächeln. Die Skandale um ihre Söhne und deren Frauen liegen zurück in den Neunzigern. Heute herrscht wieder Postkartenglück um den Buckingham Palace. Der Enkel William steht an zweiter Stelle der Thronfolge, und es gibt nicht wenige, die in ihm den nächsten König sehen.

Neil MacGregor sprach, sichtlich bewegt und fast ein bisschen nervös, über „Symbole einer Nation“. Die Unschärfe dieses eher weit gewählten Titels wusste er jedoch hervorragend zu nutzen. Er begann mit einem Beispiel geglückter deutsch-britischer Zusammenarbeit: einem Bild des deutschen Reichstags, dessen neu errichtete Kuppel von dem britischen Architekten Sir Norman Foster stammt.

Mac Gregor wiederum ist ein Meister des Details. Er erklärt die Konstruktion einer Nation gern durch die Verbindung von Momenten, die auf den ersten Blick gar keinen Zusammenhang haben. So gelang es ihm am Mittwoch auch vom Parlament zu einem Dackel überzuleiten, ohne dass der Zuhörer einen Bruch in der Argumentation hätte feststellen können. Georg III. und seine Frau dienten als weiteres Beispiel für deutsch-britische Zusammenarbeit. Er entstammte dem Haus Hannover, war König von dem Vereinigten Königreich und seine Braut war Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz. Sie begründeten, so MacGregor, das Ideal der königlichen Familie. „Sie hatten 13 Kinder, Grund war also genug vorhanden“, erklärte MacGregor. Sie waren auch die erste königliche Familie im Buckingham Palace, bis heute der Hauptwohnsitz der Queen.

George und Charlotte erfanden auch die Tradition der Briten, Pflanzen und Tiere zu lieben und sich für ihre Rechte einzusetzen. Ein Merkmal, dass auch ein weiteres deutsch-britisches Königspaar auszeichnete, Victoria und Albert. Die Königin und ihr Mann Albert von Sachsen-Coburg Gotha schätzten ihre Hunde so sehr, dass Victoria sogar den Tiermaler Edwin Henry Landseer engagierte, damit er Eos, den Lieblings-Greyhound von Albert, porträtierte. Auf dem Bild, das MacGregor zeigte, steht Eos stolz neben Zylinder und Handschuhen. „Ein Hund mit einem sehr sicheren Bewusstsein von seiner eigenen Überlegenheit“, sagte Mac Gregor. „Er scheint bereit für den Besuch der Oper.“ Ein weiteres Bild zeigte Eos hingebungsvoll zu den Füßen einer kleinen Prinzessin liegen. Das Kind in der Wiege ist übrigens Victoria, die älteste Tochter des Paares, die später einmal eine wichtige Rolle in Deutschland spielen würde. Sie war die Frau von Kaiser Friedrich III., die Mutter von Kaiser Wilhelm II. Sie brachte viele englische Ideen mit nach Deutschland. Auch über sie hätte MacGregor noch weiter reden können, aber er wollte sich lieber auf die Hunde konzentrieren.

Im Dienste der Königin

Landseers Bilder von Hunden nämlich verkörperten ein durchaus menschliches Ideal. „Sie zeigen uns, wie Menschen sich verhalten sollten.“ Eines der Bilder eines Straßenhundes könnte mit viel Fantasie sogar als die Entstehung des Begriffs „Underdog“ gedeutet werden. Über die englischen königlichen Parks und Gärten, deren Schönheit Fürst Pückler auf seinen Englandreisen zu fassen versuchte und deren Idee er nach Deutschland importierte, zu sehen in seinem Schlosspark in Muskau sowie im Gartenreich Dessau-Wörlitz, kam MacGregor dann schließlich zu James Bond, dessen erstes Abenteuer „Casino Royale“ 1953, ein Jahr nach Elizabeths Krönung, erschien. „Wir alle wollten im Dienst Ihrer Majestät stehen“, sagte MacGregor.

Zum Abschluss zeigte er den kurzen Clip, wie Elizabeth II. bei der Eröffnung der Olympischen Spiele James Bond empfängt. Er wird gespielt von Daniel Craig, sie von sich selbst. Das Publikum ist begeistert. Die Königin weniger. „Es ist typisch, dass in diesem national wie international so wichtigem Moment, ein Moment der gleichzeitig feierlich und urkomisch ist, die Queen im Zentrum steht“, erklärt MacGregor. Nicht oft lieferten uns Grammatikbücher Vorbilder, wie man sich im Leben verhalten sollte. Der Duden aber mache bei seinem Eintrag zu Elizabeth II. eine Ausnahme: „Die Queen, steht da“, referiert MacGregor. „Es gibt keinen Plural.“ Er hat recht. Es wird keine zweite geben. Undenkbar.

Die Queen hat in diesen Tagen ein unglaubliches Programm absolviert. Da ist ein tanzender Roboter vielleicht die beste Abwechslung. Eines Tages hört sie sich dieses wunderbare Lob von MacGregor vielleicht noch einmal in Ruhe an. Man würde sie gerne dabei lächeln sehen. Aber man gönnt ihr auch den seltenen Moment der Privatheit.